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12. Dezember 2016

Hilfe, der Teenie spinnt!

Wenn der Nachwuchs pubertiert, gibts oft dicke Luft und Auseinandersetzungen. Vermeiden lassen sich die Konflikte nicht – einige Verhaltensregeln helfen Eltern aber, die Situation besser in den Griff zu bekommen.

Heftige Reaktionen wegen Nichts
Heftige Reaktionen wegen Nichtigkeiten: Pubertierende können ihre Emotionen ... (Bilder: depositphotos)

Luana spinnt.» Das ist der Standardkommentar, wenn Marianne (39) über ihre 14-jährige Tochter spricht. Denn die steckt mitten in der Pubertät: Dicke Luft, Reibereien und lautstarke Auseinandersetzungen gehören seit geraumer Zeit zu ihrem Alltag. Auch heute hat Luana ihre Muffelmine aufgesetzt, als sie nach Hause kommt. Cool findet das höchstens sie selbst. Ihr gemurmeltes Hallo bleibt ungehört, schnell verschwindet sie im Zimmer.

«Du kannst nicht mal Hallo sagen, wenn du nach Hause kommst», bemerkt die Mutter etwas später, als sie Luana vor dem Badezimmer antrifft. «Immer ist alles gleich Scheisse!», schnauzt die Tochter zurück. «Wenn du es nicht gehört hast, bin ich dann schuld?» Schon ist das Mädchen auf der Palme, knallt die Badezimmertür zu. «Keine Sekunde Ruhe habe ich hier!» Die Mutter reagiert genervt: «So kommst du mir nicht!» Und schon eskaliert es: Luana schmeisst mit Beleidigungen um sich und verschwindet lautstark in ihrem Zimmer.

Wann verlieren Sie die Nerven?
In welchen Situationen reisst Ihnen als Mutter/Vater bei pubertierenden Töchtern oder Söhnen der Geduldsfaden? Verraten Sie es unten in einen Kommentar.


Marianne ist hilflos. Ich kann nichts machen, denkt sie, Luana explodiert wegen nichts. Als sie am späten Abend nochmals darüber nachdenkt, merkt sie, dass sie aktiv werden muss. Ein halbes Jahr lang Nahkampf mit ihrer Tochter – das zehrt an den Nerven. Vielleicht kann sie ja ­lernen, besser mit Konflikten umzugehen? Ob es zu spät ist, Hilfe zu holen?

«Es ist auf keinen Fall zu spät», sagt Cornelia Voegtli (56) von der Basler Familien-, Paar- und Erziehungsberatung (fabe). «Man kann Umgangsformen einüben, die bewirken, dass die Situation weniger eskaliert.» Wichtige Elemente sind Selbstkontrolle, Achtsamkeit und einschlägiges Wissen über die Pubertät. Zudem ist es hilfreich, als gutes Beispiel voranzugehen.

Teenager «spinnen» tatsächlich irgendwie
Eskaliert die Situation, hilft ein ganz simples Mittel: «Tief durchatmen, die Provokation an sich vorübergehen lassen und sich selbst beruhigen», rät Cornelia Voegtli. Einfach ist das nicht, denn Teenager sind mit einem Überschuss an Emotionen unterwegs – und das kann verletzend sein. Weiss man aber Bescheid über die physischen Gründe ihres Verhaltens, kann man leichter Distanz gewinnen.

«Das jugendliche Hirn ist noch nicht ausgereift. Teenager haben Mühe, sich zu strukturieren, sich zu organisieren und Konsequenzen zu erkennen», erklärt die Psychologin. Teenies «spinnen» also wirklich irgendwie.
Ein weiteres Zauberwort: Achtsamkeit. «Wird man sich bewusst, was das Kind und einen selbst auf die Palme bringt, kann man anders reagieren», so Voegtli. «Meist führen bestimmte Auslöser zur Eskalation.»

Kleine Ziele setzen
Marianne ist nach einem ersten Gespräch mit der Expertin unzufrieden: Bringen Gelassenheit und Aufmerksamkeit in dieser festgefahrenen Situation tatsächlich etwas? Trotz der Skepsis versucht sie in den folgenden Tagen, gute Laune zu bewahren, wenn Luana mürrisch ist. Sie gibt sich auch Mühe, sie deswegen nicht zurechtzuweisen, sondern fragt, wie der Tag gewesen sei. Die Selbstkontrolle ist anstrengend, doch zu Mariannes Überraschung gibt es tatsächlich weniger Streit.

«Wenn man anders und gelassener reagiert, strahlt man ­Sicherheit aus – das hilft», sagt Cornelia Voegtli. Reagiert man gehässig und laut, zeigt man vor ­allem eins: Schwäche. «Teenager suchen aber Halt und Orientierung.»
Zu schnell zu viel erwarten sollte man trotzdem nicht: «Man sollte sich kleine Ziele setzen», rät die Expertin.

Marianne hat inzwischen auch gemerkt, wann die Situation eskaliert: wenn sie die miese Laune der Tochter nicht erträgt; wenn Luana übersensibel reagiert auf alles, was nach Vorwurf klingt; wenn sie etwas von ihrer Tochter verlangt – Hausaufgaben erledigen, freundlich grüssen, aufräumen – was diese als pure Provokation auffasst.

Marianne schafft es nun auch, nicht mehr so gereizt zu antworten, wenn sie eine Forderung Luanas für übertrieben hält. Stattdessen antwortet sie: «Ich überlegs mir bis morgen.» Erst wenn die Emotionen sich wieder beruhigt hätten, sei es sinnvoll, über etwas zu sprechen und es auszuhandeln, sagt Voegtli.

Luana tickt zwar noch immer aus, aber nicht mehr so oft, nicht mehr so heftig. Ihre Mutter versucht selbst dann, wenn sie müde und gestresst von der Arbeit nach Hause kommt, entspannt zu bleiben. Einfach ist es nicht. Aber der einzige Weg. 

Richtig reagieren

Selbstbewusst auftreten: bei Provokationen tief durchatmen, mit ruhiger Stimme sprechen

Für gute Stimmung sorgen: zuhören, erzählen lassen, Vorwürfe vermeiden

Gegenprogramm abspielen: positive Erleb­nisse schaffen – das nimmt Druck weg

Halt und Orientierung bieten: klare Regeln definieren, ein gutes Beispiel sein: kein Handy am Tisch, kein TV beim Essen

Stress abbauen: Neue Verhaltensmuster gelingen oft nur, wenn man nicht unter Stress steht.

Autor: Claudia Langenegger