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01. Dezember 2014

«Homo Faber», wo bist du?

Wo sind nur die Bücher von Dan Brown geblieben? Hans hat «Illuminati» gelesen und will mehr. Da es bei uns aber zu eng ist, als dass sich immer alle Bücher in ein Regal stellen liessen, bleibt ein gelesenes Buch nie lang in der Wohnung. «Vielleicht in einer Bücherkiste im Keller?», meint meine Frau.

Der Hausmann kommt ins Schwitzen
Der Hausmann kommt ins Schwitzen...

Kann gut sein. Aber ich ächze, denn um zu besagten Kisten vorzustossen, muss ich zunächst das ausrangierte Fitnessvelo aus unserem Kellerabteil wuchten, dann die Kunststoffbehälter mit Kinderkleidern raustragen, beschriftet mit «Mädchenkleider 140 bis 164» und «Bubenzeugs, ca. 152», danach kommen zwei Stapel bis unter die Decke aufeinandergeschichteter Plastikkisten, angeschrieben mit «Lego-Polizei», «Pixibüchlein», «Playmobil-Zirkus», «Bäbikleider» und so weiter …

Ich ächze und werde schweissnass.

Ich bin schon schweissnass, muss aber noch eingewinterte Blumenbehältnisse, ein Fondueset, Roll- und Schlittschuhe zur Seite räumen, dann erst stehe ich vor den Bananenschachteln mit den Büchern. Zuoberst: zwei Kisten voller «Lustiger Taschenbücher» von Walt Disney. Dann: «Jugendkrimis 2», «Teenie-Fantasy» und «Bilderbücher», und ich bin schon recht matt, als ich bei der Schachtel ankomme, in der wir Dan Brown wähnen … Ganz zu schweigen davon, dass all dies ja nachher wieder säuberlich an seinen Ort gerückt werden will, und zwar so, dass ich nächste Woche noch Zugang zu den Krippenfiguren finde!
Aber, ach, da ist kein Dan Brown. Statt auf die Thriller des populären Amis stosse ich auf lauter bildungsbürgerliche Pflichtlektüre, von Friedrich Schiller bis Christa Wolf. Warum, um Himmels willen, haben wir die aufbewahrt? Wieso das Gesamtwerk von Hermann Hesse (manche Bände davon gar doppelt, weil meine Liebste und ich uns in der «Gschpürsch mi»-Phase noch nicht kannten)? Weshalb den gesammelten Pier Paolo Pasolini, teils im italienischen Original? Als ob je eines der Kinder danach verlangen würde! Alles da. Nur den vom Feuilleton verhöhnten Unterhalter Brown – den haben wir nicht behalten. Mist.

Zwei Tage später frage ich Anna Luna, was für Ufzgi sie habe. «Abklären, ob wir ‹Homo Faber› hätten» – «Ob wir was?» – «Ob wir ‹Homo Faber› von Max Frisch besitzen oder ob der Lehrer es für mich bestellen muss.» Mir entfährt: «Ein tolles Buch!» Anna Luna: «Dann haben wir es also?» O ja, ich weiss sehr genau, wo. Es lagert in derselben Schachtel wie Hesse und Pasolini, hinten links im Keller, fast zuunterst. Dreiviertel Stunden Arbeit, bis ich es freigelegt hätte. Es gibt doch davon heut bestimmt ein Reclam-Bändchen, so ein kleines gelbes für die Schule, halb gratis … «Hallo, Vati?!», bohrt Anna, «haben wirs nun, oder nicht?» Und ich zögere, ihr die Wahrheit zu sagen.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli