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06. Juli 2015

Hohes Fieber

Bei Fieber muss man aufpassen, es könnte auch Schlimmeres dahinterstecken
Bei Fieber muss man aufpassen, es könnte auch Schlimmeres dahinterstecken (Symbolbild: Getty Images).

Als bei Benni das Fieber kam, wunderte sich niemand. So ist das bei Zweijährigen; eben spielen sie noch, wenige Minuten später sitzen sie mit roten Bäckchen und 40 Grad Celsius in der Ecke. Nicht schlimm, das geht vorbei. Als das Fieber blieb, tippten alle auf das Dreitagefieber. Bennis Mami sah das im Prinzip genauso. Dreitagefieber, was sonst? Ihre beiden älteren Kinder hatten das auch durchgemacht. Doch dieses komische Gefühl in ihrer Magengegend, das wollte einfach nicht verschwinden.

Eltern gehen unterschiedlich mit dem Thema Fieber um. Es gibt solche, die schon bei 37,9 Grad einen Notfalltermin beim Kinderarzt in Anspruch nehmen. Andere würden nicht im Traum daran denken, ihren Kleinen Fiebermedikamente zu geben, da «die Temperaturerhöhung eine total gesunde Reaktion» ist. Na ja, ich persönlich finde beide Extreme schräg. In unserer Familie senken wir Fieber immer, wenn es ungewöhnlich hoch ist, und/oder wenn es unseren Kindern sehr zusetzt.

Bennis Eltern sahen das ganz ähnlich. Deshalb versuchten sie es mit den Ibuprofen und Co., um ihrem Kind ein wenig Linderung zu verschaffen. Merkwürdigerweise schlugen die Medikamente kaum an. Benni glühte weiter vor sich hin. Am fünften Tag riss den Eltern der Geduldsfaden.

Das Dreitagefieber heisst schliesslich nicht umsonst Dreitagefieber. Sie brachten den Zweijährigen zum Kinderarzt. Der wurde fündig: entzündeter Rachen, Ausschlag, hohe Entzündungswerte im Blut, verdächtige Bakterien im Hals. Könnte Scharlach sein. Das sei zwar ungewöhnlich, aber dennoch denkbar. Mittel der Wahl: ein Antibiotikum.

Am sechsten Tag alles unverändert, ebenso am siebten. Fieber bis zum Abwinken und ein zunehmend geschwächtes Kind. Am achten Tag rief die Mutter erneut beim Kinderarzt an. «Ist es normal, dass es trotz Antibiotikum nicht besser ist?» Der Doc bestellte die Familie sofort ein, wiederholte die Untersuchung. Die Werte hatten sich verschlechtert. Nun hatte auch der erfahrene Arzt ein mulmiges Gefühl. Er tat das Richtige und schickte die Familie direkt auf den Kindernotfall.

Kleine Stöpsel reagieren schnell mit hohem Fieber. In dem einen Moment rennen sie einem Ball hinterher, im nächsten Moment sitzen sie mit roten Bäckchen in der Ecke. Meistens ist es nichts Schlimmes, eine Erkältung, die Magen-Darm-Grippe. In Ausnahmefällen sind sie aber lebensgefährlich erkrankt.

In den späten Abendstunden des achten Fiebertages sprach der Oberarzt im Spital zum ersten Mal aus, was schon der Kinderarzt vermutet hatte: Das hohe Fieber kam weder von einer Erkältung, noch war es Scharlach. Benni hatte eine massive Entzündung aller Blutgefässe im Körper.

Das ist selten, aber nicht über alle Massen selten. Die Krankheit, die vor allem sehr junge Kinder trifft, ähnelt anfangs Scharlach. Das Leiden ist gut behandelbar, vorausgesetzt, die richtige Therapie beginnt vor dem zehnten Krankheitstag. Wenn das Problem hingegen «verpasst» wird, weil die Eltern ganz auf Hausmittel setzen und die Selbstheilungskräfte ihres Kindes überschätzen oder Ärzte zu zögerlich agieren, dann drohen schwerste Schäden am Herzen.

Bennis Mutter hat gerade eben Pralinés verschenkt. Eine Riesenpackung ging an den Kinderarzt, eine weitere auf den Kindernotfall. Als kleines Dankeschön dafür, dass Benni frühzeitig und rechtzeitig behandelt werden konnte.

Autor: Bettina Leinenbach