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24. Juni 2013

«Hier oben ist ein guter Ort»

Spektakulär und beliebt: Die Walliser Turtmannhütte das SAC ist gut erreichbar und bietet ihren Gästen landschaftlich und kulinarisch viel.

Gruppe Wanderer vor der Turtmannhütte (2519 m ü. M.)
Spektakuläre Kulisse mit dem mächtigen Turtmanngletscher: Eine Gruppe Wanderer bricht von der Turtmannhütte (2519 m ü. M.) auf. Sie ist Ausgangspunkt für unvergessliche Wander- und Klettertouren.

Wer zur Mittagszeit die Seilbahn im Dorf Turtmann VS besteigen will, muss Nerven mindestens so stark wie Stahlseile haben. Um diese Zeit ist die Kabine nämlich gefüllt mit Primarschülern, sie rufen und lachen fröhlich durcheinander, während eigentlich alles bereit wäre, um abzufahren — stünde da nicht noch die Gondeltür offen. «Jetzt macht endlich die Tür zu», poltert eine tiefe Stimme durch den Lautsprecher, und ein Kichern geht durch das muntere Grüppchen. Eines der Kinder zieht die Tür mit einem geübten Schwung zu, und das klackende Geräusch der ferngesteuerten Verriegelung versichert, dass die Tür auch wirklich zu ist.

DIE ROUTE MIT DEN HIGHLIGHTS
Ausserdem zum Thema: Die Karte zur Turtmann-Wanderung mit allen Highlights. Zum Artikel

Ihr SAC-Ausflugsziel: Welche Hütte ist Ihr Favorit?

Diese Vorschläge mit ihren Lieblingshütten und dazu passenden Wanderrouten wurden auf migrosmagazin.ch bereits hochgeladen:
Die Silvrettahütte oberhalb von Klosters
Die Unterengadiner SAC-Perle (Lischana) Die Finsteraarhornhütte

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Während die Häuser auf dem Talboden immer kleiner werden, diskutieren zwei der Kinder mit ernstem Blick, welchen der Knöpfe neben dem Notfalltelefon sie drücken wollen, während ein anderes am Türgriff hängt, als handle es sich um die Sprossenwand in der Turnhalle. Ohne Verluste erreicht die Gondel die Station Oberems. Kaum ist die Tür geöffnet, sind die Kinder davon gehuscht. Die Stimme aus dem Lautsprecher sitzt freundlich lächelnd hinter der Glasscheibe des Kassierhäuschens und nimmt von den Wanderern das Geld für die Gondelfahrt entgegen. Rund 15 Minuten Busfahrt später befindet man sich in Gruben, dann noch eine knappe Stunde Fussmarsch, und man ist in Vorder Sänntum angelangt.

Durch üppige Vegetation geht es zur einzig heiklen Stelle der Route

Wanderin beim Aufstieg auf dem Schluchtweg
Aufstieg auf dem Schluchtweg: Die am Fels befestigten Seile sind an dieser heiklen Stelle hilfreich.

Links der Turtmänna, dem Wildbach, der aus dem Tal hinaus in die Rhone fliesst, führt ein Weg zwischen grasenden Kühen und weichen Grashügeln hinauf in den Wald. Nach einer guten Viertelstunde steht ein Wegweiser, der die Wanderer rechts in den Schluchtweg hinein weist. Durch üppige Vegetation aus Mooshügeln und Farnen geht es auf einem Trampelpfad bis zur einzigen heiklen Stelle dieser Route: Man muss sich eng an einem Felsen vorbei, über mehrere grosse Steinbrocken hinaufstemmen. Das am Felsen befestigte Seil erweist sich dabei als hilfreich. Auf dem Schluchtweg darf man sich ruhig Zeit lassen, denn das, was nachher folgt, bietet weitaus weniger optische Reize: Nach nur 30 Minuten muss man unweigerlich auf den Jeepweg einbiegen, der bis zur Staumauer führt. Hinter der Staumauer mündet, mit roten Pfeilen markiert, der Weg in eine Steinwüste hinein. Laut Plan ist die Hütte von hier aus in einer Stunde erreichbar. Untrainierte sollten aber grosszügiger rechnen: Der Weg führt durch teils sehr steiles Gelände, das einen sicheren und behutsamen Tritt sowie eine gute Kondition erfordert.

Turtmannstausee
Der Turtmannstausee hat eine milchig grünliche Farbe.

Steinhaufen in allen Grössen, sogenannte Steinmannli, weisen den Weg durch die Landschaft. Im Zickzack geht es Meter für Meter empor. Wer die noch sportlichere Herausforderung sucht, kann nach gut der Hälfte des Weges den markierten steileren Zustieg zur Hütte wählen. Doch egal, ob man den einfachen oder schwierigen Weg wählt: Um das letzte kurze, aber dafür steilste Teilstück bis zur Hütte kommt niemand herum.

Nach gut drei Stunden und rund 600 überwundenen Höhenmetern auf der Terrasse der SAC-Hütte angekommen, kann man endlich den Blick über die ganze Landschaft schweifen lassen. Grauweiss liegt der Turtmanngletscher am Berg, umgeben von Bishorn, Weisshorn, Stierberg und Les Diablons. Das Missachten von jahrzehntealten Hüttenregeln enttarnt den SAC-Neuling gleich beim ersten Schritt in die gute Stube. Spaziert man mit den Wanderschuhen in den Aufenthaltsraum, wird man sogleich von anderen Hüttengästen auf die Finkenpflicht hingewiesen.

Anmelden beim Hüttenpersonal steht als Nächstes auf dem Programm. Heute ist der Chef persönlich an der Reception. Fredy Tscherrig (47) begrüsst einen mit breitem Lächeln und sehr, sehr kräftigem Händedruck, zeigt einem das Zimmer und verschwindet kurz darauf in der Küche, um zusammen mit den Angestellten Brigitte (64), Elisabeth (38) und Hans (74) das Nachtessen vorzubereiten.

Katzenwäsche hinter dem Haus statt warme Dusche

Es bleibt nun genug Zeit, um hinter dem Haus am Holzbrunnentrog die Füsse vom getrockneten Schlamm zu befreien und den Schweiss aus dem Gesicht zu waschen. Warmes Wasser ist hier oben kostbares Gut und kostet pro Liter zusätzlich. Wer sich den Luxus nicht gönnen will, muss sich mit der Katzenwäsche hinter dem Haus begnügen.

Verwöhnen die Gäste kulinarisch: Elisabeth (links) und Brigitte bereiten das Essen zu.
Verwöhnen die Gäste kulinarisch: Elisabeth (links) und Brigitte bereiten das Essen zu.

Pünktlich um 18 Uhr steht das innigst herbeigesehnte Nachtessen auf den langen Holztischen; Polentasuppe mit Gemüse, danach ein Eichblattsalat mit Tomaten, Zwiebeln und französischer Salatsauce und zum Hauptgang Pasta und Braten an brauner Sauce, gefolgt von Fruchtsalat zum Dessert — das Essen schmeckt vorzüglich. Lange sitzen die Gäste noch an den Tischen, trinken ein Glas des Hüttenweins, Le Ciel de Diablon, oder Dosenbier, jassen oder spielen Uno mit einem abgegriffenen und unvollständigen Kartenset. Um 22 Uhr heisst es dann: Lichter aus! Das ist die offizielle Bettgehzeit in der Hütte. Schliesslich wollen einige der Gäste am Morgen bereits um 5 Uhr raus.

Derweil die letzten Gäste in Richtung Mehrbettenzimmer davonschlurfen, reibt das Hüttenpersonal die Gläser trocken und stellt den Käse und die Erdbeerkonfitüre fürs Frühstücksbuffet bereit. Die Truppe um Fredy Tscherrig ist erschöpft. Es sind lange Tage hier, lange, aber glückliche. «Hier oben», sagt Brigitte, «ist ein guter Ort», und Elisabeth nickt. «Hier bin ich zufrieden, auch wenn ich müde bin», sagt sie und wirft einen letzten Blick durchs Fenster zum Sternenhimmel, bevor sie gute Nacht wünscht und das Licht in der Küche löscht.

Gut zu wissen

Anreise: Mit dem Zug nach Turtmann, von hier nimmt man den Bus zur Talstation der Luftseilbahn Turtmann–Unterems–Oberems. Von Oberems mit dem Postauto bis nach Gruben.

Aufstieg zur Hütte: Ab Gruben (1818 m ü. M.) zu Fuss bis Vorder Sänntum, dann über den Schluchtweg und den Jeepweg, zur Staumauer, dann den Steinmannliweg bis zur Turtmannhütte. Dauer ab Gruben: circa 3 Stunden.

Rückweg: Über den Steinmannliweg, dann über den Höhenweg, rechts dem Tal entlang, auch Kapellenweg genannt. Dauer: circa 3 Stunden.

Höhenunterschied: Gruben (1818 m ü. M.) bis Turtmannhütte (2519 m ü. M.)

Preise: Übernachtung für SAC-Mitglieder 23, inkl. Halbpension 65 Franken. Nicht-Mitglieder: 33 Franken, inkl. Halbpension 75 Franken.

74 Plätze, bewartet Mitte Juni bis Ende September.

 Kontakt: Fredy und Magdalena Tscherrig, Internet: www.turtmannhuette.ch , Telefon: 027 932 14 55

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: Christophe Chammartin