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20. Juni 2016

Homosexuelle sollen sich wehren

Beleidigungen, Pöbeleien, Tätlichkeiten: Noch immer werden Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transmenschen angefeindet. Viele wagen es nicht, Anzeige zu erstatten. Mehrere LGBT-Organisationen wie Pink Cross wollen das jetzt ändern. Geschäftsführer Bastian Baumann nimmt Stellung.

Schwule und Lesben, die sich outen
Angst vor Anmache: In der Schweiz sieht man wenige Schwule und Lesben, die sich outen.

Der Angriff auf den Club Pulse letzte Woche in Orlando (USA), der vor allem von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen (kurz LGBT) besucht wird, ist das schlimmste Schusswaffendrama in der jüngeren US-Geschichte.
In der Schweiz ist eine solche Tragödie schwer vorstellbar, doch auch hier kommt es regelmässig zu Beleidigungen, Anfeindungen und Übergriffen gegenüber LGBT-Menschen. Beim Verein Pink Cross, der sich für ihre Anliegen einsetzt, melden jede Woche drei Betroffene solche Vorfälle, sagt Geschäftsleiter Bastian Baumann. «Hassverbrechen an LGBT-Menschen treffen auch immer ihre Familien und Freunde, sie gehen alle etwas an.»

Da die Polizei in der Schweiz nicht erfasst, ob jemand wegen seiner sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität bedroht oder angegriffen worden ist, gibt es keine offiziellen Zahlen dazu. Um das zu ändern, lancieren die LGBT-Organisationen Pink Cross , TGNS und Pink Cop gemeinsam mit LOS , Du bist du , Queeramnesty und der Unterstützung von Amnesty International die «Beratungsstelle gegen homo- und transphobe Gewalt» . Diese beantwortet Fragen zu Coming-out oder Diskriminierung und erfasst Übergriffe, mit dem Ziel, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und gesetzliche Massnahmen auszulösen.

Sensibilisierungsarbeit leistet auch der Verein Pink Cop. Er schärft den Blick von Polizisten bei ihrer Ausbildung und im Alltag für Übergriffe. «Wir sprechen auch mit der Community und ermutigen alle, gegebenenfalls Anzeige zu erstatten», sagt Peter Sahli (41) von Pink Cop. Noch würden viele Betroffene nicht wagen, jemand anzuzeigen. «Entsprechend hoch ist die Dunkelziffer.» 

Bastian Baumann (31)  ist PR-Berater und Geschäftsführer von Pink Cross
Bastian Baumann (31) ist PR-Berater und Geschäftsführer von Pink Cross

EXPERTENINTERVIEW

«Auch in Zürich sieht man kaum Lesben oder Schwule Hand in Hand spazieren»

Bastian Baumann (31) ist PR-Berater und Geschäftsführer von Pink Cross. Der Verein setzt sich für die Anliegen von LGBT in der Schweiz ein.

Bastian Baumann, wie haben Sie auf den Anschlag in Orlando reagiert?

Es war sehr bestürzend. Für mich persönlich, aber auch für die ganze Community. Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender (LGBT) fühlen sich weltweit betroffen. Bei Pink Cross erhalten wir sehr viele E-Mails und Facebook-Nachrichten von Personen, die ihre Solidarität ausdrücken und sagen, wie traurig sie über die Vorfälle sind.

Auch von Heterosexuellen?

Dieser Punkt bedrückt mich. Die Reaktionen kommen zwar nicht ausschliesslich, aber doch mehrheitlich aus der Community selbst. Die Betroffenheit bei der Allgemeinheit ist kleiner als bei anderen Attacken. Das war der schlimmste Anschlag seit 9/11 in den USA. Gemessen daran ist die Öffentlichkeit doch sehr schnell wieder zum Alltag zurückgekehrt. Leider ist das sinnbildlich für die Akzeptanz der LGBT-Menschen in der Schweiz.

Wie steht es hierzulande punkto Diskriminierung?

In den Städten kann man grundsätzlich gut leben, aber man sieht auch in Zürich kaum Schwule oder Lesben, Hand in Hand spazieren. Geht man aufs Land, wird es massiv schwieriger. Die Suizidrate bei jungen LGBT-Menschen ist fünf bis acht Mal höher als bei heterosexuellen Jugendlichen. Da sollten die Alarmglocken schlagen. Drei Leute melden sich jede Woche bei Pink Cross und berichten von Diskriminierungen. Sie werden beleidigt, angespuckt, blöd angemacht oder gar verprügelt. Doch die meisten melden solche Vorfälle selbst bei uns nicht.

2007 haben 58 Prozent der Schweizer Ja gesagt zum Partnerschaftsgesetz. Ein positives Signal?

Nun, 42 Prozent haben Nein gesagt, und seither sind fast zehn Jahre vergangen. In dieser Zeit ist nicht viel passiert, und das meine ich durchaus auch selbstkritisch. Was die LGBT-Rechte anbelangt, belegt die Schweiz auf der Rangliste der europäischen Länder Platz 24.

Welche Gesetze erachten Sie für die LGBT-Menschen in der Schweiz als zentral?

Es gibt einen Katalog von rund 40 Gesetzen, die möglich wären. Wie die Ehe für alle, ein Antidiskriminierungsgesetz, das Recht auf Adoption und Blutspenden. Dazu kommen Gesetze für Transmenschen, da sind wir noch nirgends. Sollte die Stimmung umschlagen, was in einigen Ländern Europas zurzeit der Fall ist, wären wir schutzlos ausgeliefert. Wenn es um Zukunftsängste geht, sind LGBT-Menschen einfache Ziele für Populisten.

Was kann die Zivilbevölkerung gegen Hassverbrechen tun?

Sie muss aufgeklärt und wachsam sein, sich klar positionieren und Partei ergreifen für die LGBT. Viele Leute kennen jemanden, der schwul oder lesbisch ist. Und doch fehlt oft die heterosexuelle Stimme in der Debatte. Unter der Hand haben wir die Unterstützung vieler, doch die meisten scheuen sich, ihre Solidarität öffentlich zu zeigen. Sie stehen am Strassenrand während des Pride-Umzugs, aber sie getrauen sich nicht mitzugehen.

Wovor haben homophobe Leute eigentlich Angst?

Studien belegen, dass stark homophobe Menschen meist mit ihrer sexuellen Identität Mühe haben oder selbst homosexuelle Neigungen verspüren, aber nicht zulassen. Es spielt auch viel Unwissen mit. Viele stellen sich vor, Schwule tanzen zu Hause nackt in der Federboa herum. Sie haben ein Bild von Schwulen als weibliche Männer und von Lesben als männliche Frauen im Kopf. Diese überspitzten Klischeevorstellungen treffen auf wenige zu. Die meisten Schwulen und Lesben sind für ­Heteros nicht als solche erkennbar. Sie sind keine Paradiesvögel, sondern genauso spannend oder langweilig wie alle andern auch. 

Autor: Monica Müller