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03. November 2014

«Honecker sagte: Macht doch Euren Mist alleine!»

Vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer und läutete das Ende der DDR ein. Bernd Brückner war 13 Jahre lang der persönliche Leibwächter von DDR-Staatschef Erich Honecker – bis zu dessen Sturz im Oktober 1989. Nun hat er seine Erlebnisse in einem Buch publiziert.

Bernd Brückner mit der russischen Limousine, in der Erich Honecker gefahren wurde
Bernd Brückner mit der russischen Limousine, in der Erich Honecker einst gefahren wurde. Sie steht heute im Deutschen Technik-Museum Berlin.
Bernd Brückner
Bernd Brückner diente 13 Jahre lang an Erich Honeckers Seite.

Bernd Brückner, in Ihrem Buch entsteht der Eindruck, dass Sie Erich Honecker mochten. Verglichen mit anderen Exponenten des DDR-Regimes kommt er recht gut weg.
Mochten ist vielleicht ein bisschen viel gesagt. Dadurch, dass ich ihm so lange so nah war, kannte ich ihn einfach ziemlich gut. Und es hat mich wütend gemacht, was ihm nach der Wende alles in die Schuhe geschoben worden ist, und zwar nicht nur von den ewigen Feinden, sondern auch von den bis gestern noch guten Freunden. Alle waren sie unschuldig, nur einer nicht. Kurz vorher haben sie «den Erich» aber noch bei jeder Gelegenheit gefeiert.
Sie fanden das unfair?
Das wäre vielleicht auch ein bisschen naiv. Natürlich trug er die politische Verantwortung für alles – auch dafür, dass ein Land, ein Volk und ein Ideal untergegangen sind. Das hat er ja auch zugegeben. Sein Fehler war, dass er sich auf die inkompetenten Fachidioten an seiner Seite verlassen hat. Für die Wirtschaft war Günter Mittag zuständig, für die Staatssicherheit Erich Mielke. Beide waren massgeblich für die Misere verantwortlich. Wenn die Leute wegen der unsinnigen Weisungen von Mittag aufbegehrten, brachte Mielke sie mit dem Sicherheitsapparat wieder unter Kontrolle. Beide hofierten ihn jahrelang und fielen ihm nach seinem Sturz sofort in den Rücken.
Mielke war Ihr direkter Vorgesetzter, er kommt besonders schlecht weg im Buch.
Ich hätte ihn noch wesentlich härter drannehmen können. Der Mann war so was von daneben – unglaublich, dass das Politbüro diesen Idioten in so einer Position zugelassen hat. Ich habe mich regelmässig für sein Verhalten geschämt.
Sie hatten also schon damals durchaus kritische Gedanken?
Ja. Aber ich war kein Widerstandskämpfer. Ich habe diesen Staat und seine Ziele gestützt. Das hat kritische Gedanken jedoch nicht ausgeschlossen. Gerade in meinem Fachbereich habe ich mich öfters geärgert, was auch immer wieder mal zu heftigen Diskussionen geführt hat. Auch sonst gab es bei der Staatssicherheit kritische Stimmen, die realisierten, dass man mit diesem Vorgehen letztlich gegen das Volk arbeitet.
Nehmen Sie es Honecker nicht übel, dass er ein System der Unfreiheit geleitet hat, eines mit Spitzeln und paranoider Kontrolle? Mit Todesschüssen an der Grenze?
Honecker ist ja nicht persönlich mit einer Flinte der Grenze entlanggelaufen. Er hat auch bei den Verhandlungen mit Franz-Josef Strauss sofort eingelenkt, als der Wirtschaftshilfe angeboten hat, wenn die Minen an der Grenze weggeräumt werden. Ich will ihn nicht verteidigen, aber ich habe mehrmals mitbekommen, wie er mit sich reden liess, wenn hochgestellte Personen ihm auf Augenhöhe ins Gewissen redeten. Der Industrielle Bertolt Beitz, einer der reichsten Männer Deutschlands, konnte es zum Beispiel sehr gut mit ihm. Er wollte Honecker samt Familie nach der Wende sogar in sein Haus aufnehmen.
Er liess also mit sich reden.
Er war durchaus zugänglich für vernünftige Lösungsvorschläge. Zum Beispiel hat er im Urlaub immer gearbeitet, und es kam der Tag, wo er drei Mal kurz hintereinander eine Kuriertasche nach Berlin schicken wollte. Beim dritten Mal hatte ich schlicht keine Leute mehr und sagte ihm das auch. Er schnaubte ein bisschen verärgert, kam aber am nächsten Morgen zu mir und sagte: «Genosse Brückner, heute nur eine Kuriertasche.» Ich habe Honecker in den 13 Jahren zwar ein paar Mal verstimmt erlebt, aber er hat sich nie abfällig oder bösartig gegenüber anderen geäussert, im Gegensatz zu diversen anderen hohen Herren.
Im Buch entsteht der Eindruck, dass Sie die DDR ganz okay fanden.
Ich hatte mich mit ihr arrangiert. Aber auch auf Veränderungen gehofft und nicht darauf, dass es so weitergeht, wie sich die alten Herren das vorstellten. Weil ich Honecker immer begleitet habe, war ich auch viel im Ausland und habe dort einiges mitbekommen. Auf einer meiner ersten Reisen, nach Holland, war ich ganz perplex, dass es da Protestierende gab, die vor Honeckers Hotel Plakate mit Forderungen hochhielten. Da dachte ich mir: Warum sollte es so was nicht auch bei uns geben? Es fliegen keine Steine, es gibt keine Drohungen, es geht nur um eine Meinungsäusserung. Ich hätte mir für die DDR gewünscht, dass die friedliche Revolution zu einem besseren Staat führt – später schon auch zur Wiedervereinigung, aber es wäre schön gewesen, wenn wir mit einem etwas höher erhobenen Kopf in die Einheit hätten gehen können.
Als Leibwächter von Honecker lebten Sie privilegierter als die meisten anderen, oder?
Ich hatte eine schöne Vierraumwohnung mit Balkon im achten Stock eines elfstöckigen Gebäudes, ausserdem eine Datscha nördlich von Berlin und einen Trabi-Kombi. Und ich war mit Honecker regelmässig im Ausland und brachte meinen Kindern von dort auch Dinge mit, um die sie im Alltag beneidet wurden.
Hatten Sie sonst Zugang zu Westprodukten?
Indirekt. Es gab da diesen berühmten Laden in Wandlitz, wo viele Politbüromitglieder wohnten. Dort holte ich täglich Westwaren ab, allerdings nicht für mich selbst, sondern für die Honeckers. Wobei Margot Honecker den Laden gehasst hat und praktisch nicht nutzte – für sie symbolisierte er das Eingeständnis, dass die DDR nicht in der Lage war, ähnlich attraktive Produkte so günstig herzustellen wie der Westen. Ich selbst hatte aber keinen Zugang zu diesen Waren, das hatten nur die Angehörigen des Politbüros und der sowjetische Botschafter.
Und das hat Sie nicht gestört?
Als ich mitbekam, dass es so einen Laden gibt, war ich erst verunsichert, dann ein bisschen empört, dann habe ich mich dran gewöhnt. Aber mir war schon klar: Wenn die Leute das mitkriegen, dann halleluja.
Hatten Sie in jenen Jahren je grundsätzliche Zweifel am System?
Nein, ich bin ja darin gross geworden, habe die Argumentationen gegen den bösen Westen von klein auf verinnerlicht. Für mich war klar: Die DDR ist ein souveräner Staat, die kann ihren Weg irgendwie machen. Vielleicht gehen die alten Herren alle mal in Pension, und es gibt eine neue Spitze mit neuen Ideen.
Bei vielen ehemaligen DDR-Bürgern gibt es so was wie Ostalgie. Vermissen Sie etwas aus DDR-Zeiten?
Ich kann die Ostalgie schon nachvollziehen. Nur schon der nachbarschaftliche Zusammenhalt und das Vertrauen in unserem Wohnblock, so was gibt es heute nicht mehr. Da konnte man jederzeit abends mal weg, und die Nachbarn kümmerten sich selbstverständlich um die Kinder. Die Wohnungstüren waren nicht nur nicht abgeschlossen, oft liessen die älteren Bewohner sogar noch ihre Schlüssel von aussen an der Tür stecken. Es gab einfach ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl, vielleicht auch durch die besondere Situation, in der wir halt waren. Demgegenüber standen natürlich andere Dinge, die kaum jemand vermissen dürfte, etwa die schlechte Versorgungslage oder die fehlende Bewegungsfreiheit.
Haben Sie sich Serien oder Filme wie «Weissensee» oder «Das Leben der Anderen» angesehen?
Ich weiss, dass es sie gibt, habe sie aber nicht gesehen. Das Bild, das dort vom Leben in der DDR gezeichnet wird, ist nicht realistisch. Es ist sehr komprimiert und aufs Negative fokussiert, das wollte ich mir nicht antun. Das Stichwort Stasi führt heute sofort zu einer Fülle von negativen Assoziationen. Es gab 85’000 Mitarbeiter beim Staatssicherheitsdienst, die sassen nicht alle mit Kopfhörern in Lieferwagen und hörten Leute ab. Viele waren einfach bei der Verkehrspolizei oder der Feuerwehr. Die grosse Ironie ist ja, dass wir heute mit der NSA ein viel effektiveres Spionagesystem haben, als es die Stasi je war – und dahinter steht der freie, demokratische Westen.
Sie waren 13 Jahre lang an Honeckers Seite. Wie würden Sie ihn charakterisieren?
Er hatte eine persönliche Integrität und war geradlinig und ehrlich. Direkte Lügen wie bei Mielke oder Mittag gab es nicht. Er hatte ein hervorragendes Gedächtnis und konnte sich noch ganz genau an bestimmte Daten vor Jahren erinnern. Er war ein grosser Filmfan, allerdings nicht besonders humorvoll.
Ausser der Jagd scheint er weiter keine grossen Leidenschaften gehabt zu haben.
Mit dem Motorboot war er gern und oft unterwegs, besonders mit Enkel Roberto. Er schwamm und angelte auch gern und machte Wintersport. Margot Honecker las lieber ein Buch. Sie waren aber gern gemeinsam spazieren gegangen und Fahrrad gefahren.
Haben die beiden eine glückliche Ehe geführt?
Wie gut ihre Beziehung war, hatte sich nach der Wende gezeigt: Da stand sie vorbehaltlos zu ihm und war ihm eine enorme Stütze. Vorher war sie eine recht unabhängige Frau, die ihre eigenen Dinge machte. Anders als er hatte sie auch einen Führerschein und wollte selbst fahren. Gemacht hat sie ihn bei der Fahrschule der Staatssicherheit. Deren Fahrlehrer kam ziemlich panisch zu mir, als er erfuhr, dass er Margot Honecker das Fahren beibringen sollte. Ich musste ihn dann erst mal beruhigen (lacht).
Hatten die beiden echte Freunde?
Nicht viele. Die engsten Beziehungen waren sicherlich die familiären, auch die aus Honeckers erster Ehe. Er hatte eine Art Freundschaft mit Mittag, mit Mielke nicht. Margot Honecker mochte beide nicht besonders und war die Einzige, die es wagte, sich öffentlich gegen Mielke zu äussern. «Der Mielke spinnt», sagte sie einmal vor einer grösseren Menschenmenge.
Gab es Staatschefs anderer Ostblockstaaten, mit denen er sich gut verstanden hat?
Mit Fidel Castro und Yassir Arafat hatte ihn eine richtige Männerfreundschaft verbunden. Gut verstand er sich auch mit Todor Schiwkow aus Bulgarien und Gustàv Husàk aus der Tschechoslowakei. Die Freundschaft zum sowjetischen Staatschef Breschnew war hingegen mehr inszeniert und nicht besonders innig. Ganz schwierig war es mit Nicolae Ceausescu aus Rumänien. Den habe ich selbst bei einem DDR-Besuch abgesichert und stand mal direkt neben ihm im Fahrstuhl. Ein derart unruhiges Augenflackern hatte ich noch nie gesehen, mit dem hätte man eine ganze psychiatrische Klinik beschäftigen können. Das gleiche Augenflackern habe ich später bei Gaddafi erlebt.
Einen richtigen Ernstfall haben Sie in all den Jahren nie erlebt. Waren Sie froh drum?
Wir haben schon Situationen erlebt, die für uns wie ein Ernstfall waren. Die DDR hatte ja auch eine der besten Personenschützerausbildungen überhaupt, höchstens die Amerikaner waren noch besser. Entsprechend sensibilisiert waren wir im realen Einsatz. Einmal waren wir in Syrien in einem Autokonvoi unterwegs, ganz vorn Honecker mit Staatschef Hafiz al-Assad. Plötzlich fielen vorn Schüsse. Ich sass im sechsten Wagen und wollte raus, aber die Kolonne fuhr weiter – und dann war da plötzlich Blut. Die Situation entspannte sich erst, als man uns erklärte, dass sich da ein Dorfältester mit seinen Leuten über Assad gefreut hatte – ihm zu Ehren hatten sie Freudenschüsse abgegeben und einen Hammel geschlachtet. Einen eigentlichen Angriff auf Honecker gab es aber tatsächlich nie. Und ich glaube, das hatte auch damit zu tun, dass potenzielle Angreifer realisierten, wie schwierig das gewesen wäre. Honecker fand uns zu Beginn eher lästig. Aber nach den erfolgreichen Attentaten auf zwei befreundete Staatschefs, Schwedens Olof Palme und Indiens Indira Gandhi, änderte er seine Haltung.
Hat er wirklich zutiefst an die DDR, an diese Form des Sozialismus, geglaubt? Oder ging es nur noch um Macht- und Systemerhalt?
Nein, nicht bei Honecker. Mittag ging es um Macht, das war eindeutig, der hätte sich von seinen Untergebenen am liebsten anbeten lassen. Honecker hat an die DDR geglaubt und auf ihre Weiterexistenz gehofft. Es hätte dafür aber ganz klar wirtschaftliche und politische Reformen gebraucht.
Die hat er offensichtlich nicht durchführen wollen. Hat er realisiert, dass mit Gorbatschow ein neues Zeitalter angebrochen ist?
Ein anderes, ja – ein neues nicht. Und es war klar, dass ihm nicht lag, was da passierte. Die gesamte politische Spitze markierte Distanz zu Gorbatschow, vielen war er zu westlich, machte zu viele vage Versprechungen, die sich kaum halten lassen würden. Das Verhältnis zu Gorbatschow war extrem viel schlechter als vorher zu Breschnew.
Während der Demonstrationen 1989 war Honecker schwer krank. Wie viel hat er überhaupt mitbekommen?
Eigentlich hätte Günter Mittag ihn vertreten sollen, aber der machte so gut wie nichts. Und wir hatten die Weisung: kein Fernsehen, kein Radio, keine Zeitungen, keinen Kurier für Honecker. Sie haben ihn wochenlang von jeglichen Informationen abgeschnitten. Ich hoffte zu Gott, dass niemand auf die Idee kam, Erich Mielke an die Spitze zu setzen. Egon Krenz stand in den Startblöcken, wollte auch, aber durfte noch nicht. Die DDR-Führung zeigte in dieser schwierigen Phase nicht nur keine Flagge, die Flagge war nicht mal da. Honecker bekam erst kurz vor den Feiern zum 40. Jahrestag am 7. Oktober 1989 mit, wie dramatisch die Lage war.
War eine gewaltsame Niederschlagung nie ein Thema? Wem war das zu verdanken?
Ein Stück weit wohl Honecker selbst, er wäre der Einzige gewesen, der das hätte befehlen können, und er hat es nicht getan. Sicher haben auch andere eine Rolle gespielt, die vor Ort waren und sich gegen Gewalt entschieden haben, obwohl sie beim Verletzen der Staatsgrenze dazu berechtigt gewesen wären. Honecker hat die Demonstrationen im Innenministerium via Polizeikameras verfolgt und wusste lange nicht, was er davon halten sollte. Waren die Leute von Westagenten angestachelt worden? Oder war das wirklich ihre persönliche Meinung? Jahrelang hatten ihm alle gehuldigt, er sei der Beste, Schönste, Grösste, sein Volk stehe zu ihm. Und nun das? Es dürfte ihm einiges zu denken gegeben haben. Und generell haben wir zugesehen, dass möglichst viele Waffen weggeschlossen waren, sogar Honeckers Jagdwaffen haben wir eingesammelt. Auch die Kirche hat in der kritischen Phase eine beruhigende Rolle gespielt.
Faszinierend ist bis heute, wie Honecker am 7. Oktober 1989 den 40. Jahrestag feierte, im Kreise aller Ostblock-Ehrengäste und mit der Zuversicht auf weitere 40 Jahre. Am 18. Oktober musste er zurücktreten, am 9. November fiel die Mauer, am 3. Oktober 1990 verschwand die DDR von der Landkarte. Hat er wirklich nichts geahnt, an jenem 40. Jahrestag? Oder ging es darum, den Schein zu wahren?
Er hat wohl geglaubt, dass sich die DDR bewahren lässt. Viele hatten das auch geglaubt, auch wenn ihnen klar war, dass Veränderungen unvermeidlich waren. Ich denke aber, Honecker realisierte, dass seine Ära zu Ende ging, nur schon wegen der Krebserkrankung. Nach der Politbüro-Sitzung, in der er abgesetzt wurde, kam er aus dem Saal und sagte laut einem meiner Kollegen von damals: «Macht doch euern Mist alleine.» Er habe auch richtig erleichtert gewirkt, die Verantwortung los zu sein.
Konnten Sie sich von Honecker damals irgendwie verabschieden?
Nein, zu der Zeit nicht. Ich habe ihn aber noch zwei Mal besucht, ein Mal beim Pfarrerehepaar Holmer, das ihn im Januar 1990 aufgenommen hatte, nachdem ihn niemand mehr wollte, und 1992 noch einmal im Gefängnis, als auch die Russen ihn fallen gelassen und nach Berlin ausgeliefert hatten. Als er mit seiner Frau beim Pfarrerehepaar lebte, kam eines Abends eine Gruppe angetrunkener Männer mit einem Seil. Die wollten das Haus stürmen und Honecker aufhängen. Er hatte ja keinerlei Schutz mehr. Sein Leben hatte er der Frau des Pfarrers zu verdanken, die in der Küchentür stand und den Leuten so resolut den Zugang verweigerte, dass sie sich trollten.
Wie haben Sie ihn bei Ihren Besuchen erlebt?
Sehr gefasst. Auch wenn er noch immer für die DDR und den Sozialismus argumentierte. Im Gefängnis 1992 war es ein fast schon familiärer Besuch, wir haben über unsere Familien geredet, haben uns erstmals sogar umarmt. Mein Besuch schien ihn richtig gefreut zu haben.
Der Tag des Mauerfalls war für viele ein Tag der Freude. Wie war das für Sie?
Ich sass zu Hause vor dem Fernseher und fragte mich, was denn nun los war. Mir war schon vorher klar, dass Veränderungen kommen würden, aber es wirkte bisher alles noch einigermassen kontrolliert. Als die Mauer fiel, realisierte ich, dass sich alles ändern würde – für das Land wie auch für meinen Job. Es war für mich also eher ein Tag der Sorge.
Mit Honeckers Rücktritt verloren auch Sie Ihren Job. Wie war das?
Ganz so schnell ging es nicht. Wir hatten noch ein Seniorenprogramm vorbereitet, einen Schutz für ihn als ehemaligen Staatschef, wie das auch in anderen Ländern üblich ist. Honecker wollte mich eigentlich auch dafür, meine Dienststelle jedoch lehnte ab, sie wollte mich für die Ausbildung. Aber dann kam alles anders. Plötzlich wurden im Ministerium Sündenböcke gesucht, allen voran Mielkes und Honeckers Leute. Man degradierte mich im Herbst 1989 vom Major zum Oberleutnant, im Mai 1990 zum Polizeimeister. Am Schluss machte ich noch Objektsicherung in Weissensee. Ich bin also nach 22 Jahren Aufstieg innert eines halben Jahres schwer abgestürzt.
Vielen Mitgliedern des gestürzten Regimes waren die Leute mit Verachtung oder Wut begegnet. Ihnen auch?
Oh ja, meine Wohnungstür wurde eingetreten, mein Auto beschmiert, man hatte auf der Strasse bewusst weggeschaut – auch jene, die Wochen vorher noch auf gut Freund gemacht hatten. Besonders bösartig fand ich, dass meine 13-jährige Tochter im Unterricht von Lehrern verbal attackiert wurde. Mein damals 19-jähriger Sohn ging dann zur Schule und drohte ihnen mit Ärger, das half.
Wie schwierig war es, wieder Fuss zu fassen, für Sie, für Ihre Familie?
Meine Ehe ist daran zerbrochen. Auch beruflich war es lange schwierig. Mein erster Job nach der Wende war Busfahrer, aber fest einstellen wollte man mich nicht. Der Chef sagte, die Kollegen hätten einstimmig beschlossen, dass sie mit einem von Honeckers Leuten nicht zusammenarbeiten wollten. Und so ging es mir mehrfach. Erst als ich 1996 meine heutige Frau kennenlernte, besserte sich die Situation. Sie kommt aus Bayern und verhalf mir zu neuem Selbstbewusstsein. 1997 bekam ich einen Job als Dozent und Ausbildner beim TÜV.
Und wie kamen Sie zu Ihrem Unternehmen, das die Ausbildung von Sicherheitsleuten und Altenpflegern kombiniert?
2000 habe ich mich selbständig gemacht, gemeinsam mit meiner Frau. Ich kümmere mich um das Fachliche, sie sich um das Finanzielle. Ihr habe ich eine Menge zu verdanken, weil sie im Westen aufgewachsen ist und deshalb alle Fallen kennt, in die man mit einem Unternehmen tappen kann.
Sie sind auch stark in Vietnam engagiert – wie kam es dazu?
Ich wurde als Sicherheitsspezialist für Grossveranstaltungen angefragt und reiste hin. Es stellte sich dann schnell heraus, dass man dort an unserem Wissen interessiert war und in Deutschland wiederum deutsch sprechendes Pflegepersonal sehr gesucht war. So ergab sich eine Kooperation mit drei Ausbildungsstätten in Vietnam. Der Kontakt entstand sicher auch, weil die DDR gute Verbindungen mit dem Land hatte. Ich spreche in Vietnam auch oft deutsch, das geht problemlos, weil viele aus meiner Generation in Leipzig oder Berlin studiert haben. Die Jungen hingegen kennen vor allem Audi und Bayern-München (lacht).
Sie sind jetzt im Pensionsalter, denken Sie langsam an den Rückzug?
Meine Frau schon, aber ich möchte noch ein bisschen was machen, gerade auch in Vietnam. Meine Frau schimpft zwar darüber, andererseits sagt sie auch: Wenn du den ganzen Tag zu Hause wärst, rennst du da doch nur rum wie ein Tiger im Käfig (lacht). Und damit hat sie vermutlich recht.

Fotograf: Annette Hauschild