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13. Januar 2014

Ich bin auch ein Känguru

Das Tragetuch
Tuch-Terrorismus, Baby-Bondage oder einfach nur praktisch? Das Tragetuch (Illustration: Heike Wiechmann).

Wo waren wir letzte Woche stehen geblieben? Richtig. An der Stelle, an der ich feststellen musste, dass meine Erstgeborene keinen Bock auf Kinderwagen fahren hatte. Da gute Mütter ihre Kleinen zumindest hin und wieder zum Auslüften an die frische Luft bringen, musste schnell eine Alternative zum Hightech-Wägeli her.

Ich gebe zu: Ich hatte null Ahnung von Tragetüchern, kannte diese Dinger höchstens aus Geo-Reportagen ("Überleben in der afrikanischen Savanne"). Ich hatte aber sehr wohl eine Vorstellung davon, was das für Mütter waren, die ihre Babys mitten in Europa mit einem Stück Stoff an sich fesselten, obwohl es doch ganz wunderbare Kinderwagen gab. Denen ging es um mehr als nur ums Tragen. Das war Tuch-Terrorismus vom Feinsten. Die Stoffbahn war nämlich nur der Anfang. Diese Frauen (und Männer) schwammen auch sonst gegen den Strom. Sie wuschen die Stoffwindeln ihrer Babys lieber mit Seifenbaum-Nüssen statt mit "Total". Immer, wenn man nicht damit rechnete, packten sie (die Frauen!) ihre Brüste aus und liessen sie ins Tuch baumeln. Wie bei echten Kängurus. Kurzum: Ich war ein wenig voreingenommen. Aber Ida liess mir keine Wahl.

Also besorgte ich mir ein sechs Meter langes gewebtes Baumwolltuch und bat meine Hebamme, mich in die Geheimnisse des Baby-Bondage einzuweihen. Die Binderei war viel einfacher als gedacht. Das Verblüffendste war aber, dass sich meine plärrende, unglückliche Tochter im Tuch binnen Sekunden beruhigte. Mehr als das. Sie kuschelte sich an mich, lehnte ihr Köpfchen an meine Brust und seufzte erleichtert, so, als wollte sie sagen: Endlich in Sicherheit! In solchen Momenten fällt es einem nicht schwer, sich von Vorurteilen zu verabschieden. Das, was meinem Kind gut tut, kann nur richtig sein.

Welcome to Down Under! Ich wurde also auch ein Känguru. Und was für eines. Obwohl ich bis heute nie Waschnüsse gekauft habe, trug ich meine beiden Kinder, bis sie begannen, mit ihrem Trotti vor mir wegzufahren, wenn ich mit dem Tuch kam. Ich band meine Babys vor meinen Bauch, schnürte sie mir irgendwann auf den Rücken und am Schluss dann über die Hüfte. Das Känguru in mir kannte keine Grenzen. Ich trug im Supermarkt, ich trug im Wald, ich trug in den USA-Ferien (und löste in der US-Shopping-Mall einen Menschenauflauf aus, da die Amis scheinbar noch nie ein Tragetuch gesehen hatten).

Leider wurde ich, ohne es zu merken, schleichend zur Tuch-Terroristin. Meine Begeisterung für die archaische Stoffbahn war so gross, dass ich andere bekehren wollte. Einmal stellte ich einen Vater zur Rede, der sein Kind in einen dieser blauen Babybär-Rucksäcke gesetzt hatte. Und zwar mit dem Kopf in Laufrichtung. Das, so liess ich ihn wissen, gehe gar nicht. Nach einem Fachvortrag über Hüftdysplasien und Reizüberflutung liess ich den Armen endlich in Ruhe. Und anschliessend schämte ich mich ein bisschen. Denn: Es muss nicht immer die perfekte Lösung sein. Jede Minute, die ein Kind getragen wird, ist wertvoll. Und zwar für das Känguru-Kind und für die Känguru-Eltern.

Autor: Bettina Leinenbach