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09. Mai 2016

Hundedressur

Mitarbeit im Haushalt
Lassen sich Kinder mit Bonussystemen zur Mitarbeit im Haushalt bewegen? (Bild: Getty Images)

Ich muss gestehen, ich war selbst ein wenig überrascht. Nachdem ich in einer meiner letzten Kolumnen von unserem Selbstversuch mit der Punktesammelmaschine berichtet hatte, regnete es Leserbriefe, Anfragen, Kommentare. Die meisten Leute wollten vor allem wissen, wo man das Zaubergerät beziehen kann und ob es einen Expressversand gibt. Aber es gab auch kritische Rückmeldungen. Besonders heftig fiel die Reaktion eines Lesers aus. Das sei «widerlich», postete er auf der Mamma-mia-Seite auf Facebook.
Seither grüble ich: Bin ich eine schlechte Mutter, nur weil es mich nervt, dass meine Töchter es noch nicht einmal schaffen, ihre dreckigen Socken in die Wäsche zu legen? Mache ich es mir zu einfach, wenn ich ab sofort kleinere Einsätze der Kinder belohne? Hat das Sammeln von Punkten etwas von Hundedressur? Da gibt es ja bekanntlich auch ein Leckerli für Barry, wenn er das Stöckchen holt.

Ich habe es noch nicht völlig verstanden, aber ich glaube, der Leser vermischt zwei verschiedene Dinge: bedingungslose Liebe und Gemeinschaftssinn.
Fangen wir mit der Liebe an. Die emotionale Nähe, die ich in Bezug auf Ida und Eva empfinde, ist unendlich, meine Hingabe ebenso. Gelegentlich kommt mir zwar der Gedanke, die lieben Kleinen auf Ricardo zu versteigern, aber das ist meines Erachtens nur eine Form der mütterlichen Psychohygiene. Mamis müssen auch mal sagen dürfen, dass der Job echt anstrengend sein kann, oder? Die Liebe zu meinen Kindern ist aber an keine Bedingungen geknüpft. Sie hat auch dann Bestand, wenn Eva die Zimmerwand mit dem Filzstift traktiert oder Ida zum hunderttausendsten Mal ihr Pyji im Korridor liegen lässt. Ich würde die Mädchen sogar noch weiterlieben, wenn sie meine Nähmaschine in die Abwaschmaschine stellen würden – das will was heissen.

Das bedeutet aber nicht, dass es in unserer Familie nicht auch so etwas wie Regeln geben kann. Abmachungen und Vereinbarungen, die dazu da sind, dass der Alltag reibungsloser abläuft. Als ich vielleicht zehn Jahre alt war, bestimmten meine Eltern, es sei an der Zeit, dass ich im Haushalt mehr mit anpacken sollte. Von da an musste ich jeweils am Samstag das Familienbad schrubben. Ich kann heute die Idee dahinter nachvollziehen. Dennoch: Der Auftrag war weder kindgerecht noch pädagogisch wertvoll. Wenn ich mich drückte, das Brünneli zu putzen, drohte der Liebesentzug. Das ist die mächtigste Waffe, die Eltern einsetzen können. Die Methode wird in vielen Familien routinemässig benutzt, um Kinder zur Mithilfe anzutreiben. Bewährt ist auch die Mitleidsnummer: Wenn der Zehnjährige dieses oder jenes nicht macht, dann ist er schuld, dass das Mami fest gestresst und müde ist. Das ist wirklich widerlich.

Wenn man einer Siebenjährigen aber virtuelle Punkte schenkt, wenn sie ihr benutztes Znüniböxli in die Küche trägt, ist das nicht verwerflich, sondern schlau. Gemeinschaftssinn muss gelernt werden. Es vergehen viele Jahre, bevor die Kinder auf einer philosophischen Ebene verstehen, warum Mithelfen allen hilft.
Wir sammeln also weiter Punkte, bis dieser Moment gekommen ist. Es wird wohl noch Jahre dauern. Ich finde, das ist okay. Und übrigens: In unserer Familie werden niemals bereits verdiente Punkte abgezogen. Wir Eltern haben schon genug Macht.

Autor: Bettina Leinenbach