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22. Februar 2016

Hundetherapie weckt die sanfte Seite der Häftlinge

Die Berner Sennenhündin Indira und Therapeutin Theres Germann arbeiten regelmässig im Gefängnis Lenzburg. Hundetherapie ist im hiesigen Strafvollzug noch selten, aber erfolgreich: Die Tiere schaffen es oft besser als Menschen, den Inhaftierten Einfühlungsvermögen beizubringen.

Inhaftierter mit der Sennenhündin Indira
Beschäftigen sich die Inhaftierten mit der Sennenhündin Indira, werden sie ruhiger und kapseln sich weniger ab.

Mit einem metallischen Klicken fällt die Sicherheitstür ins Schloss. Theres Germann und ihre fünfjährige Berner Sennenhündin Indira stehen im Gefängnishof des Sicherheitstrakts im Zentralgefängnis Lenzburg AG. Neben ihr wartet der Gefangene, Benno Müller heisst er für uns, beaufsichtigt von einem Vollzugsbeamten, der die Stunde mit wachsamen Augen verfolgen wird.

Theres Germann (59), kurze dunkle Haare und klare Stimme, trägt eine Plastikkiste zum Tisch unter den Sonnenschirmen. Darin bewahrt die Fachfrau für tiergestützte Therapie, Pädagogik und Beratung (ESAAT, European Society for Animal Assisted Therapy) Hundeleckerli auf, einen grossen Wassernapf, Fliegenklatschen, eine Decke und Hundespiel­sachen – alle Gegenstände wurden streng kontrolliert. Damit wird der Strafgefangene in der nächsten Stunde arbeiten.

Theres Germann mit Indira
Theres Germann mit Indira: Seit fünf Jahren arbeitet die Fachfrau für tiergestützte Therapie mit ihren Hunden im Zentralgefängnis Lenzburg.

Benno Müller ist der erste Hochsicherheitshäftling hierzulande, der nicht nur eine tiergestützte Therapie erhält, sondern bereits zum zweiten Mal mithilft, einen Therapiebegleithund auszubilden. Nach der Begrüssung und kurzer Absprache mit Theres Germann geht er zur Mitte des Spazierhofs. Ringsum ragen hohe Gitter auf, dahinter noch höhere Betonwände, in einer Ecke plätschert Wasser in einen kleinen Teich. Breitbeinig steht der Gefangene da, konzentriert sich, dann hält er eine Fliegenklatsche hüfthoch neben sich und macht das Handzeichen. Indira gehorcht sofort und trabt gemächlich auf ihn zu, ohne zu zögern berührt sie mit der Schnauze die Klatsche. Perfekt gemacht, zum Lob reicht ihr der junge Mann ein Leckerli.

Kontakt zum Hund bricht die Isolation auf

Die stattliche Hundedame wirkt entspannt, sie fühlt sich wohl – ein zentraler Punkt für Therapeutin Germann: «Das Hundewohl hat immer oberste Priorität», sagt sie, da ist sie absolut strikt. Zeigt der Hund das geringste Anzeichen von Unwohlsein, ist das für sie ein Grund, eine Therapiestunde zu unterbrechen oder bei eindeutigen Stresssignalen abzubrechen. Benno Müller hat in den drei Jahren nie den geringsten Anlass gegeben. Im Gegenteil: Wenn er mit dem Hund arbeitet, ist er ein anderer Mensch, munterer, konzentrierter und vor allem überraschend rücksichtsvoll.

Das ist nicht selbstverständlich: Benno Müller, heute 24 Jahre alt, hatte seine Impulse nicht immer im Griff. Als 13-Jähriger hat er ein Mädchen umgebracht, nur wenig älter als er. «Seither», sagt er leise, «vergeht kein Tag, an dem ich nicht wünschte, ich könnte das ungeschehen machen.» Seit seiner Tat lebt Müller in Gefangenschaft, zuerst im Jugendstrafvollzug, seit vier Jahren lautet seine Adresse «SITRAK 2», Sicherheitstrakt II in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg.
Direkten Kontakt zu anderen Gefangenen hat er nur in einer kleinen Gruppe, Besuch empfängt er bloss hinter Sicherheitsglas. Wer so lange isoliert und ohne soziale Kontakte im Gefängnis lebt, verkümmert. «Prisonisierung» nennt das die forensische Psychiaterin Bernadette Roos. «Gefangene haben nach jahrelanger Haft ein unglaubliches Manko an geistiger Anregung, an Wärme und Körperkontakt. Dadurch werden viele antriebslos, und psychische Erkrankungen verstärken sich.»

Wenn Roos die Gefangenen im Sicherheitstrakt besuchte, sah sie manchmal Theres Germann und ihre Hunde bei der Arbeit im Normalvollzug. Sofort dachte sie: «Das wäre auch etwas für den Sicherheitstrakt. Hunde sehen nicht die Tat, für sie zählt nur, wie ein Mensch im Moment mit ihnen umgeht.»
Die Argumente für die tiergestützte Therapie (TGT) sind überzeugend. «Tiere gehen vorurteilslos auf die Gefangenen zu, melden ihnen aber schonungslos zurück, wenn sie sich unpassend verhalten», erklärte Theres Germann, als sie Gefängnisdirektor Marcel Ruf vor fünf Jahren erstmals ihre Idee für das Gefängnisprojekt vorstellte. TGT, sagte sie, könne bewirken, dass Straftäter, die unfähig sind, ihre Impulse gegenüber Mitmenschen zu kontrollieren oder sich einzufühlen, das mit einem Hund problemlos lernen und am Ende sogar auf ihre Beziehung zu Menschen übertragen können.

Eine wichtige Aufgabe des Freiheitsentzugs ist die Resozialisierung der Straftäter.

«Ihre Argumente leuchteten mir sofort ein», sagt Ruf heute. Er ist gern für Neuerungen zu haben, wenn sie die Bedingungen in seinem Gefängnis verbessern. «Eine wichtige Aufgabe des Freiheitsentzugs ist die Resozialisierung der Straftäter», sagt der Gefängnisdirektor. Er gab sein Okay, zuerst für den Normalvollzug, dann, vor drei Jahren, auch für den Sicherheits- und Hochsicherheitstrakt.
In den USA und Grossbritannien gibt es ähnliche Programme, in der Schweiz ist Lenzburg die einzige Strafanstalt, die das im Sicherheitstrakt anbietet. «Die hundegestützte Therapie zeigt bei einigen Strafgefangenen eine erstaunliche Wirkung. Sie werden viel ruhiger, und zugleich kapseln sie sich weniger ab», sagt Ruf. «Dieser positive Effekt ist noch zwei Tage danach spürbar.»

Das beobachtet auch Bruno Graber, Leiter Zentralgefängnis. Obwohl der Aufwand gross ist, weil bei einer Therapiestunde ein bis drei Vollzugsbeamte dabei sein müssen, steht er voll dahinter: «Die Gefangenen sind danach spürbar weniger aggressiv, das erhöht die Chancen, sie eines Tages wieder in die Gesellschaft einzugliedern.»
Bei Benno Müller ist die Wirkung gut spürbar. Die Jahre im Strafvollzug haben auch ihm nicht gutgetan, abgelöscht schleppte er sich durch gleichförmige Tage. Seit er vor drei Jahren erstmals an der tiergestützten Therapie teilnehmen durfte, hat er 20 Kilogramm abgenommen, er ist motiviert und verbessert laufend seine sozialen Kompetenzen. «Ich freue mich immer extrem auf die Stunde mit Indira», sagt er.

Häftling hilft bei der Ausbildung

Während Benno Müller mit Theres Germann die nächste Übung bespricht, liegt seine Hand auf Indiras Rücken, sanft krault er ihren kräftigen Hals. Er hat gelernt, wie er sich der Hundedame seitwärts nähern muss, um sie nicht zu erschrecken, und er merkt, wenn sie Rückzug benötigt. In seinem blauen «Hundeheft» skizziert der Häftling sorgfältig die Übungen, die er nächstes Mal durchführen möchte.

Noch mehr Verantwortung hat er, seit er zusätzlich zur Therapie an einem anderen Tag einen neuen Hund zum Therapiebegleithund ausbildet. «Herr Müller lernt, sich in Geduld zu üben», sagt Theres Germann nach zwei Probestunden. Er muss sich auf einen neuen Hundecharakter einlassen und sich Mühe geben, das Vertrauen der dreijährigen Hündin zu gewinnen. Nur so besteht sie nach einem Jahr die Prüfung.

«Benno Müller hat grosse Fortschritte gemacht», sagt Theres Germann. Nach einer ruhigen Kraulrunde auf der Decke ist die Stunde beendet. Müller führt Indira noch einmal zum Wassernapf, dann umarmt er sie zum Abschied. Es fällt ihm sichtlich schwer, sich von der Hündin zu trennen. Dann nimmt Germann die Leine und marschiert mit Indira zum Ausgang. Mit einem metallischen Klicken fällt die Tür hinter ihr ins Schloss.

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Daniel Auf der Mauer