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13. Juni 2016

Ein Hoffnungsschimmer für Schuldengeplagte

Drei von vier Verschuldeten, die Hilfe bei einer Beratungsstelle suchen, haben Steuerschulden. Manche kommen kaum mehr aus der Schuldenspirale heraus. Eine neue Berechnung des Existenzminimums soll helfen.

Leute mit kleinem Budget schlagen sich oft mit Steuerschulden herum.
Leute mit kleinem Budget schlagen sich oft mit Steuerschulden herum. (Bild: Fotolia)

Eine Mutter, 30 Jahre alt, hat innert zehn Jahren 30 000 Franken Schulden angehäuft. 20 000 Franken konnte sie tilgen, neu hinzu kamen aber 17 000 Franken offene Steuerrechnungen. Ein klassisches Beispiel aus dem Alltag der Schuldenberatung der Caritas Schweiz. «Eine solche Person kommt nicht mehr aus der Schuldenspirale heraus», sagt Martin Abele (53), Leiter der Caritas-Schuldenberatung.

76 Prozent der Kundinnen und Kunden von Beratungsstellen schlagen sich vor allem mit Steuerschulden herum. Das zeigen die neuesten Zahlen des Dachverbands Schul-denberatung Schweiz (SBS). Kreditkartenschulden machen nur rund 25 Prozent aus.

Offene Steuerrechnungen sindfür die SBS die Hauptursache derSchuldenspirale, in die immermehr Schweizer geraten. Wird jemand auf das betreibungsrechtliche Existenzminimum gesetzt, dann sind damit Miete, Essen und andere Lebenshaltungskosten gedeckt, aber nicht die Steuern. Der Genfer Nationalrat Roger Golay (56) vom Mouvement citoyens genevois fordert deshalb in einer parlamentarischen Initiative, dass Steuern ins Existenzminimum aufgenommen werden. Die nationalrätliche Rechtskommission lehnt dies ab. Nun hoffen die Schuldenberater, dass das Parlament die Initiative gutheissen wird.

Auch mit dem neuen Existenzminimum wären nicht alle Probleme gelöst. «Wir leben zwar in einer Konsumgesellschaft», sagt Beatrice Ligthart (52) von der Eff-Zett-Bud-getberatung Zug, «aber das System ist nicht darauf ausgerichtet, dass wir auf Pump konsumieren.

«Wer knapp bei Kasse ist, zahlt zuerst Miete, Leasingraten oder Handyrechnungen»

Martin Abele (53) ist Leiter der Fachstelle Schuldenberatung bei der Caritas Schweiz.

Martin Abele, 76 Prozent der verschuldeten Schweizer haben Steuerschulden und fast 60 Prozent offene Krankenkassenrechnungen. Wie erklären Sie sich das?

Steuern und Krankenkassenprämien betrachten manche Leute als nicht sehr dringlich. Wer knapp bei Kasse ist, zahlt zuerst Miete, Leasingraten oder Handyrechnungen. Kommt dazu: In den meisten Kantonen ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung auch bei Krankenkassenschulden garantiert. Auch bei offenen Steuerrechnungen passiert lange nichts.

Rund 10 000 Menschen suchen ­jährlich Rat, weil sie verschuldet sind. Wie kommt es so weit?

Die häufigsten Gründe sind Scheidung oder Trennung, Arbeitslosigkeit und Krankheit sowie Überforderung im Umgang mit Geld. Jugendliche haben eher Konsumschulden – aber auch die grössten Chancen, schuldenfrei zu werden.

Mit welchen Schuldenbergen schlagen sich die Ratsuchenden herum?

Die durchschnittlichen Beträge steigen mit jedem Jahr. Im Moment sind es 65 000 Franken pro Kunde. Wer erst nach zehn Jahren Verschuldung Hilfe holt, hat im Schnitt rund 100 000 Franken abzuzahlen. Die meisten warten viel zu lange, bevor sie Rat suchen.

Weil sie sich schämen?

Es ist ein Tabuthema. Viele wissen nicht, wo sie Hilfe erhalten. Es gibt auch Eltern, die ihren Kindern die Situation verschweigen. Das ist verständlich, aber falsch. Informierte Kinder lernen, mit knappem Budget auszukommen, und sie wollen helfen, die Belastung zu reduzieren. Wenn ­Eltern zu uns kommen, sind sie ­verzweifelt, denn sie haben oft alles ­versucht, um aus ihrer Situation herauszukommen – etwa mit Mehrarbeit.

Wie helfen Sie diesen Menschen?

Manche sind enttäuscht, weil wir ihnen kein Geld geben können. Vielmehr erstellen die Berater ein Budget und treffen Vereinbarungen mit den Gläubigern. Manchmal ist ein Teilerlass der Schulden möglich. Wenn sich zeigt, dass ein Ratsuchender nicht innert dreier Jahre saniert werden kann, bereiten wir ihn auf ein Leben mit Schulden vor. Diese Fälle sind sehr häufig und nehmen zu.

Was heisst es, ein Leben mit Schulden führen zu müssen?

Dass weiterhin stets Betreibungen eintreffen, auch wenn man neue Schulden möglichst vermeidet. Hat der Schuldner ein Einkommen, wird dieses bis auf das Existenzminimum gepfändet. In diesem Fall kann man nur noch in sehr beschränktem Rahmen über sein Geld verfügen.

Wie kommt so eine Nachricht an?

Nach einer Beratung sind die meisten zwar erleichtert, weil wenigstens etwas Ordnung ins Chaos kommt und ihr Leben wieder geregelt verläuft. Aber die psychische Belastung durch ­permanente Schulden ist enorm.

Der Dachverband der Schuldenberater will, dass Steuerrechnungen in das betreibungsrechtliche Existenzminimum eingerechnet werden.

Dem schliessen wir uns an. Heute wird das Existenzminimum so berechnet, dass es Miete, Essen und weitere notwendige Lebenshaltungskosten deckt. Steuern müssen aber ebenso regelmässig entrichtet werden. Wird das Existenzminimum um die laufenden Steuern erhöht, hilft das vielen Menschen, aus der Schuldenspirale herauszukommen.

Wie kann man verhindern, dass Menschen überhaupt in solche Situationen geraten?

Man muss die Finanzkompetenz der Jungen fördern, in der Schule oder über Elternkurse. Sie müssen lernen, laufende Kosten zu planen und für anderes zu sparen. Es braucht aber auch mehr niederschwellige Beratung, damit die Leute rechtzeitig Unterstützung erhalten.

Autor: Yvette Hettinger