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11. März 2013

Hormone im Frühlingsrausch

Die Luft ist lau, und wir sind von Sinnen. Der Hormonspezialist Kaspar Berneis vom Unispital Zürich erklärt, was im Frühling mit uns passiert.

Hormonspezialist Kaspar Berneis (44) ist Professor für Endokrinologie, Diabetologie und innere Medizin. Er ist leitender Arzt am Universitätsspital Zürich. (Bild: zVg.)
Hormonspezialist Kaspar Berneis (44) ist Professor für Endokrinologie, Diabetologie und innere Medizin. Er ist leitender Arzt am Universitätsspital Zürich. (Bild: zVg.)

Hormonspezialist Kaspar Berneis (44) ist Professor für Endokrinologie, Diabetologie und innere Medizin. Er ist leitender Arzt am Universitätsspital Zürich.

Kaspar Berneis, sind die Hormone schuld, dass im Frühling alle aufblühen?

Nicht nur der Mensch blüht auf, sondern die ganze Natur. Der Mensch ist Teil dieser Natur, und es gibt gewisse Klischees über den Menschen im Frühling. Die sind aber teilweise falsch, denn weder die männlichen noch die weiblichen Geschlechtshormone lösen primär die Frühlingsgefühle aus. Das männliche Geschlechtshormon Testosteron erreicht erst Anfang Sommer seinen Spitzenwert und Frauen, die die Pille nehmen, haben ohnehin Hormonspiegel, die unwesentlich abhängig sind von der Jahreszeit.

Heisst das, Frauen, die die Pille nehmen, merken sowieso nichts vom Frühling?

Doch, sie spüren ihn auch. Denn nicht das Östrogen ist dafür verantwortlich, entscheidend ist unter anderem das Schlafhormon Melatonin. Es wird in der Epiphyse (Zirbeldrüse) im Hirn produziert und sorgt dafür, dass wir müde werden, wenn es dunkel wird. Entsprechend viel davon produziert unser Körper im Winter. Wenn im Frühling mehr Licht, Sonne und Wärme vorhanden sind, wird die Produktion zurückgeschraubt. Wir sind also munterer. Zum Zweiten erhöht sich nun die Bildung des Glückshormons Serotonin. Das führt dazu, dass die meisten von uns sich ganz generell besser fühlen. Der Frühling hat also angefangen.

Reagiert das Serotonin ebenfalls auf das frühlingshafte Wetter?

Bewiesen ist der Zusammenhang nicht, aber es gibt starke Hinweise, dass dem so ist. Man vermutet, dass unter anderem auch Licht und Wärme für die veränderten Spiegel der biochemischen Botenstoffe Serotonin und Melatonin verantwortlich sind. Diese zwei Substanzen spielen beim Menschen die grösste Rolle bei der Umstellung von Winter auf Frühling.

Sind Frühlingsgefühle eine rein körperliche Angelegenheit – oder hat die Psyche auch ein Wörtchen mitzureden?

Beides beeinflusst sich gegenseitig. Wenn die Botenstoffe höher oder tiefer sind und wir uns besser fühlen, hat das wiederum eine positive Wirkung auf das, was wir machen, und auch umgekehrt. Neben diesen Botenstoffen ist auch ganz wichtig, was in der Umgebung geschieht. Die Vögel zwitschern, die Blumen blühen, es riecht also anders. Unser Geruchssinn hat einen grossen Einfluss auf unser Wohlbefinden und ist ein wichtiger Faktor bei der Umstellung des menschlichen Körpers auf den Frühling.

Wie passt die Senkung des Melatoninspiegels zusammen mit der berühmten Frühjahrsmüdigkeit, über die viele klagen?

Bei jeder Umstellung muss der Körper mehr Energie aufwenden. Weil wir weniger Melatonin produzieren, sind wir zwar eigentlich weniger müde. Gleichzeitig brauchen wir ungleich viel mehr Energie, weil praktisch alle Menschen – und auch Tiere – im Frühling aktiver sind als im Winter.

Wie kann man die Frühlingsmüdigkeit bekämpfen?

Ein gutes Mittel ist ein Morgenspaziergang in der frischen Luft – aber ohne sich allzusehr anzustrengen.

Eine andere unerfreuliche Tatsache ist, dass sich im Frühling Selbstmorde häufen. Speziell ledige, reformierte Männer sind betroffen. Die höchste Selbstmordrate haben Schaffhausen, Appenzell-Ausserrhoden, Basel-Stadt und Zürich. Hat das auch mit der Hormonumstellung zu tun?

Dazu fehlen schlüssige wissenschaftliche Beweise. Es gibt tatsächlich eine saisonale Häufung von Selbstmorden im Mai. Die gängigste psychologische Erklärung besagt Folgendes: Im Winter leben alle viel zurückgezogener, nicht nur Menschen, die an einer Depression leiden. Wenn im Frühling aber alle anderen vor Lebensfreude strotzen, fällt Depressiven der Kontrast zu ihrem als trostlos empfundenen eigenen Leben umso heftiger auf. Aber: Es gibt jedoch auch gewisse Arten von Depressionen, die sich im Frühling deutlich bessern.

Zurück zu den Gesunden. Sind wir den hormonell bedingten Anwandlungen im Frühling hilflos ausgeliefert?

Der Mensch ist wie gesagt Teil der Natur, und dazu gehört, dass man sich nicht jeden Tag gleich fühlt. Die Stimmung variiert zu jeder Jahreszeit. Euphorische Gefühle im Frühling können durchaus normal sein. Das sollte man positiv sehen und sich deshalb keine Sorgen machen.

Wenn Sie selber Frühlingsanwandlungen haben, denken Sie dann quasi als Berufskrankheit automatisch an Ihren Serotonin- und Melatoninspiegel?

Da denke ich weniger an Berufliches, sondern geniesse den Frühling wie jeder andere Mensch auch.

Was ist Ihre persönlich grösste Freude im Frühling?

Eine davon sind meine Rosenstöcke. Ich warte noch den angekündigten Frost diese Woche ab, dann schneide ich die Stöcke und freue mich riesig, wenn sie dann endlich blühen.