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16. April 2012

Hochbegabung ist auch eine Bürde

Viele Kinder sind klug, aber einige sind ganz besonders schlau. Was bedeutet die ausserordentliche Begabung für die Kinder, ihre Eltern und die Schule?

Sarah Chékifi: Der 18-Jährigen ist der 
Entscheid für eine Berufsrichtung nicht leicht
gefallen. Doch sie hat 
gewählt: Sarah will 
Umweltwissenschafterin werden.

Genie oder Problemkind: Welche speziellen Anforderungen stellen Hochbegabte an die Schule, und woran erkennt man sie?

Sie selbst würden sich nicht als hochbegabt bezeichnen. Sie, das sind Valérie Vogel (15), Alexandra Würgler (16) und Sarah Chékifi (18). Alle drei besuchen die Schweizerische Alpine Mittelschule Davos (SAMD) und nehmen am SAMDplus teil, einem schweizweit einzigartigen Programm zur Begabtenförderung in den Bereichen Naturwissenschaften und Technik. Die Mädchen sitzen in der Kantine vor einem Teller Tortellini und versuchen gemeinsam zu erklären, was sie eigentlich anders macht als durchschnittliche Schüler. «Wir sind schon schnell, das stimmt, aber wir sind vor allem sehr fleissig», bringt es Valérie auf den Punkt. «Wenn wir richtig hochbegabt wären, dann» — sie schnippt mit den Fingern — «ginge ja alles einfach so, ohne Anstrengung.»

Valérie ist eine der neun SAMDplus-Schülerinnen und -Schüler. Voraussetzung für die Aufnahme sind ein Notendurchschnitt von mindestens 5,2. Was steckt eigentlich hinter dem «-plus»? Die Plus-Schüler besuchen zwei statt eines Schwerpunktfachs, machen einen zweimonatigen Aufenthalt in einer Partnerschule, nehmen an Wettbewerben teil und machen Praktika an Davoser Forschungsinstituten.

Eltern wird oft vorgeworfen, sie würden ihre Kinder überfordern

Die Schüler mit der grossen Auffassungsgabe und dem ungewöhnlichen Leistungswillen kommen aus allen Bevölkerungsschichten. Doch wo verläuft die Trennlinie zwischen sehr fleissigen und hochbegabten Schülern? Das sei gar nicht so einfach, meint Hansruedi Müller (61), Rektor der SAMD. Deshalb geht es bei der Aufnahme ans SAMDplus nicht nur um Intelligenztests, es braucht vor allem Gespräche und Schnuppertage. Das Gleiche gilt auch für Schulen wie die Talenta in Zürich, eine Primarschule für hochbegabte Kinder.

Eltern von Hochbegabten sind immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden ihre Kinder zu Hochleistungen drillen. Dabei ist bei vielen schon fast das Gegenteil der Fall, wie die Geschichte der knapp zehnjährigen Leonie Aellen, einer Talenta-Schülerin zeigt: «Eines Morgens las Leonie mir aus der Zeitung vor. Damals war sie im Spielgruppenalter, und ich fiel aus allen Wolken. Sie hatte sich das einfach selbst beigebracht», erinnert sich ihre Mutter, Monika Aellen-Hollenstein (45). Schnell kamen Vorwürfe, sie würden das Kind übermässig antreiben. In der Schule ihres Wohnorts Stäfa ZH hatte Leonie Glück. Ihre Lehrerin förderte sie wo immer möglich. Doch Ende der dritten Klasse waren alle Möglichkeiten wie der Besuch der Fördergruppe, Klassen überspringen und der Mentoratsunterricht ausgeschöpft. Den Eltern wurde mitgeteilt, ihre Tochter könne nicht länger in der Gemeinde geschult werden. Den Aellens ging das viel zu schnell: «Wir wollten, dass Leonie hier bleiben kann, auch wegen ihrer Freundinnen», sagt die Mutter. Zwar sind mittlerweile alle dankbar für die Entwicklung, aber Vorwürfe und Neid machen der Familie noch heute zu schaffen.

Valérie Vogel: Die 15-Jährige hat sich für Physik als Schwerpunktfach entschieden – weil  die Physik ihr schwererfällt als alle anderen Disziplinen.
Valérie Vogel: Die 15-Jährige hat sich für Physik als Schwerpunktfach entschieden – weil die Physik ihr schwererfällt als alle anderen Disziplinen.

Valérie Vogel sitzt im Physikzimmer und berechnet konzentriert, wie oft die Hantel gestemmt werden muss, bis damit die Energie einer Tafel Schokolade verbrannt ist. Sie hat sich für Physik als Schwerpunktfach entschieden, weil es ihr schwererfällt als anderes. An der Tafel steht «Arbeit = Leistung pro Zeit». Die einfache Gleichung bringt es auf den Punkt: Hochbegabte Kinder schaffen viel mehr Leistung pro Zeit. Martin Meyer (43) Assistenzprofessor am Institut für Neuropsychologie an der Uni Zürich erklärt, warum das so ist: «Hochbegabte Menschen können enorm viele Dinge miteinander verbinden — ihr Gehirn arbeitet multisensorischer als jenes normal Intelligenter. Deshalb sind viele Hochbegabte auf vielen Gebieten besonders gut.» Das bestätigen auch Brigitte Gredt Vogel und Elvira Chékifi, Valéries und Sarahs Mütter: Es gibt so vieles, was ihre Töchter interessiert, von Sport über Musik, Lesen und Kochen — eigentlich sind die Tage zu kurz für alles.

Anfangs reagierten die normal begabten Schüler mit Skepsis

Dieses Problem hat auch Alexandra. Sie ist ebenfalls sehr vielseitig engagiert, unter anderem in der Jungsozialen Partei von Davos. Es erstaunt nicht, dass sich Alexandra und Valérie hinsichtlich ihrer beruflichen Zukunft noch nicht festlegen wollten. Nur Sarah hat bereits eine Wahl getroffen: Umweltwissenschaften. «Das ist so breit gefächert, das gefällt mir», sagt sie. Als zweites Schwerpunktfach belegen alle drei Latein bei Severin Gerber (42), er ist selber ehemaliger SAMD-Schüler und jetzt Prorektor der Schule. Er schafft es, aus den alten Texten die grossen Fragen des Lebens herauszuschälen, und sie mit der Klasse zu besprechen: Tod, Liebe, Neid und Betrug. Heute nimmt Sarah an seinem Unterricht teil. Für sie als Plus-Schülerin ist das freiwillig, sie selbst entscheidet, welches Schwerpunktfach sie besucht und welches sie selbständig aufarbeitet.

Alexandra Würgler: Die 16-Jährige ist sehr vielseitig interessiert und engagiert. Was einmal ihr Beruf sein wird, darauf kann sich Alexandra noch nicht festlegen.
Alexandra Würgler: Die 16-Jährige ist sehr vielseitig interessiert und engagiert. Was einmal ihr Beruf sein wird, darauf kann sich Alexandra noch nicht festlegen.

Wie reagieren die anderen Jugendlichen auf die Plus-Schüler? «Anfänglich gab es schon Skepsis», räumt Rektor Hansruedi Müller ein. Doch mittlerweile haben sich alle daran gewöhnt. Valéries Mutter wünscht sich allgemein mehr Anerkennung für die begabten Schüler: «Ich finde es schade, dass man in der Schweiz den schulischen Ausnahmetalenten mit Misstrauen statt Förderung begegnet. Begabte und motivierte Kinder sind doch die Zukunft unseres Landes — und davon profitieren alle.» Damit bringt sie auf den Punkt, was viele Eltern hochbegabter Kinder beschäftigt. Sie wünschen sich, dass alle Kinder die Chance bekommen, sich bestmöglich zu entwickeln und zu entfalten. Auch die besonders guten. Über Davos legt sich langsam die gelassene Heiterkeit des Wochenendes. Und draussen lädt die aufblühende Natur dazu ein, Bücher und Labors für ein Weilchen in den Schatten zu drängen.

Schule für hochbegabte Primarschulkinder in Zürich: www.talenta.ch
Primarschule für hochbegabte Kinder im Kanton Zug: www.talentia.ch
Schweizerische Alpine Mittelschule Davos: www.samd.ch
Vereinigung Eltern hochbegabter Kinder: www.ehk.ch
Stiftung für hochbegabte Kinder: www.hochbegabt.ch

Autor: Andrea Fischer Schulthess

Fotograf: Vera Hartmann