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22. Mai 2017

«Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute glauben: je weiter weg, desto sicherer»

Asien und Nordamerika sind gefragt, Spanien und Griechenland werden überrannt. Und an den Stränden der Türkei und Ägyptens herrscht gähnende Leere. Wie Hotelplan Suisse auf diese Turbulenzen reagiert, erklärt Kurt Eberhard, der Chef des Migros-Unternehmens, im Interview.

Kurt Eberhard, CEO von Hotelplan
Kurt Eberhard, CEO von Hotelplan Suisse, über Gewinner und Verlierer in der Tourismusbranche.

Kurt Eberhard, niemand will mehr in die Türkei und nach Ägypten, dafür werden Spanien und Griechenland überrannt. Haben Sie solch drastische Verschiebungen im Ferienbuchungs-Verhalten schon einmal erlebt?
Hotelplan Suisse schickt seine Kunden in die ganze Welt, da kann es immer einmal Zwischenfälle geben: Politische Unruhen, Streiks oder auch ein Vulkanausbruch in Island, der 2010 einen Grossteil des globalen Flugverkehrs lahmlegte. Aber eine solche Welle von Anschlägen und politischen Umwälzungen ist sicher einmalig in den vergangenen Jahrzehnten.

Hat das die Haltung der Touristen gegenüber dem Terrorismus verändert?
Nehmen wir den Anschlag in Luxor 1997, bei dem viele Schweizer getötet wurden. Nach ein paar Jahren rückte dieses schreckliche Attentat in den Hintergrund und die Attraktivität der Destination wieder in den Vordergrund. Die Touristen vergassen und kehrten nach Ägypten zurück. Heute haben wir eine unglaubliche Häufung von Zwischenfällen vornehmlich in islamischen Ländern und das hat eine grundsätzliche, negative Haltung gegenüber diesen Destination zur Folge. Eine automatische Rückkehr nach einer gewissen Zeit ist nicht mehr gegeben.

Was empfinden Sie als Chef eines grossen Reiseveranstalters, wenn Sie die leeren Strände in Antalya und Sharm el-Sheikh sehen?
Es stimmt mich traurig. Unsere Geschäftspartner in diesen Ländern haben viele Angestellte und diese wiederum Familien, da hängen sehr viele Schicksale daran. Wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, dagegen zu halten, indem wir diese Destinationen nach wie vor anbieten. Leuten zwingen, ihre Ferien dort zu verbringen, können wir aber nicht.

Die Verlierer

Dramatische Einbussen nach Anschlägen und politischen Unruhen. (Prozentuale Entwicklung Hotelplan-Buchungen seit 2011 / Quelle: Hotelplan Suisse)

Einige gehen ja immer noch. Warum?
Es gibt durchaus Punkte, die sehr für diese Destinationen sprechen. Nehmen wir Ägypten: Im Winter ist das Rote Meer noch warm, die Sonne scheint, der Flug ist kurz und das Preis-/Leistungsverhältnis ist konkurrenzlos. Die Kombination dieser Faktoren ist sehr schwierig zu ersetzen. Sie können in derselben Zeit auf die Kanaren fliegen, aber das Wasser ist kälter und die Preise sind höher. Oder nach Dubai, dort ist es auch warm, aber der Flug dauert etwas länger, es ist teurer und weniger interessant zum Schnorcheln und Tauchen.

Werden solche Preise dauerhaft angeboten, dann kann das nicht gutgehen.

Sie sprechen die tiefen Preise an. In Ägypten bekommt man eine Woche Vollpension im 5-Stern-Hotel inklusive Flug für 500 Franken – wie geht das auf?
Werden solche Preise dauerhaft angeboten, dann kann das nicht gutgehen. Jedes Hotel und jede Infrastruktur muss finanziert und ab und zu erneuert werden. Mit den aktuellen Preisen kann ein Hotel diese Reinvestitionen nicht tätigen. Irgendwann müssen wieder höhere Preise möglich sein, um einen Gewinn zu erwirtschaften. Wie gefährlich eine solche Entwicklung ist, kann man am Beispiel Kenia sehen: Das war einmal eine sehr wichtige Destination im Tourismus mit vielen Charterflügen. Dann zerfielen die Preise, die Investitionen blieben aus und irgendwann verlor das Land den Anschluss und konnte – zumindest was Badeferien an der Küste anbelangt – nicht mehr mit anderen Destinationen konkurrieren.

Video: Kurt Eberhard über Fantasiepreise

In der Türkei und in Ägypten bleiben die Gäste aus. Wohin weichen sie aus?
Wo es Verlierer gibt, gibt es auch Gewinner: Im Mittelmeer sind das Spanien und Griechenland, wobei Griechenland zeitweise wegen der Flüchtlingskrise auch unter Einbussen litt. Ein weiterer grosser Gewinner ist Zypern und auch Portugal konnte zulegen.

Man hört viel über Kroatien. Ist das eine Boom-Destination?
Kroatien verzeichnet tatsächlich fantastische Zuwachsraten von 100 bis 200 Prozent. Aber man darf dabei die Relationen nicht aus den Augen verlieren. Kroatien kann unmöglich die Türkei ersetzen. Auch wenn es um 1000 Prozent wächst, ist das immer noch ein sehr kleiner Teil jener Leute, die früher in der Türkei Ferien machten. Kroatien boomt – aber auf sehr niedrigem Niveau.

Die Gewinner

Andere Länder profitieren von den Verwerfungen in der islamischen Welt. (Prozentuale Entwicklung Hotelplan-Buchungen seit 2011 / Quelle: Hotelplan Suisse)

Und ausserhalb des Mittelmeers?
Manche Kunden weichen auf die Langstrecke aus und buchen auf den Malediven oder Kuba. Es gibt aber auch solche, die ganz auf die Badeferien verzichten und etwas Aktiveres machen. Dort stellen wir fest, dass sich die Ströme in der Tendenz von Osten nach Westen und von Süden nach Norden verlagern. Davon profitieren Destinationen wie Skandinavien, die USA und vor allem Kanada. Aber auch Asien ist sehr gefragt. Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute glauben: je weiter weg und je nördlicher, desto sicherer.

Video: Kurt Eberhard über subjektives Sicherheitsempfinden

Der ägyptische Tourismusminister sagt, Sharm el-Sheikh sei sicherer als Nizza.
Und wahrscheinlich hat er damit gar nicht so unrecht. Ich glaube, dass sich bei den Leuten langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass sich so ein Zwischenfall überall ereignen kann. Früher dachten wir, das sei alles weit weg oder auf islamische Länder beschränkt. Seit Paris, Nizza, Brüssel und Berlin geht das nicht mehr. Statistisch könnte man sagen, es ist dort am «sichersten», wo sich gerade ein Zwischenfall ereignet hat, weil die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Anschlags sehr tief ist. Das ist zynisch, zeigt aber auch, zu welch subjektiven Resultaten diese Sicherheitsüberlegungen führen.

Steigen die Preise in den Ausweich-Destinationen?
Generell ja, aber meist nicht sofort, sondern mit einer gewissen Verzögerung. Oft kommt es dann zu einer Pendelbewegung, wie wir sie im Mittelmeer sehen. Ein Jahr läuft es in Spanien hervorragend, dann gehen die Preise hoch. Im darauffolgenden Jahr reisen deshalb mehr nach Griechenland und dann passiert dasselbe dort und so weiter. Auch in Kuba sind die Preise in den vergangenen Jahren, die ja auch von einer vorsichtigen politischen Öffnung geprägt waren, massiv gestiegen. Der Kunde bezahlt mehr – bekommt dort aber nicht in jedem Fall auch mehr Leistung

Wenn die Preise weiter steigen und in den arabischen Destinationen weiter tief bleiben, kann das Pendel dann auch dorthin ausschlagen?
Wenn Terrorismus über längere Zeit kein Thema ist, dann ist das möglich. Tunesien könnte so weit sein und wir sehen auch, dass die Buchungen dort langsam wieder ansteigen. Wie nachhaltig diese Erholung ist, können wir aber noch nicht sagen. Interessanterweise blieben arabische Feriendestinationen wie Dubai und Oman komplett verschont, die Kunden beurteilen das durchaus differenziert. Sicher spielen hier auch die vielen zusätzlichen Flugverbindungen von Airlines wie Emirates, Etihad und Qatar Airways eine Rolle.

Flugzeuge kann man re-routen, Hotels nicht.

Welche Herausforderungen ergeben sich für Hotelplan Suisse, wenn plötzlich Hunderttausende ihre Ferien an einem anderen Ort verbringen wollen?
Grundsätzlich ist es ein Problem, wenn wir in einer wichtigen Destination Betten und Flugplätze eingekauft haben und dann niemand mehr dorthin will. Wir versuchen, die fehlende Nachfrage an einem anderen Ort zu kompensieren, aber das ist nicht immer einfach, vor allem nicht kurzfristig. Flugzeuge kann man re-routen, Hotels nicht. Letztes Jahr stellten wir fest, dass viele ihre Flüge nach Mallorca umleiteten, die Hotels aber ausgebucht waren. Die Parahotellerie konnte dies zum Teil auffangen. Aber es wurde knapp.

Video: Boom auf Mallorca

(Quelle: YouTube / spiegeltv )

Wird das auch diesen Sommer wieder der Fall sein?
Ich denke schon. Aber dieses Jahr hatten wir mehr Zeit, voraus zu planen.

Wie beurteilen Sie die Lage bei den Städtereisen in Europa? Auch hier hat es zahlreiche Anschläge gegeben.
Kurzfristig gab es auch dort massive Einbrüche, zum Beispiel in Paris nach der Anschlagswelle. Auch London war eine Zeit lang weniger nachgefragt. Vorübergehend wichen die Leute zum Teil auf kleinere Städte aus, aber ich halte das für keine nachhaltige Verschiebung. In die grossen Klassiker wie Paris, London, Rom und Berlin werden die Leute immer reisen, weil es dort tolle Museen und Baudenkmäler hat. Das vermögen kleinere Städte nur bedingt zu ersetzen.

Gibt es einen negativen Trump-Effekt im USA-Geschäft?
Vielleicht, die Zahlen sehen für dieses Jahr aber gut aus. Nun könnte man sagen, vielleicht wären sie ohne ihn noch besser. Wenn ich mir die vergangenen Jahre ansehe, dann scheint der Dollarkurs einen viel grösseren Einfluss auf die Buchungen zu haben als welche Partei gerade das Weisse Haus hält.

Video: Kurt Eberhard über den Trump-Effekt

Stellen Sie aufgrund der Unsicherheit einen Trend weg von den Individualferien zurück zum Reiseveranstalter fest?
Ich glaube schon, wobei es nicht nur um Sicherheit geht, wie wir sie bis jetzt besprachen, sondern auch um andere Aspekte wie Gesundheits- und Visa-Thematiken. Oder denken Sie zurück an den Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull 2010: Wer davon betroffen war und über einen Reiseveranstalter gebucht hatte, konnte zwar auch nicht ausgeflogen werden, aber die Leute wurden vor Ort betreut und man konnte ihnen allenfalls ein Zimmer organisieren. Individualreisende waren hilflos und sassen teilweise tagelang ohne Unterstützung fest.

Ein Strohhalm für die totgesagten Reisebüros?
Auch bei uns wird inzwischen viel über das Internet gebucht. Kunden haben allerdings den Vorteil, dass Hotelplan Suisse sie in einer unserer über hundert Filialen oder im Callcenter weiter beraten kann. Unsere Reisebüros haben so mehr Kapazitäten für Beratungen bei komplexeren Reisen oder exotischen Destinationen, was ja auch sinnvoll ist.

Video: Kurt Eberhard über die Zukunft der Reisebüros

Was für Tipps haben Sie für all jene, die noch eine Idee für die Sommerferien brauchen?
Zunächst müsste ich wissen, was dem Kunden konkret vorschwebt. Wer sich für Badeferien entscheidet, der ist momentan mit einem antizyklischen Verhalten nicht schlecht bedient. Wenn niemand mehr in die Türkei oder nach Ägypten will – ja warum dann nicht genau dorthin? Die Hotels sind nicht überfüllt, man bekommt einen guten Service, die Preise sind sehr attraktiv. Grundsätzlich ist es keine schlechte Idee, nicht dorthin zu gehen, wo alle anderen sind – doch schliesslich muss jeder selber entscheiden, wo er sich wohlfühlt. Mallorca wird voll und teuer sein. Wer statt der Badeferien etwas Aktiveres bevorzugt, ist mit Skandinavien gut beraten. Dort hat es Platz, ist allerdings auch etwas teurer.

Wird 2017 ein gutes Jahr für Hotelplan Suisse?
Das Wintergeschäft war gut bis sehr gut. Auch für den Sommer sind wir optimistisch. In unseren Reisebüros sind bereits drei Viertel des budgetierten Umsatzes verbucht. Ich glaube, es wird ein gutes Jahr. Letztes Jahr war schwierig, wir stellten bei den Kunden wegen den Anschlägen eine grosse Unsicherheit fest. Jetzt sieht es danach aus, als wollten einige kompensieren und aufholen, was sie letztes Jahr verpasst haben.

Autor: Kian Ramezani

Fotograf: Kian Ramezani