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15. Dezember 2014

Norbert Gastell: «Synchronisieren wird leider oft unterschätzt»

Am 17. Dezember 1989 wurden «The Simpsons» erstmals im US-Fernsehen gezeigt. Fast genauso lang ist Norbert Gastell im Einsatz, die deutsche Synchronstimme von Familienvater Homer Simpson.

The Simpsons
Die beliebteste TV-Familie der Welt wird am 17. Dezember 25 Jahre alt. (Bild: TM Twentieth Century Fox Film Corporation)

Norbert Gastell, ahnten Sie, was für einen langlebigen Hit Sie sich da gesichert hatten, als Sie 1991 die Synchronstimme von Homer Simpson übernahmen?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukommt.
Es ist glaube ich die längste Serie, die je auf deutsch synchronisiert wurde. Zum
Glück ist Homers Stimme ganz anders als meine reguläre - sie ist so charakteristisch, dass ich sonst keine anderen Produktionen machen könnte.

Homers Stimme: Norbert Gastell (85) ist verheiratet und lebt in München. (Bild PDFilm Corporation)
Homers Stimme: Norbert Gastell (85) ist verheiratet und lebt in München. (Bild PDFilm Corporation)

Weshalb haben Sie sich damals für die verstellte Stimme entschieden?

Rein intuitiv. Ich habe mir die Figur angesehen und dachte (wechselt zu Homers
Stimme
)
, der muss eine Stimme haben, die sofort erkannt wird. (lacht)

Ist es anstrengend, so zu sprechen?

Natürlich. Aber die Stimme ist mir inzwischen sehr vertraut.

Weshalb ist die Serie so enorm erfolgreich?

Weil sie auf zwei Ebenen funktioniert. Die Jüngeren finden die Gags lustig, die
Älteren wissen die clevere Satire auf den American Way of Life zu schätzen.

Wie kamen Sie damals zu dem Job?

Ich sage immer: Sie haben einen Typen gesucht, der so ähnlich aussieht (lacht).
Nein, ich wurde angefragt, weil ich halt neben Theater- und TV-Rollen auch oft synchronisiere.

Hat Homer sich in all den Jahren irgendwie entwickelt?

Er hat sich kein bisschen verändert. Er bleibt ja auch immer 39 Jahre alt.

Quelle: Youtube Heini Lipschitz

Und Ihre Arbeit, hat die sich verändert?

Oh ja. Früher waren wir mehrere Synchronsprecher, die gemeinsam arbeiteten, aber inzwischen stehe ich seit vielen Jahren allein vor dem Mikrofon und spreche meine Zeilen. Das kostet die Produzenten zwar weniger, aber ich finde, dass durch die mangelnde Interaktion auch etwas verloren geht. Man reagiert halt einfach anders.

Spielen Sie hinter dem Mikrofon oder sprechen Sie nur?

Das Wort Synchronsprecher ist eigentlich falsch, wir sind Synchronschauspieler. Wir bekommen das übersetzte Drehbuch und spielen unsere Rolle unter Anleitung eines Regisseurs – nur so kommt die Stimme überzeugend rüber.

Wie lange sind Sie jeweils im Einsatz?

Pro Tag sind es 100 Takes, ein Take kann zwischen einem Wort und vier Zeilen lang sein. Das ganze dauert etwa fünf Stunden, manchmal braucht es mehrere Anläufe, weil es ja perfekt lippensynchron sein muss. Synchronisieren ist ziemlich anstrengend und wird leider oft unterschätzt. Es gibt viele Schauspieler, die das nicht können.

Mögen Sie die Serie überhaupt, schauen Sie sie ab und zu selbst?

Wenn ich Zeit habe, ja.

Sind Sie immer zufrieden mit sich?

Doch - doch, man versucht ja immer, das Beste zu geben.

Quelle: Youtube Heini Lipschitz

Haben Sie neben der Stimme sonst irgendwelche Gemeinsamkeiten mit Homer? Seine Liebe für Donuts vielleicht?

Nicht wirklich. Aber ein bisschen Homer steckt ja in jedem von uns. Ich mag ihn sehr, seine Naivität und seine ganze Art. Er ist halt immer irgendwie der Verlierer, das macht ihn so sympathisch.

Die US-Sprecher der Serie haben immer mal eine Lohnerhöhung bekommen - Sie auch?

Nein, leider nicht. Verglichen mit den Amerikanern sind wir unterbezahlt.

Verdient man gut als Synchronsprecher? Verglichen mit der Schauspielerei?

Beim Fernsehen verdient man besser. Und ich arbeite ja noch immer viel, ich
kann mich nicht beklagen.

In Ihrem Alter sind die meisten längst pensioniert. Arbeiten Sie fürs Geld oder nur noch aus Spass?

Beides ein bisschen. Ich werde das sicher noch so lange weitermachen wie es geht. Was meinen Sie, was los wäre, wenn Homer plötzlich mit einer anderen Stimme spricht? Das Problem hatten wir in den letzten Jahren mehrmals mit Grossvater Simpson, weil uns da gleich drei Synchronsprecher hintereinander weg gestorben sind. Der Regisseur hat mich gefragt, ob ich den Grossvater nicht auch noch sprechen könnte. Ich fand, lieber nicht, ich will noch ein bisschen hier bleiben. (lacht)

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