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12. Dezember 2011

«Hilfswerke sollen sich nicht verschulden»

Der Vorwurf kommt ausgerechnet vor Weihnachten: Die Schweizer Hilfswerke würden unnötig viele Spenden als Reserven horten.

«Hilfswerke sollen sich nicht verschulden»
Grosszügige Schweiz: Jeder Haushalt spendet durchschnittlich 500 Franken pro Jahr. (Bild: Keystone/Martin Rütschi)
Martina Ziegerer (46) ist Geschäftsführerin von Zewo, dem Branchenverband der Schweizer Hilfswerke. (Bild: zVg.)
Martina Ziegerer (46) ist Geschäftsführerin von Zewo, dem Branchenverband der Schweizer Hilfswerke. (Bild: zVg.)

Martina Ziegerer, sitzen die Hilfswerke tatsächlich auf Spendenbergen?

Nein, dem ist ganz und gar nicht so. Die wenigsten Werke haben grosse Reserven — und es braucht zwingend Reserven.

Warum?

Um in Notsituationen sofort unbürokratisch reagieren zu können. Und um Projekte langfristig solide planen und begleiten zu können. Man kann erst ein neues Projekt anreissen, wenn die Finanzierung gesichert ist. Die Hilfswerke müssen auch gegen Spendenrückgänge und unvorhergesehene Zusatzaufwände gewappnet sein.

Welche Zusatzaufwände?

Wenn zum Beispiel bei der Planung nicht ersichtlich war, dass unterstützende Massnahmen notwendig werden. Oder zusätzliche Baukosten entstehen, weil das benötigte Material teurer wird. Hilfswerke müssen jederzeit liquide sein. Sie sollen sich nicht verschulden und Spendengelder für Zinsen aufwenden. Die Gelder sind auch nicht einfach frei verfügbar, sondern oft zweckgebunden. Spenden für die Erdbebenopfer in Haiti dürfen also nicht für Erdbebenopfer in Pakistan verwendet werden. Es gibt ja nicht nur die sofortige Nothilfe, sondern auch langfristiges Engagement wie Wiederaufbau oder Entwicklung. Diese dauern oft Jahre.

Als Spender erwarte ich aber, dass mein Geld sofort am Ziel ankommt.

Ein Teil wird auch sofort eingesetzt. Um Häuser wiederaufzubauen, muss man erst abklären, wo und wie sie gebaut werden, wem das Land gehört et cetera. Man muss umsichtig planen und begleiten.

Firmen in der Privatwirtschaft kommen mit sehr viel tieferen Reserven aus.

Das kann man nicht vergleichen. Dort geht es um Eigenkapitalrendite und um Gewinne, die als Dividende oder Bonus ausgeschüttet werden. Ein Unternehmen kann sich ohne weiteres fremdfinanzieren. Hilfswerke nicht.

Wie lange bleibt ein Spendenfranken durchschnittlich «parkiert»?

Laut einer Untersuchung der Universität Zürich verfügen Schweizer Hilfswerke im Durchschnitt über liquide Mittel und Wertschriften, die knapp einem Jahr ihrer Ausgaben entsprechen. Das frei verfügbare Kapital ist meist sehr viel kleiner. Wir sehen das, wenn wir die Hilfswerke prüfen, was wir regelmässig tun.

Gibt es auch Hilfswerke, die in Not sind?

Es gibt einige, die gar keine Reserven haben. Wenn ihnen das Geld ausgeht, müssen sie ein Projekt abbrechen.

Gut gemeint und gut gemacht sind zweierlei. Gibt es eine Erfolgskontrolle der Hilfswerke?

Wir kontrollieren regelmässig, wie viel Geld effektiv in die Projekte fliesst und wie viel für Administration und Sammeln aufgewendet wird. Unverhältnismässig hohe Reserven würden wir beanstanden. Und wir legen grössten Wert auf Transparenz. Die Zahlen müssen in einer Jahresrechnung öffentlich gemacht werden, zusammen mit einem Leistungsbericht, der über Projektfortschritte und die Verwendung der Spendengelder informiert.

Würden Sie für jedes Zewo-zertifizierte Hilfswerk die Hand ins Feuer legen?

Von uns geprüfte Organisationen sind seriös und vertrauenswürdig und gehen gewissenhaft mit den Spenden um. Ich verstehe, dass die Leute sich wünschen, 100 Prozent ihrer Spenden gingen direkt in die Projekte. Das ist aber nicht realistisch. Im Gegenteil. Einem Hilfswerk, das so etwas behauptet, würde ich misstrauen.

Autor: Ruth Brüderlin