Archiv
03. August 2015

Hitzetod

Unfall mit Kleinkindern
Könnte mir nie geschehen? Ein tragischer Unfall mit Kleinkindern ist schnell passiert ... (Bild: Getty Images)

Wie konnte die Mutter ihr schlafendes Kind im Auto vergessen? In der Gluthitze bei geschlossenen Fenstern, ohne ein Fenster auch nur einen Spaltbreit geöffnet zu haben? Wie war es möglich, dass sie drei Stunden lang nicht bemerkte, dass ihre fünfjährige Tochter fehlte? Wo war der berühmte siebte Sinn, den wir Frauen angeblich alle haben, als das Kind im überhitzten Auto um sein Leben kämpfte?
Fragen über Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Zumindest keine, die es uns leichter machen zu verstehen, was da vor wenigen Tagen im Tessin passiert ist.

Als die Mutter realisierte, dass das Kind fehlte, war es bereits zu spät. Angeblich versuchte sie noch vor Ort, die Kleine wiederzubeleben. Dann erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. «Wenn man über längere Zeit so hohen Temperaturen wie in dem parkierten Auto ausgesetzt ist, verklumpen die Eiweissmoleküle im menschlichen Körper unwiderruflich“, referierte ein Gerichtsmediziner im Radio. Mit anderen Worten: Das Auto funktionierte wie ein Backofen.

Als ich von dem Unglück erfuhr, rollte eine Welle aus Emotionen über mich hinweg. Ich war schockiert und fassungslos, erschüttert und vor allem überfordert.
Für einen Moment fühlte ich mich sogar überlegen. Denn: So etwas wäre mir mit Sicherheit nicht passiert. Eine Mutter weiss um die Gefahr, die von einem in der Sonne parkierten Auto ausgeht. War ja klar, dass das eine eher spezielle Familie sein musste. Wie viele Kinder hatten die? Vier? Und die Eltern in Trennung? Alles klar. Kein Wunder, dass die Frau den Überblick verloren hatte...

Ich unterscheide mich, wie Sie merken, nicht von meinen Mitmenschen. Wir alle urteilen vorschnell und vor allem gnadenlos, wenn es um Vorfälle geht, bei denen Kindern zu Schaden kamen.
Es ist eine Art Selbstschutz. Wir versuchen, uns auf diese Art von dem Vorfall zu distanzieren. Das wäre uns nie passiert. Denn: Wir sind ja ganz anders. Viel verantwortungsbewusster, verlässlicher, umsichtiger.

Ich wollte mich schon häuslich mit meinem Überlegenheitsgefühl einrichten. Glücklicherweise kamen die Erinnerungen an meine eigenen Versagensmomente wieder: Ich musste an den Tag denken, als Eva aus unserem Ehebett gestürzt war (sie muss ungefähr fünf Monate alt gewesen sein). Riesengebrüll. Aber Gott sei Dank weder Knochenbrüche noch Hirnblutungen. Oder damals, als Ida im Hotel den Balkonstuhl ans Geländer schob, hochstieg und um ein Haar aus dem dritten Stock gefallen wäre. In beiden Fällen war ich in einem anderen Zimmer. Schlimm war auch der Tag gewesen, an dem ich Ida abends in der Krippe vergessen hatte. Ich kann bis heute nicht erklären, wie es dazu gekommen ist. Warum ich gedacht hatte, Herr Leinenbach würde sie mitbringen, und warum er sich sicher war, ich würde das übernehmen. Jedenfalls klingelte irgendwann mein Handy. Ich raste wie von Sinnen zur Kita und heulte die ganze Fahrt über wie ein Schlosshund.

Wer sich für Kinder entscheidet, wird zwangsläufig Fehler machen. Das gehört dazu. In den meisten Fällen bleiben diese Fehleinschätzungen und Versäumnisse ohne Folgen.
Manchmal führt ein Moment der Unaufmerksamkeit allerdings zur Katastrophe. Es bringt dennoch nichts, wenn wir uns nur von der Angst leiten lassen und ständig das Schlimmste befürchten. Das wäre der falsche Weg.

Diese Mutter, die vor wenigen Tagen eines ihrer Kinder auf so tragische Weise verloren hat, hat einen langen Weg vor sich. Sie muss begreifen, sie muss akzeptieren, und sie muss weiterleben. Das ist die grösste Herausforderung.
Dabei braucht sie unsere Hilfe. Unser Überlegenheitsgefühl ist hingegen fehl am Platz.

Autor: Bettina Leinenbach