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21. Januar 2013

Himmlische Hilfe

Richard E. und seine Frau steigen nach einer Notlandung fast unverletzt aus ihrer Cessna. Einfach Schwein gehabt, oder doch eher einen Schutzengel? Fünf Beispiele von Menschen, die Situationen überlebt haben, in denen andere sterben. Wie Kilian Volken als einziger von neun Berggängern das Drama am Mont Blanc überlebte und wie er heute damit umgeht, lesen Sie rechts.

Haben auch Sie in Ihrem Leben schon einmal einen Schutzengel gehabt? Schildern Sie Ihr eigenes Erlebnis als Kommentar unten auf dieser Seite.

Andreas Koller (14) hätte tot sein können, nachdem ihn an der Tour de Suisse ein Veloprofi über den Haufen fuhr. Die Schuhe des Bauernsohns flogen nach dem Zusammenprall über zehn Meter weit. «Jetzt glaube ich erst recht an Schutzengel», sagt der Ostschweizer. Er ist damit in guter Gesellschaft, sind doch laut der deutschen Zeitung «Die Welt» mehr Deutsche überzeugt, dass es Schutzengel gibt als von der Existenz von Gott (66 zu 64 Prozent). Laut einer Umfrage von «Reader’s Digest» glauben in der Schweiz sogar 77 Prozent an himmlische Wesen.

Engel und Dämonen gehören zur Menschheit, seit es diese gibt.

Georg Kohler, emeritierter Philosophieprofessor der Universität Zürich, sagt dazu: «Ich bin Rationalist und glaube nicht an Schutzengel. Sie sind jedoch für vom Schicksal betroffene Menschen eine Verarbeitungsform.» Kohler, der als Bub von seiner katholischen Mutter angehalten wurde, zu Schutzengeln zu beten, betont jedoch, er würde sich nie über Menschen lustig machen, die an Schutzengel glaubten. «Die Menschen brauchen für ein Ereignis immer eine Erklärung. Engel und Dämone gehören zur Menschheit, seit es diese gibt. Heute sind Schutzengel so etwas wie ein Hausgott», sagt der Professor. Er halte es deshalb für legitim, Schicksalsschläge einer höheren Instanz zuzuschreiben und bei gutem Ausgang dankbar zu sein gegenüber der Schöpfung oder dem Namenlosen.

Verena Kast, Psychologin und Psychotherapeutin sowie Vizepräsidentin des C. G. Jung Instituts Zürich in Küsnacht schreibt in ihrem Buch «Mythos, Traum, Realität», dass Mythen oder Märchen Orientierungshilfen sein können und Mut zum Leben machen. Schriftsteller Charles Lewinsky sieht das radikaler: «Ich glaube weder ans Schicksal noch an Schutzengel. Das Leben besteht aus Zufälligkeiten, aus denen wir etwas machen müssen.»

Nur: Kann man diese Zufälligkeiten beeinflussen? Wer hat Glück im Leben und wer nicht? Weshalb überlebte vergangenen Sommer einzig Kilian Volken das Unglück am Mont Blanc, während neun andere Berggänger von der gleichen Lawine in den Tod gerissen wurden — teilweise kaum drei Meter von ihm entfernt? Solche Fragen sind leichter zu stellen als zu beantworten. Professor Kohler hält fest, dass vieles im Leben nicht einfach Schicksal sei. Er sieht den Begriff lieber durch «gesellschaftliche Bedingungen» ersetzt. Die Chance etwa, dass ein weisser Amerikaner mit College-Abschluss und gutem Einkommen im Knast lande, sei viel geringer als bei einem armen Schwarzen, der aus einem bestimmten Milieu stamme. Das sei in der Schweiz nicht anders als in den USA: In die gut verdienende Schicht aufsteigen würden nur Einwohner aus der Mittelschicht. Die Bildung wirke wie ein Filter.

Auch bei einem Fall wie dem Bergunglück wirkten diese gesellschaftlichen Voraussetzungen. Er selbst etwa wüsste als einstiger Gebirgsoffizier, was es braucht, um bei einem Lawinenunglück dem Tod zu entrinnen: die richtige Ausrüstung und der Überlebenswille. Doch, räumt Professor Kohler ein, gäbe es immer eine Reihe von Erklärungen. «Am Schluss ist es schlicht auch Zufall, was passiert.» Er verdeutlicht das mit einem aktuellen Beispiel: Dass Claude Nobs, der Leiter des Montreux-Jazzfestivals, ausgerechnet beim Langlaufen ums Leben gekommen ist, sei nicht erklärbar. Genau deshalb, weil im Leben Dinge passieren, die man nicht erklären kann, erzählen sich die Menschen dazu eine Geschichte. «Das ist für uns ein Netz oder ein Floss, das uns trägt.»

Nach dem Aufprall war ich überrascht, dass wir noch lebten

Richard E. und seine Frau steigen nach einer Notlandung fast unverletzt aus ihrer Cessna.
Richard E. und seine Frau steigen nach einer Notlandung fast unverletzt aus ihrer Cessna.

Den 12. November 2010 werden Richard E. * (52) und seine Frau Silvia (50) wohl nie mehr vergessen: Das Berner Ehepaar flog nach einer Ferienreise mit einer Cessna vom schwedischen Trollhättan Richtung Grenchen SO. Über Karlsruhe stellte Pilot und Unternehmer Richard E. fest, dass der Treibstoff nur knapp reichen würde, weil eine elektrische Pumpe, die Flugbenzin von einem zum anderen Tank führt, nicht richtig funktionierte. Er erhielt die Anflugerlaubnis auf Kloten, kurz darauf fiel der Motor aus, 18 Kilometer vor der Landebahn.

«Es war nachts. Wir flogen im Schneeregen und Wind. Im Sinkflug sah ich eine stark befahrene Strasse. Ich leitete eine Notlandung ein und wusste, dass die Überlebenschance gleich null ist», erzählt Richard E. ohne sichtbare Emotionen. In jenem Moment sei es ihm einzig darum gegangen, keine anderen Menschenleben zu gefährden. Deshalb wählte er als Landeort einen Punkt zwischen der Hauptstrasse und einer Eisenbahnlinie. «Als wir uns nur noch etwa 100 Meter über dem Boden befanden, sagte ich meiner Frau, sie soll die Sicherheitsgurte straffen. Ich entriegelte die Türe, damit mögliche Retter Zugang zur Cessna haben.»

Im deutschen Klettgau prallte die Maschine auf und zerbrach in zwei Teile. «Nach dem Aufprall war ich überrascht, dass meine Frau und ich noch lebten», sagt Richard E. Als ob nichts passiert wäre, schaltete er den Strom des Kleinflugzeugs aus, stieg aus dem Flugzeug und rief den Flugzeugmechaniker am Flugplatz Grenchen an, damit dieser die Such- und Rettungsorganisation entsprechend informieren konnte.

Zeitungsartikel über den Flugzeugabsturz, den Richard E.* und seine Frau Silvia überlebten.
Zeitungsartikel über den Flugzeugabsturz, den Richard E.* und seine Frau Silvia überlebten.

Richard E. brach sich beim Aufprall einzig die Nase. Das realisierte er allerdings erst im Spital Waldshut, wohin die Ambulanz ihn und seine Frau gefahren hatte. Keine zwei Stunden später wurde das Ehepaar wieder entlassen. «Eine Notlandung nachts ist eigentlich nicht zu überleben. Die Wahrscheinlichkeit beträgt wohl eins zu einer Million», bilanziert der Berner und zeigt sich noch heute überwältigt von der Hilfsbereitschaft der lokalen Bevölkerung, die zum Unfallort eilte.

Richard E. dachte, irgendwann würden er und seine Frau von Albträumen eingeholt. «Wir haben jedoch nicht das geringste psychische Problem. Das Erlebnis ist für uns abgeschlossen.» Er und seine Frau würden das Leben viel bewusster und intensiver wahrnehmen. Ihn bringe nichts so schnell aus der Ruhe. Tatsächlich: Schon einen Monat nach der Notlandung sass er wieder in einer Cessna. Er denke über den Wolken nicht mehr an die zerborstene Cessna, wohl aber ans Schicksal: «Es entlässt einen nicht aus der Eigenverantwortung. Wenn man es herausfordert, kann man nur verlieren.»

* Vollständiger Name der Redaktion bekannt.

Ich bin dankbar und glaube jetzt erst recht an Schutzengel

Andreas Koller wurde von einem Tour-de-Suisse-Fahrer erfasst.
Andreas Koller wurde von einem Tour-de-Suisse-Fahrer erfasst.

Andreas Koller (14) aus Busswil TG sieht man heute nicht an, dass er in einen schweren Unfall verwickelt war. Dabei hätte er tot sein können, nachdem der kolumbianische Veloprofi Juan Mauricio Soler im Juni 2011 an der Tour de Suisse in einer Abfahrt mit über 60 Kilometern pro Stunde zuerst den Randstein touchierte und danach in Andreas fuhr. «An jenem Donnerstagnachmittag schaute ich am Strassenrand mit meinem Bruder Silvan dem Feld mit Radweltmeister Fabian Cancellara nach. Plötzlich wurde ich durch die Luft gewirbelt und landete am Boden», erzählt der Schüler. Der Zusammenprall war so heftig, dass seine Schuhe über zehn Meter weit geschleudert wurden. Soler blutete stark. Die Rega flog ihn ins Spital nach St. Gallen.

Zeitungsartikel über den Unfall an der Tour-de-Suisse.
Zeitungsartikel über den Unfall an der Tour-de-Suisse.

Andreas brach sich «lediglich» das rechte Handgelenk, wie der Notfalldienst in Wil dreieinhalb Stunden später feststellte. Mutter Vreni Koller (46) sagt: «Er hatte gleich mehrere Schutzengel.» Doch für ihren Sohn brach nicht nur das Handgelenk, sondern gleich eine kleine Welt zusammen: Der Ostschweizer ist wie seine drei Brüder erfolgreicher Nachwuchsschwinger und musste nach dem Unfall sechs Wochen lang pausieren. Deshalb flossen in der Arztpraxis Tränen. Nach dem ersten Schock steckte Andreas den Unfall gut weg. Seinem zehnjährigen Bruder Silvan fiel es schwerer, das Bild vom blutenden Velofahrer zu verarbeiten.

Im August 2011 nahm Andreas nach vier Wochen Gipstragen und praktisch ohne Training am Sertig-Schwingen in Davos teil. Vreni Koller zündete am Wettkampftag für den zweitjüngsten Sohn der religiösen Bauernfamilie eine gesegnete Kerze an. Andreas gewann! «Das war mein schönster Sieg. Ich bin mir bewusst, dass ich Glück im Unglück hatte und dankbar dafür. Ich glaube jetzt erst recht an Schutzengel.» Die Tour de Suisse besuche er nicht mehr so schnell, sagt der angehende Metzgerlehrling mit einem Lächeln.

Siehst du, Armin, der Herrgott im Himmel wollte dich noch nicht

Armin Ablondi überlebte einen Herzstillstand.
Armin Ablondi überlebte einen Herzstillstand.

Das Schicksal von Armin Ablondi (53) schlug ausgerechnet bei der Kirche von Muotathal zu. «In der Karwoche wollte ich am Abend des 3. Aprils 2012 zur Bussfeier. Ich ging das Stützli zur Kirche hoch, sprach mit einer Bäuerin und zündete später eine Zigarette an. Und dann weiss ich nichts mehr, bis ich im Spital von Luzern aufwachte», erzählt der Muotathaler. Zwei Kameraden hatten vom Friedhof aus gesehen, wie Ablondi nach einem Herzstillstand zusammengebrochen war, und reanimierten ihn. Zur gleichen Zeit übte der Samariterverein Muotathal neben dem Schulhaus. Das waren Ablondis nächste Schutzengel, denn so konnte schnell ein Defibrillator organisiert werden.

Zeitungsartikel über die Rettung von Armin Ablondi.
Zeitungsartikel über die Rettung von Armin Ablondi.

«Ich habe realisiert, wie schnell und ohne Anzeichen das Leben vorbei sein kann», bilanziert der 164 Zentimeter kleine Ablondi, der zusammen mit seiner 87-jährigen Mutter in einem Haus wohnt, das im Winter während dreier Monate und zehn Tagen keine Sonnenstrahlen sieht. Ein älteres Ehepaar habe ihn im Spital besucht. «Siehst du, Armin, der Herrgott im Himmel wollte dich noch nicht», hätten sie ihm gesagt. Seit dem Herzstillstand habe er um zehn Kilogramm gliechtet. Er rauche nur noch ein paar Zigaretten pro Tag, trinke in der Beiz Most statt Bier und fühle sich viel besser als vor einem Jahr. Damals habe er beim Aufwärtsgehen geschnauft wie ein altes Ross. Jetzt geniesse er das Leben viel mehr.

Und dazu hat Ablondi zusätzlich Zeit, denn der Maschinist nahm den Herzstillstand zum Anlass, seine 35-jährige Karriere als Laienschauspieler in der Muotathaler St. Josefshalle an den Nagel zu hängen. «Weil ich nicht mehr proben muss, habe ich mehr Zeit zum Spazieren und Schwyzerörgeli spielen», sagt der Publikumsliebling. Er wird noch immer täglich von seiner Mutter bekocht. Ihre Hausspezialität: Speck mit Bohnen und Älplermagronen.

Unter Schock stieg ich aus dem komplett beschädigten Auto

Erich Stettlers Auto stürzte gut 15 Meter in ein Tobel hinunter.
Erich Stettlers Auto stürzte gut 15 Meter in ein Tobel hinunter.

Erich Stettler (47) kämpft mit den Tränen, wenn er auf den 30. November 2011 angesprochen wird. Damals fuhr er morgens von seinem Wohnort Thun BE Richtung Heiligenschwendi hoch – zu einem Arzttermin. In einer Linkskurve habe ihn wahrscheinlich im Gegenlicht ein Tier irritiert. Sein Mitsubishi Space Runner kommt von der Fahrbahn ab, schrammt zwischen zwei Bäumen durch, überschlägt sich, stürzt gut 15 Meter in ein Tobel hinunter und landet auf den Rädern. «Ich bin erst wieder in einem Bachbett aufgewacht, öffnete die Sicherheitsgurte und stieg unter Schock durch die Frontscheibe aus dem komplett beschädigten Auto», erinnert er sich.

Eine Passantin eilte das Tobel hinunter, um zu helfen. Sie informierte Stettlers Frau sowie Polizei und Feuerwehr. Der Thuner kam buchstäblich mit einem blauen Auge davon: Er hatte ein paar Schnittwunden an der Hand, leichte Prellungen und ein blaues Auge. Sogar seine Brille war unversehrt. Laut Daniel Hürzeler, Kommandant der Feuerwehr Thun, ist die Wahrscheinlichkeit, einen solchen Unfall unbeschadet zu überstehen, extrem klein.

Zeitungsartikel über den Autounfall von Erich Stettler.
Zeitungsartikel über den Autounfall von Erich Stettler.

Der Unfall veränderte Erich Stettlers Leben. Er hatte damals bereits zum zweiten Mal Glück im Unglück und glaubt deshalb ans Schicksal: Vor gut zehn Jahren rutschte er in der Altstadt von Thun aus, fiel auf den Rücken und wachte erst im Spital wieder auf. Vom sechsten Brustwirbel an hatte er kurze Zeit Lähmungserscheinungen. Dank vieler Therapiestunden kann Stettler zwar wieder gehen, aber die Schmerzen sind geblieben, weshalb er nicht mehr als Koch arbeitet und eine IV-Rente bezieht. Der 15-Meter-Sturz hat seine Schmerzen intensiviert. Sie sind manchmal so stark, dass es ihm übel wird, was auf seine Psyche schlägt. Immer wieder muss er sich mitten am Tag auf die Couch legen.

Ein neues Auto kann sich der Familienvater nicht leisten. Manchmal darf er das Fahrzeug eines Nachbarn benützen. «Sie sind auch moralisch für mich da. Ein Nachbar offerierte mir nach dem Unfall, mit ihm gemeinsam auszufahren, damit ich ohne Blockade steuere.» Tatsächlich seien ihm beim Einstieg ins Auto Bilder vom Unfall hochgekommen. Diese seien dann aber während der Fahrt verschwunden.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Samuel Trümpy