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09. Dezember 2013

Himmlische Mission

Sie nennt sich selbst «Freelance-Schwester»: Veronika Ebnöther führt ein eheloses, religiöses Leben, ohne einem Orden anzugehören. Jeden Monat veröffentlicht sie ein Büchlein, in dem sie auf unverstaubte Art von Gott und dem Glauben erzählt.

Seit elf Jahren 
eine geweihte Jungfrau: 
Veronika Ebnöther hat ihren Lebensinhalt gefunden.
Seit elf Jahren 
eine geweihte Jungfrau: 
Veronika Ebnöther hat ihren Lebensinhalt gefunden.

Das einzige Tattoo, das Schwester Veronika hat, ist ein Wandtattoo und klebt als Spruch in ihrem Wohnzimmer: «Wer loslässt, wird gehalten.» Veronika Ebnöther (39), eine Frau mit jugendlichem Lachen und randloser Brille, hat ihr Leben in die Hände Gottes gelegt. Ihre moderne Zweizimmerwohnung im bündnerischen Bonaduz ist liebevoll eingerichtet: Auf dem Tisch stehen Sukkulenten, im Wohnzimmer eine Art Lounge aus weis­sen Sitzpuffs, alle Möbel sind aus hellem Holz. Nur das Kreuz an der Schlafzimmerwand und der kleine Weihwasser­behälter neben der Gegensprechanlage deuten darauf hin, dass hier eine Frau wohnt, die sich Gott versprochen hat.

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Ausserdem zum Thema: Laden Sie ein «Travel booklet» von Schwester Veronika herunter und geniessen Sie ihre spirituellen Reisen durch den Alltag. Zum Artikel

Schwester Veronika hat eine Zwetschgenwähe gebacken. «Obwohl ich nicht gerne koche oder backe», sagt sie und lacht vergnügt.

Veronika Ebnöther ist eine «Freelance-Schwester», wie sie sich selbst nennt, eine «geweihte Jungfrau», wie das Zweite Vatikanische Konzil diese ­Lebensform bezeichnet. In der Schweiz gibt es rund 50 geweihte Jungfrauen. Sie haben sich Gott versprochen, leben jedoch nicht in einem Kloster. Sie sind vor allem zwei Dingen verpflichtet: ehelos zu leben und täglich zu beten. Ein kirchlicher Beruf ist keine Bedingung, viele gehen einer normalen Arbeit nach und sind Busfahrerinnen, Lehrerinnen oder Pflegefachfrauen.

Auch das Tragen eines Ordensgewands ist keine Pflicht. Christoph Casetti, Bischofsvikar im Bistum Chur, ist Schwester Veronikas Ansprechperson. Er hält den Stand der geweihten Jungfrau für «eine schöne Berufung, die zeigt, dass Gott allein einen Menschen glücklich machen kann».

Schwester Veronika will ihren Glauben sichtbar machen und trägt einen Habit. Der ist nicht wie gewohnt aus schwarzem Stoff, sondern aus hellblauem Jeans und selbst genäht. «Das war einfach ein praktischer Stoff für Bolivien, er wird nicht schnell dreckig.»

Veronika in ihrer Wohnung. Hier übt sie Alphorn oder gestaltet ihre «Travel booklets».
Veronika in ihrer Wohnung. Hier übt sie Alphorn oder gestaltet ihre «Travel booklets».

Mit aufrechter Haltung sitzt Schwester Veronika am Tisch, der Habit verdeckt ihre Figur gänzlich. Begeistert erzählt sie von ihrer Missionszeit in Südamerika. Mitten in den Anden hatte sie zusammen mit einem anderen Missionar zwei Missionsstationen errichtet und lehrte die Menschen den katholischen Glauben. Schwester Veronika sprach die Inkasprache Quechua und war viel zu Fuss unterwegs.

Vor zwei Jahren kehrte sie zurück in die Schweiz. Als sie von einer Pfarreihelferstelle im Safiental erfuhr, wusste sie sofort: «Das ist das Richtige für mich.» Einen halben Tag pro Woche unterrichtet sie nun Kinder in Religion und stapft durch die raue Gegend, um mit den Bewohnern zu sprechen. «Die Stelle im Safiental gefällt mir sehr, ich bin gerne draussen unterwegs.»

Symbol der Verbundenheit zu Gott ist ein Ring

Tatsächlich sieht Schwester Veronika aus wie jemand, der oft an der frischen Luft ist: Ihr Teint ist ebenmässig, ihre Haut leicht gebräunt. Sie fährt gerne Mountainbike und spielt Alphorn. «Naturtöne tun mir einfach wahnsinnig gut», sagt sie.

Als Symbol für ihre Verbundenheit zu Gott trägt Schwester Veronika einen goldenen Ring, als wäre sie verheiratet. Ihre Weihe vor elf Jahren kam einer Vermählung tatsächlich nah: Im Hochzeitskleid erschien sie in der Churer Kathedrale und legte vor Bischof Amédée Grab das Gelübde der Jungfräulichkeit ab.

Nach ihrer Weihe hat sich Schwester Veronika keinem Kloster angeschlossen, sondern lebt ihren Glauben zu Hause. «Das Klosterleben hat mich nicht angesprochen. Es war nicht der Wille Gottes», sagt sie. «Ich lebe eine Form, die sehr gut in die heutige Zeit passt.» Mit Schwestern, die einem Kloster angehören, steht sie in gutem Kontakt.

«In Krisen habe ich schon alles auf die Probe gestellt, aber nie meinen Glauben.»

Sie erlebt aber auch, dass religiöse Gemeinschaften zurückhaltend auf geweihte Jungfrauen reagieren. «Viele kennen diese Lebensform gar nicht.» Wenn sie in Bonaduz und den umliegenden Dörfern unterwegs ist, wird sie oft angesprochen. «Die Leute fragen mich, wieso ich einen Jeans-Habit trage, wieso ich nicht im Kloster lebe.» Viele wollen einfach über den Glauben diskutieren. Für Menschen, die sich mit Glaubensfragen auseinandersetzen möchten, hat Schwester Veronika die «Frommbeeren» entwickelt. Eine Art geistliches Amuse-Bouche.

Ihre ersten «Frommbeeren» sind die «Travel booklets». Einmal im Monat gibt sie die Büchlein heraus, in denen sie Gedanken zu Gott und zum Glauben im Alltag aufschreibt. Die Büchlein sind liebevoll gestaltet, sehen optisch aus wie Reisetagebücher und erscheinen in einer Auflage von 250 Exemplaren.

Veronika Ebnöther ist in Rüschlikon ZH aufgewachsen und hat das Kunst-Gymnasium in Zürich besucht, mit Gestaltungsprogrammen am Computer kann sie gut umgehen. «Meine Travel booklets sollen den Menschen den Alltag erleichtern und das Bild von Gott entstauben», sagt die studierte Religionslehrerin.

Sie wollte heiraten und Kinder bekommen...

Auf die Frage, ob sie ihren Glauben je in Frage gestellt hat, reagiert sie entschieden: «Natürlich habe ich in Krisen schon mal alles auf die Probe gestellt. Aber nie meinen Glauben.» Sie wuchs in einer religiösen Familie auf, ging als Kind zur Sonntagsmesse und in ihrem Maturajahr bereits jeden Morgen vor der Schule zur Kirche, «einer Kraftquelle», wie sie sagt.

Sie hatte Träume, wollte heiraten und Kinder haben. Doch es kam anders: Mit 20 erhielt sie ihre Berufung. Sie spürte, wie Gott sie einlud, ihr Leben dem Glauben zu widmen. «Ich bin nicht wegen einer Institution Schwester, sondern wegen Gott, der mich rief», erklärt sie ein Phänomen, das rational unbegreiflich erscheint.

Die Nachteile als geweihte Jungfrau kann sie klar benennen: Zu Hause wartet niemand auf sie, für ihren Lebensunterhalt muss sie selbst aufkommen. Obwohl sie neben ihrer Pfarreihelferstelle noch in einem Pfarreihaushalt putzt, muss sie mit wenig Geld auskommen. «Das braucht viel Vertrauen in Gott.»

Sie musste lernen, sich von finanziellen Sicherheiten und egoistischen Wünschen zu verabschieden. Auch Freundschaften musste sie loslassen. Ein Gefühl des Fallens. Heute fühlt Schwester Veronika Halt: «Es ist schön, jemanden zu haben, der einen zärtlich umsorgt und im Alltag für einen da ist», sagt sie über Gott. Morgens wache sie oft früh auf und sei einfach mit Gott zusammen. «Ich stelle mir zum Beispiel vor, wir machen gemeinsam einen Spaziergang und unterhalten uns. Es ist ein Austausch ohne Worte, der mir viel Kraft gibt.»

Die Frage, ob sie sich je allein fühle, verneint sie nach kurzem Zögern. Sie habe einen guten Kontakt zu Freunden und Familie und sei gerne in Gesellschaft. «Natürlich habe ich Momente, in denen ich die körperliche Nähe vermisse. Aber die gehören zum Leben, und ich lege sie in Gottes Hände», sagt sie. Wenn sie einen Mann trifft, der ihr gefällt, bringt sie das nicht aus dem Konzept. «Ich habe einen gesunden Umgang mit Männern, fühle mich wohl in meinem Körper und bin glücklich mit meinem Leben.»

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Andrea Badrutt