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27. Juli 2015

«Hotel Kornfeld» oder so

Ein bisschen ... Heimat
Was uns verbindet: ein bisschen ... Heimat?

Auf «Schacher Sepp» folgt die Sugarhill Gang, der strube Falco singt kurz nach der netten Francine, «Ein Bett im Kornfeld» erklingt unmittelbar nach «Hotel California».Ich bin nächtens unterwegs irgendwo im Land, vorbei an kantigen Neubausiedlungen, Landi-Silos und Hofstatten voller Apfelbäume. Und ich höre den «Nachtexpress». Ein Herr Borer ruft aus dem Tessin an, wo es gerade gewittert, und wünscht knallharten Rock von Rammstein; eine Christina aus dem Thurgau, wo es noch um Mitternacht zum Schwitzen heiss ist, möchte «In the Summertime» von Mungo Jerry hören.

Bänz Friedli (50) hört spät noch Radio.
Bänz Friedli (50) hört spät noch Radio.

Die Schweiz der Gegensätze zusammenbringen, das kann nur der «Nachtexpress». Ja, das Radio-Wunschkonzert gibts noch, freitag- und samstagnachts. Eine Institution, wunderbar altmodisch. Denn längst gibts Spartensender, auf denen stets nur neueste Hits erklingen, nur Oldies, Ländler, Jazz.
Und ich löge, gäbe ich nicht zu, dass auch ich zuweilen Webradios einstelle, die immerzu meinen schwermütigen Country spielen. Jede Musik ist jederzeit verfügbar – wie konnte da der «Nachtexpress» überleben? Weil er uns zusammenbringt: Nicht nur Lisbeth im Tösstal bekommt ihr Wunschlied, auch ich muss oder darf es mir anhören, und Lisbeths Grüsse gehen ins ganze Land und darüber hinaus, denn der «Nachtexpress» wird auch in Australien gehört, dort freilich als Mittagexpress.
Die Sendung ist fast so alt wie ich, und ich erinnere mich, wie ich als Dreiviertelwüchsiger des Nachts in einem Kellerverlies sass, das meine Redaktionsstube für ein Fussballheftli war, Auflage: 87 Exemplare. Um Mitternacht ertönte die Hymne und dann nur noch Rauschen. Ausser am Freitag, da wurde weitergesendet! Zunächst bis ein, später gar bis zwei Uhr in der Früh. Wie verwegen das war, wie kühn! Kühne heisst heute einer der Moderatoren, aber er ist für uns alle «der Joschi», denn er ist uns mit seiner eleganten Lässigkeit vertraut. Wie der andere, der jüngere, mit seinem Schalk: der Küpfer, der sich gern als «Chüpfers Adrian» vorstellt.

Gefällt einem im «Nachtexpress» ein Lied nicht, schaltet man nicht gleich auf einen anderen Sender um. Und vielleicht wäre das ja eine Anleitung fürs Land, jetzt, zum 1. August? Manche empfinden mitten in Basel Heimatgefühle, andere auf der Bresteneggalp. Egal. Es ginge einzig darum, die Andersartigkeit zu respektieren. Die Schweiz ist nur ein Gefäss, in dem ganz viele Haltungen und Herkünfte Platz finden. Wenn man sie nur lässt. Wir müssten begreifen, dass der Zusammenhalt sich aus der Unterschiedlichkeit nährt.

Für Freitag übrigens hätte ich noch einen Wunsch: «Gonna Get It Wrong» von Allison Moorer. Gefällt Ihnen vielleicht nicht, der Song. Aber mir! 

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli