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15. August 2016

Heuen-Einsatz am Steilhang

Wildheuer Toni Herger trägt mit seiner waghalsigen Arbeit auf den Bergwiesen dazu bei, dass die Schönheit des Urner Isenthals erhalten bleibt. Das Engagement lohnt sich: Die Region ist zur «Landschaft des Jahres 2016» erkoren worden.

Wildheuer Toni Herger
Tausend Meter oberhalb des Tals und mit der Sense in der Hand ist Toni Herger ganz in seinem Element.

Zwei Regeln bestimmen seine Arbeit in den Bergen: nie einer Sache «nachespringe» und – falls man ins Rutschen gerät – sich unbedingt auf den Bauch drehen, damit es einen nicht überschlägt. Toni Herger (49) mäht als Wildheuer im Urner Isenthal ungedüngte Bergwiesen an steiler Lage. Von oben sieht es aus, als ginge es fast senkrecht hinunter. Tausend Meter tiefer unten schimmert der Vierwaldstättersee. «Dass man runterfallen könnte, daran denke ich nicht», sagt Herger. Das Gefährlichste am Wildheuen sei, auf dürrem Heu zu stehen: «Das ist so rutschig wie Schmierseife. Da fährt man runter wie auf dem Bob.» Die Fältchen um die hellblauen Augen zeugen von seinem Schalk.

Nirgendwo auf der Welt ist das Wildheuen so verbreitet wie im Kanton Uri. Das Land der Wildheuer ist gepachtet und gehört der Korporation Uri. Die Regionen werden nur alle zwei, drei Jahre gemäht, sodass die Wiesen sich mit dem liegen gebliebenen Gras selbst düngen. Herger bewirtschaftet zwei Gebiete, dieses Jahr 1,2 Hektar hinter der Chulm und oberhalb der Musenalp. Ein bis zwei Wochen lang lebt er dort ohne fliessend Wasser und Strom, gelegentlich unterstützen ihn zwei Freunde und drei seiner vier Kinder.

Vielfalt dank Förderprogramm
Der alpine Wanderweg zu seiner Hütte ist talseits oft gefährlich abschüssig – dennoch bewegt er sich wie auf einem Boulevard. Entspannt betrachtet er die Landschaft und erzählt: Wiesen ohne Bewirtschaftung verbuschen, im Extremfall verwalden sie sogar. Das erhöht die Lawinengefahr, weil hohes Gras bei Schnee wie eine Rutschbahn wirkt. Seit Beginn des Förderprogramms für Wildheuer im Jahr 2008 konnten zahlreiche aufgegebene Flächen neu bewirtschaftet werden – und seither hat die Pflanzenvielfalt zugenommen, denn auf geschnittenem Gras gelangen Wasser und Samen leichter in die Erde.

Regelmässig muss der Wildheuer die Klinge der Sense schärfen.
Schnittiges Werkzeug: Regelmässig muss der Wildheuer die Klinge der Sense schärfen.

Toni Herger sieht vermehrt weisse und gelbe Margeriten, Silberdisteln, Arnika, Stein- und Alpenrosen, Enzian, Knabenkraut, Edelweiss und jede Menge violetter Blümchen, deren Namen ihm nicht einfallen. Eine Steinrose und eine Anemone zieren seinen Hut, ohne den er «die Orientierung verlieren würde und nicht wüsste, wohin».
Im Edelweisshemd, die Pfeife im Mund, die Sense auf der Schulter, marschiert er den Hang hinunter, als ginge es geradeaus. Für den nötigen Halt sorgen vier Stahlspitzen in den Sohlen seiner Wanderschuhe.

Für Herger ist es nichts Ungewöhnliches, sich hier zu bewegen: In der Region ist er aufgewachsen – er ist vertraut mit ihr, schätzt die Einfachheit und die Natur. Eine vierspurige Autobahn hingegen wäre eine Horrorvorstellung für ihn, sagt er, oder mitten in der Stadt mit dem Auto ausgesetzt zu werden.

Dank der Arbeit des Wildheuers gedeihen zahlreiche Pflanzenarten.
Dank der Arbeit des Wildheuers gedeihen zahlreiche Pflanzenarten.

Alle paar Meter wetzt er die Kante seiner Sense, den Wetzstein trägt er am Gürtel. Nach drei, vier Stunden muss er «dängele»: den Stahl zusammendrücken, damit er dünner wird und schärfer. Dafür hat Toni Herger einen Dangelapparat dabei. Das getrocknete Gras recht er ein paar Tage später mit einem Netz zu einem «Pinggu» zusammen, zu einem 60 bis 80 Kilogramm schweren Heuballen. Pro Tag schafft Toni Herger zehn Stück davon. An Eisenhaken befestigt, sausen die dann mit 80 bis 120 Stundenkilometern am Stahlseil ins Tal zum Abnehmer.

Geringer Lohn für harte Arbeit
Ursprünglich diente das Wildheuen der Futterbeschaffung fürs Vieh im Winter. Für Toni Herger, hauptberuflich Zimmermann, ist es ein Hobby, das er schon als Zehnjähriger betrieb. Seit das Förderprogramm läuft, wird er fürs Wildheuen entlöhnt. «Reich wird man damit nicht», sagt Raimund Rodewald von der Stiftung für Landschaftsschutz, die das Urner Isenthal nun ausgezeichnet hat (siehe Box). In den vergangenen Jahren hat Toni Herger etwa 2500 Franken jährlich für seine waghalsige Arbeit erhalten, für die er ein bis zwei Wochen Ferien opfert und jeden Tag zehn bis zwölf Stunden lang im Einsatz ist. Man dürfe nicht vergessen, dass Wildheuen Tradition habe. «Ich säge mängisch: Äs hets niemert eso schön wi mir. Dr einzig Stress isch s Wätter.»

Autor: Laila Schläfli

Fotograf: Mischa Christen