Archiv
24. Februar 2014

«lch weiss, dass ich viel Leid nicht lindern kann»

Seit zehn Jahren kämpft der Schweizer Arzt Ruedi Lüthy unermüdlich für ein besseres Leben der HIV-Kranken in Simbabwe. Nun will der 73-Jährige seine Klinik in Harare einem Nachfolger übergeben.

Ruedi Lüthy Porträtfoto
«Aids ist noch immer ein Tabu, und das ist ein gewaltiges Problem.» – Ruedi Lüthy ist HIV-Spezialist und Gründer der Newlands-Clinic in Simbabwe.
HIV-Verbreitung in der Schweiz
HIV-Verbreitung in der Schweiz

HIV IN DER SCHWEIZ
Ausserdem zum Thema: Wie verbreitet ist HIV in der Schweiz heute, oder im kantonalen Vergleich?
Der Anteil von HIV-Infizierten ist doppelt so hoch wie in anderen westeuropäischen Ländern. Zehn wichtige Fakten zum HI-Virus. Zum Artikel

Ruedi Lüthy, Ihre HIV-Klinik Newlands in Simbabwe feiert in diesen Tagen ihren 10. Geburtstag. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Sehr viel. Ich hätte mir so eine Entwicklung nie vorstellen können. Meine Arbeit macht so viel Freude wie kein Job vorher.

Ehrlich? Sie sind pausenlos mit enorm viel Leid konfrontiert.

In den ersten zwei, drei Jahren hatte mich das Elend so getroffen, dass ich nur das sah, was ich nicht ändern konnte. Als Simbabwes Präsident Mugabe im Juni 2005 Wellblechsiedlungen von 700' 000 Menschen niederreissen liess, habe ich es nicht mehr ertragen, ging mit meiner Frau in die Schweiz zurück und versuchte, mir klar zu werden, wie es weitergehen sollte. Dann erinnerte ich mich an ein Gebet von Franz von Assisi: «Herr, gib mir die Kraft, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen, und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen unterscheiden zu können.»

Und diese Kraft gibt Ihnen die Religion?

Ich bin schon gläubig, aber entscheidend war die Erkenntnis, mich auf das zu konzentrieren, was ich verändern kann. Alles andere muss ich akzeptieren. Schauen Sie: Ich esse zu Hause ein normales Frühstück und begegne dann in der Klinik zwei Mädchen, die seit zwei Tagen nichts mehr gegessen haben. Natürlich komme ich mir vor wie ein schlechter Hund. Aber heute weiss ich, dass ich viel Leid nicht lindern kann. Deshalb konzentriere ich mich auf das Positive: Im Dezember kam eine Frau in die Klinik mit unglaublichen Schmerzen im Auge und einer trüben Hornhaut. Unsere Ärztin hatte so was noch nie gesehen. Für mich war sofort klar, dass es sich um eine Herpes-Hornhautentzündung handelte. Wenn ich so helfen kann, löst das in mir eine riesige Freude aus.

Wie hat sich die Lage in Simbabwe bezüglich HIV in den letzten zehn Jahren verbessert?

Massiv. Als ich ankam, gab es keine einzige öffentliche Klinik für diese Menschen. HIV-Medikamente waren fast unbekannt. Die Kranken sind einfach gestorben. Seither sind rund 1600 Kliniken und ambulante Behandlungsstellen für HIV- und Tuberkulosepatienten entstanden. Heute, so behauptet es zumindest das Gesundheitsministerium, sind 600'000 Menschen in einer HIV-Therapie. Allerdings erhalten noch immer rund eine halbe Million HIV­Positive keine Behandlung.

Wie viel haben Sie zu all dem beigetragen?

Es ist Aufgabe des Ministeriums, diese Epidemie zu bekämpfen. Klar, wir haben mit unserer Arbeit einen wesentlichen Beitrag geleistet. Seit fünf Jahren bilden wir in unserem Ausbildungszentrum einheimische Pflegepersonen und Ärzte aus. Über 750 Personen haben bei uns mittlerweile abgeschlossen. Und mehrere weitere Kliniken sind nach unserem Vorbild entstanden.

Hat sich auch der Umgang mit HIV-Positiven im Vergleich zu früher entspannt?

Wenig. Die Krankheit ist noch immer ein Tabu, und das ist ein gewaltiges Problem. Ein HIV-positives Kind muss alles unternehmen, damit in der Schule niemand davon erfährt, sonst wird es gehänselt, möglicherweise gar ausgegrenzt. Selbst Lehrer haben kaum Verständnis für diese Kinder. In Simbabwe sieht man die Ursache von HIV noch immer darin, dass der Betroffene sich gegenüber der Familie versündigt hat oder von jemandem verflucht worden ist. Wir betreiben einen riesigen Aufwand, nur um den Müttern beizubringen, dass sie ihre Kinder bedenkenlos in die Arme nehmen können.

Wer in Simbabwe erkrankt an HIV?

Alle, quer durch die Gesellschaft. Erschwerend kommt hinzu, dass es laut Regierung keine Homosexualität gibt. Entsprechend gibt es null Prävention für Homosexuelle. Genauso negiert wird das wachsende Drogenproblem. Und Frauen sind aus der Sicht der Simbabwer dazu da, Männern Kinder zu gebären. Mit der Heirat und der Mitgift kaufen sie sich das Recht, Frauen zu «benützen».

Das heisst, der Mann bestimmt, ob er Kondome benützt oder nicht.

Genau. Und es ist schwierig, Männer dazu zu bringen. Deshalb ist die Therapie so wichtig, denn damit sind die Patientinnen kaum mehr ansteckend.

Sie behandeln also primär Frauen?

Ja, über zwei Drittel unserer Patienten sind Mädchen und Frauen, weil ihr Wohlbefinden sich sofort auf viele weitere Menschen positiv auswirkt. Ein weiteres entscheidendes Kriterium: Die Patienten müssen arm sein.

Wie vielen Menschen konnte Ihre Klinik das Leben retten?

Retten können wir sie nur, wenn sie ihr Leben lang immer ihre Medikamente nehmen. Inzwischen betreuen wir 4500 Patienten in der Klinik. In den ersten Monaten der Behandlung sterben etwa zehn Prozent, weil sie die Medikamente zu spät bekommen. Aber die Geretteten können ihre Familie weiterführen. Und mit den Ausbildungen geben wir lebensrettendes Wissen weiter.

Wie finanzieren Sie die Klinik?

2013 betrug unser Budget 3,3 Millionen Franken inklusive Ausbildung und Softwareentwicklung. Das Geld erhalten wir zu einem Drittel von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit sowie einer Reihe von Stiftungen. Ein Grossteil stammt von Einzelspendern aus der Schweiz. Dieses Vertrauen ist eine grosse Verpflichtung: Über 90 Rappen jedes Spenderfrankens fliessen in unsere Projekte. Mit rund 600 Franken pro Jahr können wir einen Patienten umfassend betreuen.

Welches sind die grössten Probleme, mit denen Sie konfrontiert sind?

Das Hauptproblem ist die Therapietreue. Wenn man pro Woche eine Tablette vergisst, versagt irgendwann die Therapie. Hinzu kommen Armut, Hunger und eine Arbeitslosigkeit von über 80 Prozent. Wir haben deshalb nicht nur ein Nahrungsmittelprogramm aufgebaut, sondern organisieren für einige Patienten auch einen Taxidienst zur Klinik, weil sie sich die Fahrt nicht leisten können. Um wirklich zu helfen, braucht es ein umfassendes Programm.

Die Newlands Clinic ist also weit mehr als ein HIV-Spital?

Das hat sich so ergeben. Zum Beispiel haben wir nach den Hungersnöten vor ein paar Jahren den Menschen beigebracht, wie sie Gemüse anpflanzen können.

Sie machen also das, wofür eigentlich der Staat sorgen müsste.

Das haben Sie gesagt. Ich darf das nicht.

Wie stark schadet die politische Repression unter Präsident Robert Mugabe dem Land?

Dazu darf ich mich öffentlich ebenfalls nicht äussern.

Warum haben Sie sich entschlossen, Ihre Klinik gerade in Simbabwe aufzubauen?

Aus Zufall. Ich wollte mich frühzeitig pensionieren lassen und mein Wissen in Afrika weitergeben. Dazu kam es, weil mich an einem internationalen Aidskongress in Barcelona eine Ärztin aus Simbabwe um Beratung für eine Studie gebeten hatte. Dabei sollten HIV-Patienten mit Aspirin und Multivitaminpräparaten behandelt werden – und das noch im Jahr 2002! Ich war entsetzt. Aber sie sagte mir, sie hätten halt nichts anderes. Das zeigt, auf welchem Stand das Wissen dort damals war.

Nach zehn Jahren wollen Sie die Klinik nun einem Nachfolger übergeben. Welche Voraussetzungen muss dieser mitbringen?

Ich war lange überzeugt, dass wir dafür einen Schweizer Arzt brauchen. Wir sind nun aber ein grosser Betrieb geworden, und es braucht jemanden mit Erfahrung in Führung und Management, im Idealfall aus dem Gesundheitsbereich.

Sie wirken gesund und munter. Könnten Sie nicht noch ein paar Jahre weitermachen?

Ich bin kürzlich 73 geworden. Irgendwann kommt der Moment, wo ich morgens nicht mehr um 6 Uhr aufstehen möchte. Zudem will ich meine Nachfolge so sichern, dass der Laden weiterläuft, falls mir etwas zustösst. Am liebsten würde ich mich aus der Funktion des Direktors zurückziehen und nur bei der Ausbildung und der Patientenbetreuung mithelfen. Zur Enttäuschung meiner Frau habe ich mich noch nicht geäussert, wie lange ich in Simbabwe bleibe, um weiterzuhelfen. Letztlich hängt das von meiner Gesundheit ab.

Ihre Frau würde demnach gern wieder in der Schweiz leben?

Ja. Harare ist wunderschön und grün. Aber als Weisser hat man es nicht einfach. Wir kennen unsere Nachbarn rechts und links kaum. Nicht etwa aus rassistischen Gründen, sondern weil die schwarze Bevölkerung den Weissen nach wie vor grossen Respekt entgegenbringt. Das macht es schwierig, Freundschaften auf gleicher Ebene zu schliessen.

Wie wohnen Sie?

In einem grossen Haus mit schönem Garten und tropischen Blumen. Das Land bietet unglaublich viele Naturschönheiten. Ich bin ein grosser Fan von Wildtieren, und in Simbabwe kann man in einem Nationalpark umgeben von Gazellen und Nashörnern picknicken. Für mich ist das wie ein Bubentraum. Es gibt Bilder von mir in einem Löwengehege mit 16 Raubkatzen. Ich liebe Löwen.

Wie beurteilen Sie die Schweiz nach all den Jahren in Afrika?

Wir haben es in der Schweiz unendlich gut, dank eines politischen Systems und einer Rechtsordnung, die funktionieren. Abstossend hingegen wirkt der hiesige Konsumrausch auf mich. Ich muss dann sofort an die vielen Menschen denken, die ohne Verschulden nicht genügend Nahrung zum Leben finden.

Wir leben in der Schweiz in einem Paradies, das wir nicht zu schätzen wissen?

Das ist hart ausgedrückt. Aber sicher jammern wir auf sehr hohem Niveau. Wir dürften manchmal ein wenig dankbarer dafür sein, was uns geschenkt wird. In Afrika sind viele Menschen mit sehr wenig zufrieden. Dabei befinden sich diese Menschen oft in Situationen, in denen wir längst zusammengebrochen wären.

Haben Sie gegenüber Simbabwe inzwischen so etwas wie Heimatgefühle?

Ja. Ich empfinde die Menschen als ausserordentlich liebenswürdig, das Land als ausserordentlich schön. Und ich betrachte es als Privileg, dass das, was ich mache, in der Schweiz derart unterstützt wird. In meiner Karriere war ich Arzt, Professor sowie Gründer des Zürcher Lighthouse – das waren alles schöne Aufgaben. Aber richtige Erfüllung finde ich erst jetzt.

www.swissaidscare.ch

Autor: Reto Wild, Ralf Kaminski

Fotograf: Alexander Jaquemet