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10. September 2012

«Ich bin ein Möchtegern-Macho»

Der grosse Durchbruch als Schauspieler gelang ihm nie. Trotzdem kennt jeder das Gesicht von Max Rüdlinger. Nun trifft der «Griesgram der Nation» die deutsche Vorzeigefeministin Alice Schwarzer zum literarischen Schlagabtausch.

Max Rüdlinger
Max Rüdlinger hat einen schwarzen Humor und ein Image als Griesgram. Mit beidem lebt er bestens.

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Max Rüdlinger, am 1. Oktober treffen Sie am «Züri Littéraire» Alice Schwarzer zu einem Podiumsgespräch. Worüber wird geredet?

Wir werden uns wohl gegenseitig unsere Reiseerlebnisse um die Ohren hauen. Mein neues Buch heisst «Verreist» und enthält Tagebücher meiner vielen Reisen. Alice Schwarzer veröffentlichte einen Fotoband über Burma. Also nehme ich an, es geht um Reisen und nicht um mich als Macho.

Sind Sie denn einer?

Es wäre meine Lieblingsrolle. Ich bin ein Möchtegern-Macho.

Alice Schwarzer wird begeistert sein.

Fernsehmoderator Röbi Koller lud mich ein, weil er überzeugt ist, ich sei die ideale Ergänzung zu Alice Schwarzer. Ich habe zwar ein bisschen Bammel vor der Begegnung, aber immerhin bin ich Burma-kundig. Ich wurde dort sogar kurzzeitig als Mönch ordiniert.

Wie stehen Sie zu Feministinnen?

Ich bin ideologisch auf vieles herein­gefallen, aber nie auf Feminismus. Das hielt ich schon immer für Habakuk. Der Mann als Schuldiger am Weltelend, diese These gefällt mir nicht. Schliesslich stand hinter jedem Psychopathen, der bisher auf dieser Welt frevelte, eine Frau, die das gut fand. Von wem werden denn alle diese Irren erzogen? Von Müttern! Es war auch nie mein Anliegen, dass Frauen Schwingerköniginnen und Polizeipräsidentinnen werden müssen.

Warum nicht?

Weil wir ohnehin an einem Übermass an Maskulinität auf dieser Welt leiden. Wahre Emanzipation wäre, weiblichen Qualitäten den ihnen gebührenden Wert zuzugestehen. Wir brauchen doch nicht noch mehr Thatchers und Konsorten. Es ist aber ein Versagen der Männer, dass die Frauen das Zepter übernehmen mussten. Wenn ich nur schon Ausdrücke wie «Powerfrau» höre, sträuben sich mir die Haare. Was ich an Frauen so schätze, ist gerade ihre Zartheit.

Haben Sie eigentlich viele Freunde?

Nein, nur ein paar wenige. Leute, bei denen ich darauf bedacht bin, dass sie mir nicht zu sehr auf die Pelle rücken.

Sie gelten als Griesgram der Nation. Sind Sie das auch privat?

Nun, ich bin sicher nicht der fröhlichste Mensch im Lande. Aber vollumfänglich kann ich mich mit dieser wenig schmeichelhaften Beschreibung nicht identifizieren. Es ist einfach so: Wenn in einem Film die Rolle des Arschlochs zu be­setzen ist, ruft man immer mich an. ­Immerhin ist es mir gelungen, mir überhaupt ein Image zu schaffen. Das gelingt auch nicht jedem. Viele Kollegen sind bessere Schauspieler als ich, brachten es aber nie zu einem Image.

Hatten Sie diesen Stempel von Anfang an?

Ich wurde 1981 bei einer Demo in Bern von Regisseur Clemens Klopfenstein von der Strasse weg für meine erste Rolle verpflichtet. Eine Hauptrolle. Ich war heillos überfordert, aber überzeugt, dass aus mir ein Star wird. Ich konnte kaum mehr schlafen, sah mich in Champagner badend, alle Frauen dieser Welt zu meinen Füssen. Als nach einem halben Jahr die Filmerei tatsächlich losging, kümmerte sich auf dem Set kein Mensch um mich, was ich als persönliche Beleidigung auffasste. Also stand ich auf dem Set herum und war hässig.

Ich kann endgültig nichts. Darum wurde ich Schauspieler.

Und dabei ist es geblieben?

Grundsätzlich ja, denn man verweigerte mir auch bei den weiteren Drehs die Behandlung als Star. Wenn es hiess: «Kamera läuft», riss ich mich zusammen, öffnete mich kurz, soweit es halt ging, und spielte. Das klappte ganz gut, und wir drehten einen Film nach dem anderen. In meiner grenzenlosen Naivität dachte ich, das gehe jetzt so weiter. Nach sechs Jahren war aber Schluss.

Was haben Sie dann gemacht?

Ein bisschen Theater gespielt. Finanziell musste ich schwer unten durch.

Was hatten Sie denn vorher für einen Beruf?

Ich bin Studienabbrecher. Zuerst studierte ich Soziologie, scheiterte aber an der ersten Prüfung in Statistik. Dann sattelte ich um auf Philosophie und scheiterte am Kleinen Latinum. Also studierte ich Psychologie — und scheiterte nochmals am Fach Statistik.

Sie können also eigentlich nichts?

Ich kann endgültig nichts. Darum wurde ich Schauspieler. Da muss man nicht wirklich etwas können.

Max Rüdlinger
Max Rüdlingers 
bekanntester Film war «Das Schweigen der Männer» an der Seite seines langjährigen Freundes, Musiker Polo Hofer.

Wenn es so einfach wäre, würde es jeder tun.

Es braucht eine gewisse Frechheit, sich vorne hinzustellen, und die Fähigkeit, so zu agieren, dass es auf der Bühne oder auf Zelluloid Kontur bekommt. Griesgrämig dreinzuschauen ist dabei das Einfachste. Positiv zu wirken ist schon einiges schwieriger. Das ist allgemein schwierig, auch im Leben.

Haben Sie sich je gegen Ihr Image gewehrt?

Nicht eigentlich. Ich habe mir bezüglich meiner Schauspielkarriere sowieso nie ein Bein ausgerissen.

Aber Sie beschweren sich, dass Sie unterbeschäftigt sind...

... das ist gesagt, wie es ist. Um mehr Rollen zu bekommen, hätte ich mich mehr andienen müssen.

Bereuen Sie rückblickend, dass Sie sich nicht mehr ins Zeug gelegt haben?

Ich bereue nichts.

Werden Sie auf der Strasse erkannt?

Ab und zu. Aber die Schweiz ist kein Land für Starbewunderung. Wenn die Leute jemanden erkennen, sind sie sehr zurückhaltend. Mit meiner Berühmtheit kann ich also ganz gut leben. Vor allem verglichen mit meinem Freund Polo Hofer. Mich würde es wahnsinnig machen, wenn jeder das Gefühl hätte, er habe einen Anspruch auf mich. Aber Polo geht mit Grandezza damit um.

Haben Sie Fans?

Es gibt so verquere Typen, die mich gut finden, ja. Die sind aber genauso zurückhaltend wie ich. Ich bekomme etwa drei Autogrammwünsche pro Jahr. Die beantworte ich immer postwendend. Ein Fan sollte aber sein Idol nicht persönlich treffen, das ist nur enttäuschend. Wenn einer sähe, dass bei mir zu Hause eine Matratze auf dem Boden liegt, bliebe ihm eigentlich nur, mich umzubringen, um seine Illusion zu bewahren.

Sie haben einen makabren Humor.

In der Schweiz ist richtiges Startum eigentlich gar nicht möglich. Man begegnet einander ständig, steht hinter einer Berühmtheit an der Migroskasse und sieht Schuppen auf dem Revers. Das ist etwas unglamourös. Glamour funktioniert nur mit Distanz. Zum Beispiel mit einem zwei Meter hohen Zaun um die Villa. Das sieht in Beverly Hills gut aus, im Zürcher Industriequartier lächerlich.

Beneiden Sie erfolgreichere Kollegen?

Ja. Darum kündigte ich schon in einer frühen Phase meiner Karriere mein Ciné-Bulletin-Abo. Ich wollte doch nicht dauernd all die Filme unter die ­Nase gerieben bekommen, in denen ich nicht spielte.

Hatten Sie genug Engagements, oder lebten Sie von den Einkünften Ihrer Frauen?

Nie! Nicht ein einziges Mal! Ich spielte zwar in vielen Filmen, hatte aber immer nur wenige Drehtage, war also nie überbeschäftigt. Aber jetzt ist der Zapfen sowieso endgültig ab. Ich werde meine Schauspielkarriere beenden. Das würde ich gerne mit Pauken und Trompeten inszenieren, nur bin ich dafür leider zu wenig berühmt.

Immerhin wurden Sie kürzlich in einer Fernsehkritik als Ersatz für «Tatort»-Kommissar Stefan Gubser vorgeschlagen.

Diese Empfehlung war mein absoluter Karrierezenit.

«Das Schweigen der Männer» oder «Feuerland»: Max Rüdlingers schrägste Filmrollen.

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Nathalie Bissig