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07. Juli 2014

Home, sweet home

Das Apothekerschränkchen mitgezählt, gibt es in unserem Badezimmer neun Schrank- und Schiebetüren. Wenn sechs davon offen stehen, dazu eine offene Tube Zahnpasta, ein Frisierstab und eine unverschlossene Dose Lippenbalsam herumliegen und am Boden zwei nasse Frottiertücher – dann ist dies ein untrügliches Zeichen: Anna Luna ist wieder daheim! Unnötig, Ihnen zu sagen, dass ich mich über herumliegende Tücher nie so gefreut habe wie seit letztem Freitag. Wir sind wieder zu viert! Vielen Dank allen, die mitgefiebert haben. Und besonderen Dank für ihre Geduld all denjenigen, die das Wort Kentucky schon längst nicht mehr hören mögen – ich gelobe, es nicht so bald wieder zu erwähnen …

Die Familie ist wieder komplett.
Die Familie ist wieder komplett.

Die Familie, wieder komplett, ist eine komplett andere Familie. Mit anderer Dynamik, anderen Stimmungen, mit mehr Betrieb und Lärm und Drum und Dran. Denn zwei Kinder verursachen nicht einfach doppelt so viel Unordnung und doppelt so viele Geräusche. Sondern viel, viel mehr. (Weil eines allein sich ja kaum mit sich selber zanken, eines allein schlecht mit sich selber rumblödeln kann, wobei Gezänk bei uns gottlob selten ist, Geblödel dafür umso häufiger.) Es wird wieder rumgetollt, es fliegen wieder Bälle durch die Wohnung. Ging zuvor in sechs Monaten null Mal eine Vase zu Boden, geschah dies in den ersten drei Tagen nach Anna Lunas Rückkehr zwei Mal, samt Sauerei und Wasserfleck auf dem Parkett. Ich staune, wie viel plötzlich wieder eingekauft, gekocht und geschrubbt werden muss.

Und: «Vatiiii! Wo ist meine Alprausch-Tasche?!» Aber ich beklage mich nicht über den Wirbel! Denn ich habe von einer lieben Freundin, deren beide Kinder dieser Tage auf einen Schlag ausziehen (und danach wird es im Haus sehr, sehr still sein), rechtzeitig den Rat erhalten: «Ärgere dich nicht über schmutzige, zerknüllte Wäsche am Boden, ‹vertöpelte› Badezimmerarmaturen, grundloses Gemotze und Frust, den sie an dir ablassen, sondern geniesse jeden Tag, den du mit deiner Familie erleben darfst!»

Übrigens hat sie von den vier Zentimetern, die ihr bei der Abreise auf mich noch fehlten, erst deren zwei wettgemacht, meine «Kleine». Und es ist erstaunlich, dass trotz der vielen Erlebnisse und Erfahrungen, die sie ganz allein gemacht hat und nie ganz mit uns wird teilen können, eher mit ihrer zweiten Familie, die sie fortan somewhere in Kentucky hat … Hoppla, hab ich schon wieder Kentucky gesagt? Item. Erstaunlich, dass es trotz der eigenen Wege, die sie gegangen ist, vom ersten Augenblick an wieder war wie vorher. Wir schlossen uns am Flughafen alle vier in die Arme und müssen dabei wie Fussballer beim Torjubel ausgesehen haben, und sogleich war da wieder die alte Vertrautheit, das Necken, Sticheln, Versöhnen …

Sie hänselt mich wegen altbackener berndeutscher Ausdrücke wie «böimig», ich sie, wenn ihr ein Wort nur auf Amerikanisch einfällt: «Wie sagt man nur schon? I mean …» Was sage ich, amerikanisch? In allerbreitestem, zerdehntem Südstaatlerhinterwäldlercountryslang! Und finde ich im Kehricht einen Kartonbehälter für Erdbeeren und die zerknüllte Aludose des Getränks Ale 81, das sie büchsenweise importiert hat, ziehe ich sie auf: «Du bist jetzt wieder in der zivilisierten Welt, hier werden Abfälle getrennt …»

Wie sie das eigentlich drüben gelöst habe, mit den Frottiertüchern, frage ich. «Ach weisst du», raunt sie, «meine Gastschwester und ich hatten ein eigenes Badezimmer, wir beide schmissen unsere Tücher stets auf den Boden – es störte niemanden.»


ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, wie Anna Luna und ihr Bruder nun die Heimkehr erleben. Zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

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