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18. Juli 2016

Heute ist gestern

Blick aus dem Zugfenster
In den Sommerferien bei Jungen wieder angesagt: Blick aus dem Zugfenster ...

Interrail – welch Zauberwort unserer Jugendjahre! Wochenlang mit dem Zug kreuz und quer durch Europa – es war das grosse Abenteuer, bedeutete die grosse Freiheit, nicht wahr? Einfach auf und davon, ohne Kontakt mit dem Zuhause. Allenfalls schickte man dann und wann eine Ansichtskarte …

Aus, vorbei. Wir leben nun leider im Zeitalter der Billigflüge. Man jettet rasch mal für 19 Euro nach Dublin, für 31 Euro nach Prag – und es ist ein eigentlicher Skandal, dass es heute billiger ist, nach Hamburg zu fliegen, als mit dem Zug hochzufahren. Wer wollte es den Jungen da verargen, dass sie die günstigere und schnellere Variante wählen?

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51) staunt über die heutige Jugend.

Doch was tun die jungen Leute sommers? Sie buchen Interrail und machen sich auf zum grossen Abenteuer. Wie in den alten Zeiten! Mit welchen Jugendlichen ich auch spreche, alle planen sie gerade einen Interrail-Trip … Ich habe ja gemeint, das sei längst Geschichte. Aber, nein, es gibt das Ticket noch immer, mit dem junge Leute zu einem günstigen Fixpreis während einiger Wochen durch den Kontinent gondeln können, von Chur bis Glasgow, von Amsterdam bis Budapest.

Wobei das weite Europa noch weiter geworden ist, als es damals war. Neuerdings gibt es auch Länder wie Mazedonien und Tschechien zu bereisen. Soll noch einer behaupten, unsere Jugendlichen seien nur auf Profit und Genuss aus, sie seien egoistisch, unbedacht und bar jeden Umweltbewusstseins. Nein! Sie wollen wieder mit der Eisenbahn fahren, sie entdecken die Langsamkeit und spüren einer Zeit nach, die sie nur vom Hörensagen kennen.

Sie kaufen wieder Langspielplatten, sie nächtigen auf Zeltplätzen am See, trotzen an Open-Air-Festivals dem Wetter und begeben sich mit Interrail auf grosse Fahrt – die Jugendlichen frönen den Sommermythen, die die Generation ihrer Eltern erschaffen hat. Sie hat etwas Rührendes, ihre Sehnsucht nach einer Ära, die sie nicht erlebt haben. Offenbar leitet sie das Bild von einem ungefähren Gestern. Sie werde dann aus jeder Stadt eine Karte schreiben, versprach unsere Tochter. «Du meinst, schnell am Handy per App eine generieren, die dann von der Schweizer Post ausgedruckt und verschickt wird?», frage ich. «Nein, richtig schicken, weisst du, eine richtige Postkarte mit Briefmarke und so.»

Das habe ich damals nicht getan. Ich selber war nämlich gar nie mit Interrail unterwegs. Und ich befürchtete schon, die Chance komme nie wieder. Aber dann habe ich entdeckt, dass es Interrail auch für Erwachsene gibt – und als Senior ab 60 Jahren reist man fast so günstig wie die Jungen. Ich hab die grossen Abenteuer noch vor mir.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli