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02. Juni 2014

Hitzfelds guter Freund

Pfarrer und Religionslehrer Josef Hochstrasser zählt zu den besten Freunden von Fussball-Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld. Sie fachsimpeln gerne über Fussball, über Gott und die Welt und übers Jassen. Nach der Fussball-WM wollen sie sich öfter treffen.

Spieler der Plauschmannschaft von Juni 1985 in Oberentfelden AG: Ex-Regierungsrat Kurt Woodtli, Josef Hochstrasser und Ottmar Hitzfeld (von links).
Spieler der Plauschmannschaft von Juni 1985 in Oberentfelden AG: Ex-Regierungsrat Kurt Woodtli, Josef Hochstrasser und Ottmar Hitzfeld (von links).

Josef Hochstrasser (67) blickt verschmitzt durch seine runden Brillengläser. «Vor ein paar Minuten hat mir Ottmar ein SMS geschickt und mich gefragt, ob ich das Freundschaftsspiel Schweiz - Peru besuchen möchte. Ja, er lädt mich immer ein.» «Ottmar», das ist Ottmar Hitzfeld (65). Die beiden kennen sich seit Mai 1985. Zu jener Zeit war Hitzfeld Trainer des FC Aarau.

YB-Fan Hochstrasser, ein drahtiger, 172 Zentimeter kleiner Mann, «springt seit 1956 dem Ball hinterher». Fussball sei Lust, Lust an der Bewegung. Es sei wunderschön, mit einem Doppelpass durch gegnerische Reihen zu tanzen und zu spüren, dass man auch mit 67 Jahren noch immer einen Körper hat, «der ­einiges hergibt». In den 80er-Jahren spielte er in einer Plauschmannschaft in der Nähe seines Wohnorts Oberentfelden AG rechts vorne, Nati-Trainer Hitzfeld in der Mitte. «Wir haben beide gestürmt und wunderbar zusammengespielt.» Mit dieser «lustigen Truppe» spielt Hochstrasser auch heute noch – jeden Samstag um 10 Uhr. Inzwischen hilft er hinten rechts aus. Nati-Trainer Hitzfeld hat dafür keine Zeit mehr.

Hochstrasser setzt an der WM auf die Qualitäten von Hitzfeld

Mitte Juni fliegt der reformierte Pfarrer Hochstrasser für eine Woche an die Fussball-WM. Dort schaut er sich unter anderem das Eröffnungsspiel Brasilien - Kroatien an. Seine Frau bleibt zu Hause. Sie hat Flugangst und teilt die Passion ihres Mannes für den Fussball nicht.

Hochstrasser räumt der Fussball­Nati sehr gute Chancen ein. Selten sei eine Schweizer Auswahl mit so vielen talentierten Spielern bestückt gewesen. «Wie gut die Mannschaft abschneidet, ist eine Sache der Gruppendynamik und damit abhängig von Ottmar. Er muss die Kräfte auf den richtigen Zeitpunkt kanalisieren», sagt er. Da würden die psychologischen und gruppendynamischen Qualitäten seines Freundes zum Tragen kommen, fügt er an. Möglich sei ein Vorstoss der Schweizer bis in den Viertelfinal. Weltmeister werde allerdings Italien mit dem Mittelfeldspieler Andrea Pirlo, den er voller Bewunderung als Magier bezeichnet. Hochstrasser hat seit seiner Zeit bei der Schweizergarde in Rom eine Affinität zu Italien.

Josef Hochstrasser schätzt an seinem Freund Ottmar Hitzfeld die Verlässlichkeit und Verbindlichkeit.
Josef Hochstrasser schätzt an seinem Freund Ottmar Hitzfeld die Verlässlichkeit und Verbindlichkeit.

Der Rentner reist nur kurz nach Südamerika, weil ihm die Zeit für einen längeren Aufenthalt fehlt. Er ist noch immer mehrmals pro Jahr mit Trauungen beschäftigt, schreibt in diversen Schweizer Zeitungen über Fussball, hält Vorlesungen an der Uni Luzern und arbeitet vor allem an einem neuen Buch über Gottfried Locher, den Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds. «Es wird um Gottes willen kein frommes Buch. Wir reden über aktuelle Themen wie Gewalt oder Abtreibung», sagt der Fussballfan.

Ottmar Hitzfeld war vom Bild der starken Maria überrascht

Hochstrasser hat Hitzfeld in Entfelden AG kennengelernt. Hitzfeld besuchte vor rund 30 Jahren einen Gottesdienst des damals noch katholischen Pfarrers. Er predigte über Maria und bezeichnete sie als aufgestellte und gesellschaftspolitisch moderne Frau. Nach der Messe fragte Hitzfeld den Pfarrer, ob er mit ihm über seine Predigt reden dürfe. Hitzfeld war vom Bild der starken Maria überrascht und lud Hochstrasser zum Nachtessen ein. Der Fussballlehrer realisierte, dass sie einiges gemeinsam hatten: das Philosophieren, die Liebe zum Spiel mit dem runden Leder und das Jassen. Das war der Beginn einer inzwischen 29-jährigen Freundschaft.

Ottmar Hitzfeld sagt: «Bei Sepp Hochstrasser beeindruckt mich besonders sein nie erlahmender Elan. Er versprüht immer Energie. Ich schätze seine Loyalität, sein Vertrauen, seine Authentizität und selbstverständlich seine Freundschaft.» Der Lörracher attestiert seinem Freund im Fussball viel Sach- und Fachkenntnis. Hochstrasser wiederum gefällt an Hitzfeld dessen «Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Er ist ein treuer Freund. Wenn wir um 14 Uhr abmachen, ist er pünktlich vor Ort.»

Als Hochstrasser unterrichtete, war der Fussballtrainer interessiert, wie der Religionslehrer Wissen vermittelt, wie er junge Leute führt. Und Hitzfeld hat Hochstrassers Buch «Einwurf. Jesus und Mohammed im Gespräch» gelesen und mit ihm kritisch und ausführlich darüber diskutiert. Jahre zuvor hatte Hochstrasser Ottmar Hitzfelds Biografie geschrieben.

Auch beim Jassen verliert Ottmar Hitzfeld nur ungern

Die langjährigen Freunde treffen sich rund ein halbes Dutzend Mal pro Jahr, unter anderem auch zum Jassen. Der Nati-Trainer sei beim Jassen genauso akribisch wie beim Fussball. «Wenn ich einen Fehler mache, weist er mich zurecht.» Oft komme das nicht vor, denn die beiden bilden im Jassen ein fast unschlagbares Doppel. «Alle zehn Jahre ein Mal gewinnen unsere Frauen», sagt Hochstrasser. Er lacht viel und gern, ist ein optimistischer Mensch.

Wie es sich für gute Freunde gehört, ist man auch in schweren Zeiten füreinander da: Vor knapp 30 Jahren belegte der Bischof Hochstrasser mit einem Berufsverbot. 1977 hatte dieser als Katholik die damalige Religionslehrerin Elisabeth (65) geheiratet, die er damals seit drei Jahren gekannt hatte. «Das Berufsverbot hat mir so auf den Körper geschlagen, dass ich Sehprobleme bekam.» Hochstrasser wusste nicht, wie weiter, schuftete als Hilfsbüezer für 2500 Franken im Monat. Hitzfeld habe ihn angerufen und sich über das Zölibat geärgert. In den dunkelsten Stunden im Leben von Josef Hochstrasser war seine Frau «unglaublich hilfreich. Sie war der erste Mensch, der mich unterstützte. Sie gab mir die Zuversicht, dass nach dem Winter wieder der Frühling kommt.»

Seit 1989 ist Hochstrasser reformierter Pfarrer. Jahrelang arbeitete er als Religionslehrer an der Kantonsschule Zug. In seinem Leben ging es wieder aufwärts – so auch bei Hitzfeld. Dieser wechselte 1991 in die Bundesliga zu Borussia und danach zu Bayern München. Wenn Hochstrasser Zaungast in Dortmund war, galt das Bonmot: «Der Pfarrer ist hier, also gewinnen wir.» Hochstrasser winkt ab. Auch er habe seine Grenzen.

Hitzfeld meint auf die Frage, ob er nach seinem Einsatz als Nationaltrainer der Schweiz mehr Zeit für seinen Freund haben werde: «Ganz bestimmt!» Josef Hochstrasser freuts.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Marco Zanoni