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04. Juli 2016

Hinterblieben

Vor sechs Jahren hat Edit Mändlis Sohn Suizid begangen. Noch heute quält die 64-Jährige die Frage, ob die Tat abzuwenden gewesen wäre.

Edit Mändli
«Nur wenn man sich selber verzeiht, ist es möglich, ein neues Leben anzufangen»: Edit Mändli über die lange Trauerarbeit.

Es war an einem Freitag, zur Mittagszeit, als die Polizei an Edit Mändlis Haustür klingelte. Man habe jemanden gefunden, der sich unter den Zug gestürzt habe, sagten die Beamten. Die Beweisstücke liessen keinen Zweifel zu: Bei dem Verunglückten handelte es sich um Dominik, Edit Mändlis jüngeren, 22-jährigen Sohn. «Das muss ein unglaublicher Zustand von Verzweiflung gewesen sein, dass Dominik auf die Bahngeleise hinunterstieg und stehen blieb, als der Zug kam», sagt seine Mutter heute, sechs Jahre später.

Edit Mändli wusste zwar um die Gefahr, dass Dominik Suizid begehen könnte, dennoch traf sie die Nachricht völlig unerwartet. An diesem 22. Oktober 2010 stürzte ihre Welt in sich zusammen. Sie hatte das ­Gefühl, sich von aussen zu sehen, war nicht mehr sie selbst. Physisch funktionierte sie zwar, doch emotional befand sie sich an einem anderen Ort. «Ich empfand im ersten Moment sehr stark, dass das Leben für mich keinen Sinn mehr hat», erinnert sie sich. Dass Dominik an Magersucht litt, sie es aber nicht geschafft hatte, ihn ins Leben zurückzuführen, empfand sie als unverzeihliches Versagen. Extreme Schuldgefühle quälten sie. «Ich rollte seine ganze Kindheit auf, hintersann mich, wo ich wohl falsch entschieden hatte», beschreibt sie ihre damalige Verfassung.

Am Anfang war nur Trauer

Edit Mändli suchte Rat in Büchern. Doris Wolfs Publikation «Wenn Schuldgefühle zur Qual werden» half ihr, sich von Schuld freizusprechen. «Nur wenn man sich selber verzeiht, ist es möglich, ein neues Leben anzufangen», sagt sie. In der Hoffnung, Antworten zu inden, besuchte sie Vorträge zum Thema Trauer. Sie entwickelte Straegien, um an schlimmen Tagen, wie beispielsweise am Geburts- und Todestag, nicht in eine Negativspirale zu geraten.

Geht es ihr schlecht, sitzt sie heute nicht mehr zu Hause und grübelt, sondern geht hinaus in die Natur. Es hilft ihr, Musik zu hören, die Dominik gehört hatte. In den Nachrichten Menschen zu sehen, die noch Schlimmeres erdulden als sie, lindert ihre Not. Berichte über den Holocaust haben ihr gezeigt, welche Torturen und Greuel Menschen überleben können. Und dass es manchen Menschen gelingt, trotz all dem Schrecklichen, das ihnen widerfahren ist, doch noch ein glückliches Leben zu führen.

Als Salutogenese bezeichnet der Psychologe Aaron Antonovsky, der die Psyche von Überlebenden des Holocaust erforschte, seine Theorie, die nicht in erster Linie die Herkunft der seelischen Wunden betrachtet, sondern fragt, wie man sie heilt. Das scheint auch bei einem Suizid, Verbrechen oder Unfall einen möglichen Ansatz darzustellen. «Man muss sich bewusst werden, was einem hilft, damit man nicht wie ein Blatt im Wind herumgeweht wird», sagt die 64-Jährige.

Sie lebt heute allein. Ihre Ehe überdauerte die Belastungen, die Krankheit und Suizid ihres Sohns mit sich brachten, trotz Bemühungen beider Seiten nicht. Den Ort auf dem Land, wo die Familie wohnte, verliess sie, um Schutz in der Anonymität der Stadt zu finden. «Durchs Dorf zu gehen, schien mir ein unerträglicher Spiessrutenlauf zu sein», begründet sie den Umzug.

Selbsthilfegruppe als Anker in der Not

Ein wichtiger Fortschritt in der Trauerarbeit war die Einsicht, dass Weiterleben allein schon ihres zweiten Sohns wegen trotzdem einen Sinn hat. Er war ihr erster Trost. Anfangs hatte Edit Mändli panische Angst, auch ihm könnte etwas zustossen. Erkrankte er einmal leicht, dachte sie, er müsse sterben. Stieg er ins Auto, befürchtete sie, er würde tödlich verunfallen. Ging er schwimmen, er würde ertrinken. Inzwischen hat die Situation sich normalisiert. «Ihn auch noch zu verlieren, wäre das Schlimmste, was mir im Leben noch passieren könnte», sagt die schwer geprüfte Mutter. Dominik hinterliess einen Abschiedsbrief. Es tröstet sie, dass er darin Danke sagte und sich für sein Weggehen entschuldigte. Als Stütze erwies sich auch eine Freundin, die aus dem Ausland anreiste, um ihr in ihrer grenzenlosen Trauer beizustehen.

Edit Mändli auf einem langen Spaziergang
Edit Mändli auf einem langen Spaziergang

Auf langen Spaziergängen in der Natur lässt Edit Mändli die schönen Erinnerungen an ihren Sohn wieder aufleben.

Am meisten Halt gab ihr die Berner Selbsthilfegruppe des Vereins Regenbogen Schweiz. Schon beim ersten Kontakt merkte sie, dass sie verstanden wird. Denn an diesen Zusammenkünften nehmen Leute teil, die das Gleiche durchgemacht haben wie sie. «Frauen mit demselben schrecklichen Schicksal zu treffen, das man nirgendwo einordnen kann, die seelisch wieder auf die Beine gekommen sind, gab mir Mut, mein Leben wieder in die Hand zu nehmen», sagt die frisch pensionierte Lehrerin. In der Selbsthilfegruppe können sich Betroffene auch noch fünf oder zehn Jahre nach dem schrecklichen Ereignis austauschen.

Immer wieder schwere Momente erlebt Edit Mändli, wenn neue Mitglieder ihre Erlebnisse schildern. Doch die Erfahrungen, die sie in der Regenbogengruppe macht, würden sie in ihrer Trauerarbeit weiterbringen, sagt sie. Etwas, das sie sich für alle Betroffenen wünscht. Deshalb ist es ihr ein Anliegen, den Verein Regenbogen bekannter zu machen. Die Organisation ist in Regionalgruppen unterteilt. Diese bieten Selbsthilfegruppen für Eltern an, die Kinder verloren haben: während der Schwangerschaft oder Geburt, durch Krankheiten, Unfall, Verbrechen oder Suizid.

Naturerlebnisse lindern den Schmerz

Noch heute überkommt Edit Mändli oft das Bedürfnis, ihrem verstorbenen Sohn nahe zu sein. In dieser Stimmung unternimmt sie ausgedehnte Wanderungen. So wie sie es mit Dominik während seiner Krankheit tat. «Unterwegs in der Natur habe ich das Gefühl, mit Dominik kommunizieren zu können», beschreibt sie ihr Empfinden. Schöne Erinnerungen an ihren Sohn lindern den Schmerz. Sie kann heute auch wieder Freude erleben und von Herzen lachen. Begleitet wird sie auf ihren Wanderungen von zwei Hunden. «Die kommen bei jedem Wetter gern mit», meint sie. Und ein Lächeln huscht ihr übers Gesicht.

Autor: Ernst Weber

Fotograf: Beat Schweizer