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28. Oktober 2013

Historiendrama und Schweizer Familienalltag

Thomas Imbach und Partnerin Andrea Staka widmeten sich zuletzt der Biografie von Maria Stuart – oben sehen Sie den Trailer zu «Mary Queen of Scots». Wer etwas mehr über die Filmfamilie und ihren Zürcher Alltag erfahren will, schaut aber besser Imbachs vorherigen Film «Day Is Done».

Nein, ein 'Kostümschinken' im üblichen Rahmen ist «Mary Queen of Scots» gewiss nicht. Dafür wird mit dem Dekor zu wenig dick aufgetragen, und dies keineswegs nur aus finanziellen Gründen, sprich: dem Zwang zum Sparen. Immerhin ist der am 7. November in den Kinos startende Film für Schweizer Verhältnisse in Sachen Budget (rund vier Millionen Franken) klar eine Grossproduktion, mit entsprechendem Risiko für Thomas Imbachs und Andrea Stakas Firma Okofilm. Dennoch hätte Imbach bei noch reichlicheren Mitteln kaum ein opulenteres Drama à la «La reine Margot» gestaltet, bloss sich die eine oder andere (technische) Raffinesse mehr erlaubt. Schliesslich ging es Drehbuchschreiberin Andrea Staka und dem Regisseur primär um Spannungen zwischen den Figuren, vorab die Interaktion zwischen einer besonderen Hauptperson und ihrem Umfeld. Dies zeigt auch bereits der Filmtrailer (siehe oben) in Ansätzen.

Gleichwohl ist der Gegensatz zu Thomas Imbachs preisgekröntem Vorgängerfilm «Day Is Done» frappant: In der Low-Budget-Produktion von 2011 war der persönliche Hintergrund der Filmfamilie Imbach-Staka viel wichtiger, denn der Film zeigt auf zwei Ebenen gleichsam Ausschnitte des realen Lebens im Zürcher Kreis 4, an den Bahngleisen in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Hardbrücke. Und trotzdem funktioniert der Streifen nicht einfach autobiografisch, sondern führt mit Witz und zugleich Beharrlichkeit vor, was von gewissen Lebensabschnitten, von einem Tag bis zum Jahr, in Bild und Ton übrig bleibt. Wie sich Wichtiges und (vermeintlich) Unwichtiges im Kopf festsetzt und sich schliesslich eine Erinnerung bildet.

Wie funktioniert das? Im Bild sieht der Zuschauer mit ganz wenigen Ausnahmen (vor allem ein Besuch bei Imbachs Eltern) ganz einfach, was vor den Fenstern des Ateliers im Zürcher Kreis 4 geschieht, nota bene zu Zeiten, als die Familie noch nicht gleich daneben lebte. Züge, die Baustelle des neuen Hochhauses, schlicht das ändernde Wetter mit Wolken, Sonne und Regen bilden die Kulisse, auch mehrmals vorbeigehende Leute, die im Nachbarhaus arbeiten und zur selben Zeit die Post oder anderes bringen oder holen, werden wiederholt eingefangen. Genialerweise ohne dass je erklärt würde, was sie genau tun. Es sei denn, es erschliesst sich gleich aus dem Zusammenhang. Zu diesen Bildern schneidet Imbach etwas streckenweise sehr Persönliches, manchmal aber auch beiläufig Anekdotisches: Material aus den Bändern seines Atelier-Telefons, auf dem die Partnerin, der Vater, mal ein Kind, Geschäftsfreunde und andere ihre Nachrichten hinterlassen. Seine Antworten respektive Rückrufe bekommt das Publikum nie zu hören. Vor allem wenn es zu Hause kriselt und man gar die Trennung des Paares befürchtet ein funktionierendes Spannungsmittel. Amüsant ist am Ende auch, dass die Blickwinkel aus dem Fenster mit der Zeit beinahe eigener und unverwechselbarer für das Ich der Handlung zu sein scheinen als die an ihn gerichteten Nachrichten. Insgesamt eine ungemein individuelle Annäherung an den Alltag eines Filmemachers und Familienvaters, die zugleich jedoch mehr als eine Spur Allgemeingültigkeit erlangt – für den Alltag und die Umwelt, für wiederkehrende Beobachtungen oder entstehende Erinnerungen.

Trailer: Day Is Done
Trailer: Day Is Done

«DAY IS DONE»: TRAILER UND INFOS
Des Filmers Tagwerk: Mal scharf, mal 'unscharf' beobachtete Züge bei der Einfahrt in den Zürcher Hauptbahnhof, die Bauarbeiten am neuen Hochhaus-Wahrzeichen in Zürich West und zentrale oder anekdotische Telefonmitteilungen von Frau, Freunden oder der Filmszene. Der Youtube-Trailer

Blick hinter die Filmkulissen:Thomas Imbach im kurzen Gespräch über seinen Film. Zum Youtube-Interview

Die Website: www.dayisdone.ch

Autor: Reto Meisser