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11. Januar 2016

Hunderte von Menschen suchen ihre Angehörigen

Im vergangenen Jahr wurden allein beim Schweizerischen Roten Kreuz 1882 Personen als vermisst gemeldet. Auch eine Folge der Flüchtlingswelle: Die meisten der Gesuchten sind irgendwo auf ihrem beschwerlichen Weg nach Europa verschollen.

SRK-Mitabeiterin Nicole Windlin
Projekt «Trace the Face»: SRK-Mitabeiterin Nicole Windlin hilft, vermisste Angehörige aufzuspüren. (Bild SRK)

Trauriger Rekord: Der Suchdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) hat 2015 deutlich mehr Fälle bearbeitet als in der Vergangenheit. Insgesamt 1882 Menschen wurden von Angehörigen als vermisst gemeldet; in früheren Jahren waren es jeweils rund 200.
Hauptverantwortlich für den Anstieg sei die Flüchtlingskrise, sagt SRK-Mitabeiterin Nicole Windlin gegenüber der «NZZ am Sonntag». Rund zwei Drittel der Anfragen stammten von Menschen auf der Flucht. In Windlins Berner Büro haben während der vergangenen 12 Monate Menschen aus 66 Nationen angeklopft.

Um die Vermissten zu finden, arbeitet das SRK eng mit internationalen Organisationen wie dem IKRK und lokalen Netzwerken zusammen. Helfen kann auch das Projekt «Trace the Face»: Auf der gleichnamigen Website veröffent­lichen Personen, die jemanden ­vermissen, Fotos von sich selbst – in der Hoffnung, dass die Gesuchten sie erkennen und kontaktieren. Das SRK betreut zudem auch Schweizerinnen und Schweizer, die eine ihnen nahestehende Person aus den Augen verloren haben.

Mehrere hundert Menschen verschwinden Jahr für Jahr; exakte Zahlen existieren nicht. Oft enden diese Geschichten mit einem Happy End: Der aus­gebüxte Teenager kehrt am nächsten ­Morgen zurück – alles nur ein Missverständnis. 2015 konnte das SRK in 150 Fällen den Verbleib ­einer ­vermissten Person klären. In einigen Fällen blieb aber nur die traurige Aufgabe, Angehörige über den Tod der vermissten Person zu informieren.

«Wir sehen es nicht gern, wenn Angehörige die Bilder der Vermissten auf Facebook posten»

Andreas Brunner (57)  koordiniert bei der Kantons­polizei St. Gallen die Vermisstenfälle
Andreas Brunner (57) koordiniert bei der Kantons­polizei St. Gallen die Vermisstenfälle.

Andreas Brunner (57) koordiniert bei der Kantons­polizei St. Gallen die Vermisstenfälle.

Andreas Brunner, wann gilt eine Person als vermisst?

Die Kantonspolizei St. Gallen hat im vergangenen Jahr 335 Personen als vermisst registriert. Der Begriff ist aber rechtlich nicht definiert. Ein ­typischer Fall ist der Mann, der am Samstag wandern geht und nicht mehr heimkehrt. Aufgrund bestimmter ­Gefahren ist davon auszugehen, dass ihm etwas passiert ist – er gilt also tatsächlich als vermisst. Wenn­ es aber bloss einen Streit gab und ­einer geht, ohne dem anderen etwas zu sagen, gilt er nicht als vermisst – dann ist er einfach davongelaufen. Eine handlungsfähige Person ist ­keinem Rechenschaft schuldig.

Wann reagieren Sie sofort?

Das kommt auf die Umstände an. Es kann einen Tag dauern oder eine Woche, bis wir reagieren. Wenn etwa eine Person Medikamente benötigt, ist ihre Gesundheit oder gar ihr Leben gefährdet; da intervenieren wir rasch. Auch bei vermissten Kleinkindern müssen wir sofort tätig werden. Dass man die Polizei erst nach 24 Stunden einschalten kann, ist ein Irrglaube.

Welche Kriterien gelten bei davongelaufenen Jugendlichen?

Es gibt vermisste, entlaufene oder entwichene Personen. Jugendliche, die von zu Hause abhauen, gelten als entlaufen. Jugendliche, die einen zugewiesenen Aufenthaltsort wie ein Heim oder eine Pflegefamilie haben, gelten als entwichen. 2015 hatten wir 199 vermisste, 109 entlaufene und 27 entwichene Personen.

Warum verschwinden Menschen?

Bei Jugendlichen sind es in der Regel Konflikte zu Hause, in der Schule oder in der Lehre. Im besten Fall kommen sie von allein zurück. Bei erwachsenen Personen sind die Ursachen vielfältiger: Sie beabsichtigen, unterzutauchen, oder planen, sich das Leben zu nehmen. Sie verunfallen, verschwinden in den Bergen oder werden Opfer einer Straftat.

Wie viele Personen konnte die Polizei wiederfinden?

Im Kanton St. Gallen konnten wir im vergangenen Jahr alle 335 Vermissten bis auf drei Personen ausfindig machen. Die meisten Fälle lösen sich innerhalb der ersten Stunden auf.

Welche Rolle spielen Medien und Social Media bei der Suche?

Wir sehen es nicht gern, wenn Angehörige die Bilder der vermissten Personen auf Facebook posten. Wir haben unsere Mittel und Wege, um nach Jugendlichen zu suchen. Wenn Eltern die Medien mit Bildern bedienen, üben sie einen so grossen Druck auf die Jugendlichen aus, dass diese panisch reagieren könnten.

Nämlich wie?

Es ist zu befürchten, dass sie sich dann erst recht nicht mehr getrauen, sich zu melden. Zudem könnten Jugendliche später bei der Lehrstellensuche Probleme bekommen, wenn man weiss, dass sie mal Ärger verursacht haben. Die jungen Menschen werden auf eine Weise geoutet, die nicht verantwortbar ist. Das verstehen die Eltern manchmal nicht. Darum sind wir mit dem Gang an die Öffentlichkeit sehr vorsichtig. Bei Hinweisen darauf, dass eine Person verunfallt oder gefährdet ist, sieht das etwas anders aus: Bei Bergunfällen beispielsweise können uns soziale Medien oder Bergportale sehr helfen.

Ist es in Zeiten der totalen Vernetzung und Überwachung nicht schwieriger, zu verschwinden?

Nicht unbedingt. Gerade Leute, die ein neues Leben anfangen möchten, sind manchmal nicht auffindbar. Und wenn wir sie dann doch finden, haben wir nicht das Recht, der Familie den Aufenthaltsort ohne Bewilligung des Vermissten mitzuteilen. In solchen Fällen können wir lediglich sagen, dass die Person wohlauf sei. Das mag hart sein, aber wenn man sich eine Frau vorstellt, die vor ihrem ­gewalttätigen Mann flieht, ist das durchaus sinnvoll. 

Autor: Anne-Sophie Keller