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16. Januar 2012

Ich bin ein Biep!

Hans kam als Erster damit: «Ach, Vati, du bist doch ein Biep!» — «Ein was?» — «Ein Biep! Kennsch nid?» Und ich konnte nicht mal schimpfen. Denn der Ausdruck, den er mir an den Kopf geworfen hatte, war schiere Selbstzensur. Listig! Die Kids halten neuerdings Mass, wenn sie fluchen. «Du bist ein Biep!»

Das kommt vermutlich von den vielen amerikanischen Serien und Rapvideos, die sie sich anschauen: Dort wird gemäss prüder amerikanischer Usanz jedes «fuck», «shit» und «cunt», jedes «tit» und jeder «motherfucker» (und der lieben betagten Leserin Gamber zuliebe, die unflätige Ausdrücke im «Brügglipuur» missbilligt, verzichte ich auf eine Übersetzung) mit einem Piepston übertönt, einem «Beep». So wird das Arschloch zum Biep. Für mich ist der schlaue Platzhalter nach den Schlämperligen, die ich zuletzt mit anhören musste — «Ey, bisch Behindi, Monn!», «Hirnamputiertä!», «Mongo!», «Spassti!» — extrem wohltuend. «Du bist ein Biep» klingt liebevoll, und der es ausspricht, kann sich hinter der alten französischen Losung «Honi soit qui mal y pense» verschanzen: Hört der Angesprochene etwas Unanständiges heraus, entspringt es dessen eigener Fantasie. Ein Beispiel mehr, wie schöpferisch die twitternde, SMS-elnde und facebookende Jugend mit Sprache umgeht, wie gewitzt ihre Ironie ist. Von wegen «Die haben keine Sprache mehr»! Sie haben eine eigene. Dem Spiel sind keine Grenzen gesetzt: «Willst du mich ver-biepen oder was?», «Ver-biep dich doch!». Und: «Diese Geometrieprüfung biept mich so was von an!»

Hans findet die Davoser Schlitten biep.

Die Schule ist manchmal biep, die Ufzgi sind es sowieso. Und der Davoser Schlitten, der sich so schlecht steuern lässt? Ist ein Biep. «Warum baut man die überhaupt noch, wenn man es doch heute besser wüsste und könnte?», fragt Hans. «Unsere Skier sehen ja auch nicht mehr aus wie im letzten Jahrhundert.» Und er hat recht. Wie meist. Biep.

Davoser-Schlitten
«Hans findet die Davoser-Schlitten biep.»

Biep hier, Biep da. Das ist schampar gäbig, denn es eröffnet mir die Möglichkeit, hier endlich mal die — sich oft im Pensionsalter befindlichen — Bieps anzusprechen und deren ver-biepte Angewohnheit, an der offenen Früchte- und Gemüseauslage jede Birne einzeln des Langen und Breiten zu befingern, jede Aprikose zu zerdrücken, sie dann für ungeeignet zu befinden und zu den anderen zurückzulegen, und so weiter. Diese Chaflerei finde ich … biep, biep, biep! Ein Blumenkohl, der vor dem Betatschtwerden keine Dellen hatte, hat sie bestimmt danach. Und ich soll ihn dann kaufen? Biep! Wenn ich grad am Biepen bin … Meine Meinung zum Abgang des Nationalbankpräsidenten lautet kurz und klar: Biep, biep, biiiiep! Ärgerlich, dass sich die Bie-bie-bieper von der Biepspartei nun als Ritter des Guten aufspielen können! Anderseits: Wie bebiept muss einer sein, wenn er es als Notenbankchef geschehen lässt, dass via sein Privatkonto im grossen Stil mit Währungsschwankungen spekuliert wird?

Meine Frau und ich haben übrigens auch ein gemeinsames Konto. Und ja, auch meine Gattin ist eine — wie hat Herr Hildebrand das so nett ausgedrückt? — «starke Persönlichkeit». Nur haben wir momentan grad keine halbe Million flüssig, die wir locker in Dollar anlegen könnten … Biep, noch mal!

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich. Bänz Friedli live: 19. 1. 2012 Neuenhof AG, 24. 1. 2012 Hittnau ZH.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli