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16. Januar 2012

Mit viel Geschichte und spezieller Umgebung

Neben Belle-Epoque-Wochen in Kandersteg (Reportage im Migros-Magazin vom 16. Januar 2012) ermöglichen etliche «historische Hotels» Zeitreisen in die Vergangenheit. Trümpfe sind die sorgsam gepflegte Tradition und die oft einzigartige Umgebung. migrosmagazin.ch stellt einige Gasthöfe mit über hundertjähriger Geschichte vor:

Im «Landschaftspark»: Das Hotel Ofenhorn (1883) im Binntal bildet die ideale Absteige für ausgiebige Entdeckungen des wildromantischen Binntals und mit seinen Jugendstil-Elementen in den (knarrenden) Gängen, den wunderhübschen Zimmern und dem erhaltenen Speisesaal einen willkommenen Kontrast. Hervorzuheben ist die ausgezeichnete Küche, die auf Produkte und Traditionen aus näherer und etwas weiterer Umgebung achtet.

Das abgelegenste Idyll: Das Hotel Maderanertal, im gleichnamigen Tal auf der Balmenegg gelegen, hiess in seinen Ursprüngen unter Albin Indergand (1864) Zum Schweizerischen Alpenclub und war eines der ersten Hotels seiner Art im Alpenraum. Seit Mitte der 90er-Jahre führt die Familie von Anna Fedier-Tresch (aus Bristen, dem Dorf am Taleingang) den Betrieb und lockt viele Liebhaber von Ruhe und Abgeschiedenheit in das Hauptgebäude neben der alten Wäscherei, der Kapelle, den Gärten und dem wunderschönen Innenhof mit altem Brunnen. Die Umgebung und der ganze obere Teil des Taleinschnitts ist autofrei und mit unzähligen Wasserfällen und Wanderrouten bis auf die Gletscher oder an den Golzernsee ein Wanderparadies. Das Innere verströmt eine so unkomplizierte wie grosszügige Atmosphäre, die früher Sonja III aus Holland oder Friedrich Nietzsche anzog.

Zwischen Hochgebirge und Riviera: Das Hotel Bregaglia in Promontogno liegt mit 'eigener' Haltestelle bequem erreichbar an der Postautolinie von St.Moritz nach Chiavenna (und weiter Lugano) und entstammt der Pionierzeit des Sommertourismus im Bergell (1875). Architekt Sottovia aus Vicenza konzipierte eine einzigartige Anlage mit einem Turm und abgewinkelten Flügeln gegen aussen und einem sechseckigen Atrium im Innern. Daneben haben vor allem Speisesaal und viele Zimmer ihren Charme vollauf bewahrt. Auf einiges an Luxus verzichtet man hier, auf Gastfreundschaft und wunderbare Ausflüge (etwa nach Soglio zum im Magazin vorgestellten Palazzo Salis, oder hinauf nach Casaccia und Maloja) sicher nicht.

Am Wasser gebaut: Das Hotel Giessbach,1873 eröffnet, wurde von einer Stiftung des Naturschützers Franz Weber gerettet und erhielt 2004 sogar den internationalen Titel Historisches Hotel des Jahres. Malerisch am Berghang oberhalb Brienzersee (mit eigener Schiffsstation!) situiert, bietet es atemberaubende Aussicht, Ruhe und das Naturschauspiel der Giessbachfälle, und das bei schneller Erreichbarkeit von Bern und Thun aus mit öffentlichen oder privaten Verkehrsmitteln.

Rousseaus Zuflucht: Das Hotel St. Petersinsel (1530) blickt auf eine noch längere Geschichte zurück und garantiert noch mehr Ruhe – vor allem abends und nachts, wenn die Tagesausflügler von der Halbinsel gleichen Namens verschwunden sind, die man mit Kursschiffen des Bielersees oder zu Fuss von Erlach aus erreicht. Hier verfolgt man bei nicht allzu langen Inselrundgängen ungestört eigene Träume oder liest jene des einsamen Spaziergängers von Jean-Jaques Rousseau, der länger an derselben Stätte hauste.

Auf dem Zauberberg: Das Hotel Schatzalp Unique hat seine grossformatigen wie verspielten Belle Epoque-Anfänge im Jahr 1900 und diente dem weltberühmten Thomas Mann-Roman Der Zauberberg als Vorbild. Es liegt gut 300 Meter oberhalb des Touristenstädtchens Davos mit seinen Sport- und Vergnügungsmöglichkeiten, und doch in einer ganz anderen, entschleunigten Welt.

Der lombardische Gutssitz: Der Palazzo Gamboni (mit bestätigtem Baujahr 1755) in Comologno am Ende des Onsernonetals stellt mindestens für Deutschschweizer einen raren Geheimtipp dar. Weitab grosser Touristenströme ermöglicht er die Erkundung des stillen Onsernone-Tals (die Anreise führt von Locarno oder Ponte Brolla aus am Max Frisch-Zweitwohnsitz Berzona vorbei) bis in die benachbarten, grösseren Täler des Centovalli oder der Maggia. Zudem überrascht er mit dem unimitierbaren Stil lombardischer Gutsherren und Architekten, den man hier schwerlich erwarten würde. Ein Stückchen Mailand in den Bergen…

Landgasthof an der Lötschbergroute: Der Landgasthof Ruedihus stammt aus dem Jahr 1753, war aber bis 1990 ein grosszügiger Privatsitz mit historischem Kräutergarten am alten Säumerweg Richtung Süden. Heute sind die 12 Zimmer zwischen authentisch bäuerlich und dezent luxuriös eingerichtet und die Küche vergisst man auch kaum so schnell. Logisch, war dies früher am Lötschberg keine Herberge, denn von hier wäre niemand mehr weitergereist.

Für Wegzoll und -zehrung: Anders die Herberge Weiss Kreuz in Splügen. Sie reicht mit ihrer Gastgeber-Tradition bis ins Jahr 1519 zurück und hatte stets eine wichtige Rolle als Gaststube, Unterkunft und Zwischenlager der zentralen Transportrouten über den Splügen oder den San Bernhardino. An den individuellen Charme der 16 Zimmer gelangt man via das einmalige Entrée, das jahrhundertelang als Eintrittspforte für die Saumtiere diente!

Letzte Einkehr vor dem Gotthard: Das Hotel Stern & Post in Amsteg war von 1788 an eine der zwei bis drei ältesten Herbergen im Urnertal, kannte Gäste von Johann Wolfgang Goethe bis Hans Christian Andersen und diente zugleich als eine der ersten Poststellen der modernen Schweiz überhaupt. Trümpfe sind der gemütliche Speisesaal, ein parkähnlicher Garten und etliche Überbleibsel aus der Postkutschenzeit. Kein Wunder, residierten hier jahrzehntelang die höheren Kader der Schweizer Armee.

Zwischenhalt vor dem Jungfraujoch: Das Hotel Bellevue des Alpes auf der Kleinen Scheidegg erreicht man bequem mit der Jungfraujoch-Bahn von Grindelwald oder Wengen aus. Das Migros-Magazin vom 24. Oktober 2011 stellte es zusammen mit dem Hirschen in Eglisau (ZH) oder dem Palazzo Salis in Soglio (GB) in drei Porträts vor.

Der Palazzo Salis in Soglio (GR).
Palazzo Salis in Soglio

Noch mehr Infos zu den vorgestellten Hotels

www.swiss-historic-hotels.ch www.artehotelbregaglia.ch www.hotel-maderanertal.ch (diese beiden gehören nicht zu den «Historischen Hotels»)

Autor: Reto Meisser