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14. Mai 2012

Ich bin Brad Pitt

Nichts gegen meine Dentalhygienikerin. Nach Verlassen ihrer Praxis schwebt man entrückt übers Trottoir – und zugleich selbstbewusst; gerade so, wie wenn man aus dem Kino ans Licht tritt und für kurze selige Augenblicke ganz Brad Pitt ist, breitbeinig, unbestechlich und mit einem blendend weissen Lächeln.

Nein, ehrlich, nichts gegen meine Dentalhygienikerin. Aber sie soll den viertschönsten Job der Welt haben?! Wo sie den ganzen Tag in stinkenden fremden Rachen zu hantieren hat, sich Speichel, Blut und Eiter von der Schürze wischen muss? Und Sie wissen ja, wie zertrümmerter Zahnstein riecht? Falls nicht, seien Sie froh. Also, mich täte das grausen. Aber es ist der viertschönste aller Jobs: Dentalhygienikerin. Und der schönste ist Softwareprogrammierer. Behauptet eine Studie. Die Amis mal wieder: Listen 200 Berufe nach deren angeblicher Attraktivität auf, gemessen an Einkommen, Arbeitsumfeld, Strapazen, Stress und der Aussicht auf eine Stelle. Und es sei, haben die Fachleute herausgefunden, eben das Bestmögliche, den ganzen Tag auf einem Bürostuhl zu hocken, in einen Bildschirm zu glotzen und auf einer Tastatur zu töggelen. An der frischen Luft im Wald Holz zu fällen hingegen ist immer – gemäss Studie – das Schlimmste. Meine Optikerin liegt auf Rang 44 gut im Rennen. Dennoch möchte ich mit ihr nicht tauschen, ihr Neonlichtarbeitsplatz in der Bahnhofunterführung missfällt mir, die pressante Kundschaft müsste ich nicht haben.

«Taffe Jobs? Was wissen die denn!»
«Taffe Jobs? Was wissen die denn!»

Ich lese und staune: Immer noch gut platziert, auf Rang 58, der Nukleartechniker. Beste Anstellungschancen, heisst es, gutes Umfeld, wenig Stress. Der Maurer rangiert noch vor der Schulvorsteherin auf Rang 72. Man scrollt und scrollt, stellt fest, dass Bestatter, Chemikerin und Zoohändler, Lastwagenfahrerin und Flugzeugmechaniker scheints den besseren Job haben als man selbst, scrollt weiter und … Der Skandal ist: Housewife/Househusband kommt in der Liste gar nicht vor. Weil die Arbeit in Haus und Familie offenbar noch immer nichtig ist, «Hausfrau» noch immer nicht als Job gilt. Anspruchsvolle, taffe, tolle Jobs? Was wissen die denn! Wenn Hans eine Sagex-Schachtel nämlich nicht verbastelt, sondern mir wie vorigen Freitag beim Aufräumen des Kellers hilft und eine Schachtel so zerkleinert, dass sie in den Abfallsack passt, wird die Sauerei noch viel grösser. Zu schweigen von meinem ärgsten Ärgernis: dem Abrieb von Radiergummis. Damit sind Tisch und Bänke übersät, nachdem die Kinder ihre Hausaufgaben gemacht haben. Und jetzt muss ich noch rasch … Schön streng ist das. Und dennoch schön.

Taffe Jobs? Was wissen die denn!

Da mein abgebrochenes Studium über 25 Jahre zurückliegt und mehr abgebrochen als ein Studium war, ich also der hehren Wissenschaft eher abhold bin, behaupte ich nun mal, dass es sich mit Studien so verhält: Zu jeder, die etwas nachweist, gibts eine andere, die das Gegenteil zu beweisen vorgibt. «Krippenkinder sind sozialer», befindet die eine Uni nach hochwissenschaftlicher Untersuchung. Die nächste Uni legt dar: «Kinder, die die Krippe besuchen, sind aggressiver.» Kurzum, wahr ist noch immer, was ich sage. Daher korrigere ich die Liste der besten Jobs hier offiziell. Rang eins, neu: Hausfrau/Hausmann. Letzter und 200. Rang, neu: Hausfrau/Hausmann. Ist es nicht so? Wir haben den schönsten, manchmal aber den tami noch mal schwierigsten Job der Welt.

Bänz Friedli live: 22. Mai, Heerbrugg SG

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli