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17. Februar 2014

«Hürden abbauen»

Das Rentenalter soll nicht generell erhöht werden, meint die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter (50) im Interview. «Ein fliessender Übergang in den Ruhestand» sei das Ziel, Teilrenten gäbe es wie vom Bundesrat geplant sowohl vor wie nach 65 Jahren.

Karin Keller-Sutter
DIe St.Galler FDP-Nationalrätin Karin Keller-Sutter (Bild zVg).

Ich bin 41 Jahre alt. Wie alt werde ich zum Zeitpunkt meiner Pensionierung sein?
Die Schweiz ist inzwischen das Land mit der höchsten Lebenserwartung. Darum werden Sie sich wahrscheinlich erst irgendwann zwischen 65 und 70 aus dem aktiven Leben zurückziehen.
Weil meine Rente nicht reicht?
Nein, sondern weil Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit noch sehr gesund und fit sein werden. Darum möchten Sie auch nach 65 noch arbeiten – entweder in Teilzeit oder ehrenamtlich.
Die Vimentis-Umfrage zeigt indes, dass nur gerade 26 Prozent ein höheres Rentenalter befürworten.
Altern ist sehr individuell. Zudem gibt es Berufe, welche die Gesundheit stärker belasten als andere. Das Rentenalter soll denn auch nicht generell erhöht werden. In der «Altersvorsorge 2020» spricht der Bundesrat von einem Referenzrentenalter. Es soll Raum für eine individuelle Gestaltung lassen.
Ist dieses Referenzalter nicht bloss eine schöne Umschreibung eines höheren Rentenalters, das niemand beim Namen nennen will?
Nein, die Idee ist ein fliessender Übergang in den Ruhestand. Es soll möglich sein, Teilrenten aus der 1. und 2. Säule zu beziehen – sowohl vor wie auch nach dem Referenzalter, das gemäss der aktuellen Vorlage für beide Geschlechter bei 65 Jahren liegen soll.
Ältere Arbeitnehmer haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt. Dasselbe gilt in vielen Branchen für Teilzeitarbeitende. Welche Anreize muss die Politik setzen, damit Unternehmen umdenken?
Auf Grund des demografischen Wandels wird es in Zukunft einen Mangel an Fachkräften geben. Darum müssen die Unternehmen in jedem Fall umdenken. Die Politik könnte allenfalls bestehende Hürden für ältere Arbeitnehmer abbauen. So könnte man bei der Pensionskasse beispielsweise eine Flatrate einführen. Alle Arbeitnehmer, egal welchen Alters, würden dann gleich viel in die 2. Säule einzahlen. Heute sind ältere Arbeitnehmer wegen der hohen Sozialabgaben für manche Unternehmen zu teuer.
Welche Schlussfolgerungen für Ihre politische Arbeit ziehen Sie aufgrund der Umfrageresultate?
Die Resultate zeigen, dass das gleiche Rentenalter für Mann und Frau mehrheitsfähig ist, eine Erhöhung über 65 hinaus jedoch nicht. Gewünscht ist auch ein gleitender Übergang in den Ruhestand.
Das sind alles Punkte, die auch die Reform vorsieht. Welche anderen Akzente hätten Sie als Bundesrätin gesetzt?
Positiv ist die Auslegeordnung der Vorlage. Die AHV und die Pensionskasse ergänzen sich gegenseitig, darum muss man sie auch gemeinsam betrachten. Allerdings sollte man einzelne Punkte einzeln an die Urne bringen, weil die Reform als Gesamtpaket scheitern könnte. Dieses Risiko sollten wir nicht eingehen. Zudem ist die Vorlage, so, wie sie derzeit in der Vernehmlassung ist, zu teuer. Sie setzt zu stark auf Mehreinnahmen. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2 Prozent ist happig und darum nicht mehrheitsfähig – was ja auch die Umfrage zeigt.
Die Umfrage zeigt auch, dass die Massnahmen überall dort mehrheitsfähig sind, wo bloss Personen mit grossem Vermögen von Mehrkosten beziehungsweise Rentenkürzungen betroffen wären. Ziehen Sie solche Massnahmen auch in Erwägung?
Da bin ich dagegen. Schon heute zahlen Gutverdienende durch ihre Lohnabzüge viel mehr AHV als der Durchschnitt, erhalten aber in der Pension deswegen keine grössere AHV-Rente. Darum wäre es ungerecht, wenn gerade ihre Renten gekürzt würden.
Wie stellen Sie sich persönlich Ihr Leben im Ruhestand vor?
Ich habe noch einige Erwerbsjahre vor mir, aber wahrscheinlich ähnliche Wünsche wie andere Menschen auch: Ich würde gern mit meinem Mann zusammen alt werden und solange wie möglich gesund und aktiv bleiben. Auf jeden Fall möchte ich möglichst lange tätig bleiben und mich für die Gesellschaft engagieren. Ich glaube, darin liegt auch das Geheimnis der Zufriedenheit im Alter – im Austausch und Kontakt mit anderen.

Autor: Andrea Freiermuth