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24. Oktober 2011

Kästen von gestern für Leute von heute

Wer träumt nicht von einer Reise in die Vergangenheit? Auf der Kleinen Scheidegg im Berner Oberland wird dieser Traum Wirklichkeit. Das historische Hotel Bellevue des Alpes verströmt den Geist vergangener Epochen, ohne verstaubt zu sein. Weil die Schweiz eine lange touristische Tradition hat, gibt es hierzulande viele solcher Bijoux. Eine Tour de Suisse.

Hotel Bellevue des Alpes
Noch müssen sich Wintersportfreunde und Nostalgiker gedulden: Das Bellevue des Alpes, historisches Hotel 2011, öffnet seine Türen Mitte Dezember wieder. Andreas und Silvia von Almen führen das Haus seit 13 Jahren.

Bellevue des Alpes: Über 100-jährige Tradition

Hotelbesitzer Andreas von Almen und seine Frau Silvia.
Hotelbesitzer Andreas von Almen und seine Frau Silvia.

Hotelbesitzer Andreas von Almen (55) und seine Frau Silvia (40) haben in ihrem Haus auf der Kleinen Scheidegg ein anderes Verständnis von Wellness als in der Hotellerie üblich. Das «Bellevue des Alpes» protzt nicht mit einer Saunalandschaft. «Dafür haben die Gäste von der Badewanne aus Aussicht aufs Silberhorn im Abendrot. In diesem Moment ein Glas Petite Arvine in der Hand zu haben ist für mich Scheidegg- Wellness», sagt der Hotelier.

Wer durch die Drehtüre des über 100 Jahre alten Hotels eintritt, fühlt sich in die Zeit zurückversetzt, als die Alpinisten Heinrich Harrer oder Andreas Heckmair übernachteten und die ersten Lauberhornrennen stattfanden. Die Gänge, die Säle und die meisten Zimmer samt dem Mobiliar sind im Zustand von 1929 erhalten geblieben. Im Parterre ist jeder Winkel historisch und ohne ein einziges Halogenlämpchen. Andreas von Almen, ein Nachfahre der Gründerfamilie Seiler, betont: «Wir sind eine Zeitmaschine und bieten von jedem unserer 56 Zimmer Sicht auf einen Berg von Weltbedeutung. » Er meint damit Eiger, Mönch und Jungfrau, die sich schützend hinter dem Hotel erheben.

Das Ehepaar setzt bewusst auf den Luxus vergangener Tage. «Der Ruhe und dem Geist des Hauses wäre es abträglich, wenn wir hier Wi-Fi installieren würden. Gerade auch viele junge Gäste schätzen es, wenn hier die Böden knarren und auf den Treppen noch immer Messingstangen die Teppiche fixieren», sagt Silvia von Almen.

Die in Urdorf ZH aufgewachsene Frau lernte ihren Mann kennen, als sie Ferien in Wengen BE verbrachte. Heute kümmert sie sich ums Büro und die Rezeption, ihr Mann um den Rest. Das geht bis zum Schneeräumen auf der Terrasse. «Schon mein Grossvater sagte mir, ein Betrieb laufe nur, wenn man selbst Hand anlege», begründet Andreas von Almen sein Engagement.

Die von Almens führen das Hotel im 13. Jahr und in der fünften Generation. Entsprechend reich sind die Anekdoten. So war der rote Speisesaal vor vielen Jahrzehnten ein Ballsaal, in dem jeden Abend vor einem Orchester mit fünf Mann getanzt wurde. In der Mitte war der Saal mit zwei Säulen abgestützt. «Nach einem gewissen Alkoholkonsum umschlangen die Engländer lieber die Säulen als ihre Frauen. Das ärgerte meinen Grossvater so sehr, dass er die Säulen rausreissen liess», erzählt von Almen.

Heute bildet die Bar das Herzstück des Hotels. Dort an den Wänden hängen Bilder von Walter Trier, der als Cartoonist aus Erich-Kästner-Büchern bekannt ist und im Hotel übernachtet hat. Die Lage, 2070 Meter über Meer und hoch über Grindelwald BE, schätzte mit Reinhold Messner ein weiterer Bergsteiger genauso wie Schriftsteller John le Carré oder Clint Eastwood. Andreas von Almen war damals ein Bub und erinnert sich, wie der Hollywood-Star während der Dreharbeiten zum Actionthriller «The Eiger Sanction» in den 70er-Jahren sich gleich zwei Monate lang im «Bellevue des Alpes »einquartiert hat. Von seinem Grossvater weiss von Almen, dass der Besuch des britischen Feldmarschalls Montgomery noch aufsehenerregender war. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernachtete Montgomery mit einer Wache vor seinem Zimmer auf der Kleinen Scheidegg und kommandierte herum, als ob er sich noch mitten im Krieg befände. So idyllisch sich die Lage des Hotels im Berner Oberland auch präsentiert: Der Alltag ist für die Hoteliersfamilie mit ihren Kindern Emma (11) und Lena (9) nicht ganz einfach. Zur Schule muss der Nachwuchs nach Lauterbrunnen BE, und weil die Bahn die rund 60 Minuten dauernde Fahrt jeweils erst um 7.44 Uhr aufnimmt, kommen die Kinder jeden Tag eine Stunde zu spät.

Das grosse Geld macht das historische Hotel nicht: Die Besitzerfamilie von Almen investierte in den letzten Jahren durchschnittlich jährlich 250 000 Franken in Renovationen. «Wie viele andere Hotels sind wir pro Bett mit 30 000 Franken verschuldet», räumt von Almen ein. Und die Frankenstärke verschärft das Problem zusätzlich: «Mitte August wurde es hier trotz strahlenden Wetters ruhig. Das müssen wir dem hohen Franken zuschreiben », sagt er. Falls die Gäste längere Zeit ausbleiben, benötige das«Bellevue des Alpes» weniger Mitarbeiter. Von Almen hofft nun, dass die Mehrwertsteuer für die Schweizer Hotellerie reduziert wird. Eine entsprechende Initiative des Verbands Gastrosuisse ist vor wenigen Tagen zustande gekommen. Trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten möchte die Familie die Kleine Scheidegg um nichts in der Welt tauschen.

Zu Werner Dubno vom Gasthof Hirschen nach Eglisau am Rhein

Der Gasthof Hirschen, wo schon Goethe tafelte.
500-jährige Geschichte: Der Gasthof Hirschen ist für Besitzer Werner Dubno wie ein Kind. Der fünffache Familienvater hat dafür gesorgt, dass sein Haus mit seinen sieben Zimmern zu den 100 besten Hotels der Schweiz gehört.

Sein Schalk und seine Selbstironie blitzt schon in der ersten Minute des Gesprächs auf. «Ich bin 68 Jahre alt und stehe kurz vor der Vergreisung», sagt Werner Dubno mit einem Lächeln. Er weiss, dass das Gegenteil der Fall ist. Der jung gebliebene Herr arbeitet auch heute noch zu 75 Prozent als Inhaber und Geschäftsleiter in der Bekleidungsbranche, in der er nach mehrjährigen Aufenthalten in Hongkong, Paris und China gross wurde. Den Rest seiner Arbeitszeit wendet Dubno für den Gasthof Hirschen in Eglisau ZH auf. Vor elf Jahren kaufte er das Haus, nachdem seine Frau ein entsprechendes Zeitungsinserat entdeckt hatte, und liess es vier Jahre lang umbauen.

Werner Dubno, Besitzer des Gasthof Hirschen
Werner Dubno, Besitzer des Gasthof Hirschen.

Der fünffache Familienvater geht mit dem «Hirschen» um, als ob dieser sein sechstes Kind wäre. Praktisch jeden Tag schaut er im historischen Gebäude am Rhein, ob es gut gedeiht. «Mit einer Eigentumswohnung hätte ich mehr Profit schreiben können. Aber ich liebe alte Häuser. Und eine 500-jährige Geschichte wie die des ‹Hirschen› einfach so aufgeben, das darf man nicht», begründet er sein Engagement. Der Kanton Zürich und die Eidgenossenschaft hätten «tüchtig mitgeholfen». Heute ist das Haus eidgenössisch und kantonal denkmalgeschützt.

Geschichte und Antiquitäten gehören zu den Hobbys von Werner Dubno. Mit dem Gasthof hat er dazu die ideale Spielwiese. In der «Grünen Suite» stehen beispielsweise im grün gefassten Barocktäfer ein reich geschnitzter Uhrenkasten und antikes Mobiliar aus der Mitte des 18. Jahrhunderts,das Dubno selbst gesammelt hat. Er ist auch Co-Autor des Buchs «Zürcher Möbel. Das 18. Jahrhundert ».

Trotz Nostalgie haben sämtliche Zimmer Internet-Empfang. «Bewusst verzichtet haben wir aber auf die lärmigen und unästhetischen Minibars. Wir stellen Mineralwasser und Kaffeemaschine in die Zimmer», sagt Dubno. Seine Kundschaft — vom Velotouristen bis zum Geschäftsmann — schätzt das. Der indische Manager und WEF-Teilnehmer Sundeep Waslekar schrieb auf Facebook: «Während meiner Reisen durch 50 Länder übernachtete ich in unzähligen Hotels. Der Gasthof Hirschen gehört zu den besten dieses Planeten.» Bekannte Schriftsteller, von Goethe bis Henning Mankell, kehrten hier ein oder träumten schon in den Betten des «Hirschen». Und: «Meine fünf Kinder und meine zehn Enkelkinder haben alle schon einmal im ‹Hirschen› übernachtet.»

Kerngeschäft des Gasthofs ist das Essen. «Umsatzmässig sind unser Gourmetrestaurant sowie das Bistro direkt am Rhein wichtiger als die Zimmer», sagt Dubno und fügt wie von Almen an: «Die Gastronomie ist kein hoch rentables Geschäft. Deshalb würde die Senkung der Mehrwertsteuer vielen Schweizer Betrieben Luft verschaffen.» Der Hirschen nahe der deutschen Grenze stehe im direkten Preisvergleich, und dieser falle bei diesem starken Franken negativ aus, weil die Schweizer Löhne und Lebensmittelkosten bedeutend höher als ennet der Grenze seien.

In Soglio ist die Zeit stehen geblieben

Palazzo Salis
«Palazzo Salis»: Das Restaurant ist noch immer vom Geist des Bauherrn Baptista von Salis aus dem 17. Jahrhundert beseelt.

Monica Cicognani (49) entfacht im ersten Stock des Palasts ein Feuer im riesigen Cheminée. Das Gebäude ist ein Labyrinth auf vier Stockwerken, wirkt wie ein lebendiges Museum. Es atmet noch immer den Geist von Bauherr und Ritter Baptista von Salis aus dem 17. Jahrhundert. In den Zimmern überraschen Schmuckprofile aus Holz an der Decke, Wandmalereien und historisches Mobiliar. Vor dem barocken Palazzo Salis in Soglio GR, 1090 Meter über Meer, hört man Vögel zwitschern. Dahinter bietet sich ein lauschiger Garten zum Rückzug an.

Der Palazzo sah früher aus wie eine heruntergewirtschaftete Jugi

Monica und Philippe Cicognani, Pächter des «Palazzo Salis».
Monica und Philippe Cicognani sind seit 1989 Pächter des «Palazzo Salis».

Wer möchte in dieser idyllischen Umgebung nicht arbeiten, 15 Autominuten von der italienischen Grenze entfernt? Monica Cicognani und ihr Mann Philippe (53) haben sich 1989 für das Hotel im Bergeller Dorf entschieden, das sich seit Jahrhunderten im Besitz der Familie von Salis befindet. «Wir sind dank eines Inserats in der ‹Engadiner Post› darauf aufmerksam geworden. Als wir den ‹Palazzo Salis› das erste Mal besuchten, sah er aus wie eine heruntergewirtschaftete Jugendherberge — einfach nur furchtbar », erinnert sich Monica Cicognani. Zusammen mit der Verwalterin, Charlotte von Salis, verpasste das Pächterpaar dem Palazzo mit seinen 26 Betten einen umfangreichen Frühjahrsputz. Am Anfang wohnten die Cicognanis im «Palazzo». Heute leben sie am Ortsrand von Soglio. Doch der Hotelbetrieb bestimmt nach wie vor ihr Leben; das Haus hat sieben Tage pro Woche geöffnet.

Deutsche, Schweizer, Italiener und Gäste aus Übersee zählen zu den wichtigsten Kunden. Darunter hat es laut den Hoteldirektoren erstaunlich viele junge Pärchen, die zum Wandern das Bergell besuchen. Obwohl die Pächter 18 Angestellte beschäftigen — in der Küche und im Service arbeiten alles Grenzgänger aus der Region Chiavenna —, hilft Monica Cicognani mal an der Rezeption, mal in der Wäscherei oder bei der Bedienung im Restaurant im Kellergewölbe aus. Wegen der Frankenstärke hat sie vier Abgänge nur noch mit Mitarbeitenden ersetzt, die in der Hauptsaison von Anfang Juni bis Ende Oktober arbeiten. An ihrer Arbeit schätzt sie den Kontakt mit den Gästen und die historische Atmosphäre. Die vitale Hoteldirektorin liebt ihren Beruf mit Leib und Seele. «Um 22.30 Uhr gehen unsere Gäste schlafen. Dann höre ich nur noch das Plätschern des Brunnens.»

Autor: Reto Wild

Fotograf: Martin Guggisberg