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25. November 2013

Herzige Senioren. Überall.

Herzige Senioren
Von wegen herzige Senioren: Manchen liegt stets eine Reklamation auf der Zunge. (Ute Grabowsky / photothek.net)

Wir Eltern wissen: Alte Pflästerchen muss man schnell abreissen. Ratsch! Sonst gibt es ein Drama in mehreren Akten. Genauso verhält es sich in meinen Augen mit unschönen Botschaften. Da bringt es auch nichts, lange herumzueiern. Deswegen gehe ich gleich in die Vollen: Manchen Seniorinnen und Senioren könnte ich Gift geben.

Mir ist bewusst, dass sich das eigentlich nicht gehört. Deswegen muss das auch unter uns bleiben. Meinen Töchtern bringe ich selbstverständlich bei, dass alte Menschen wie rohe Eier sind. Sehr heikel und zudem sehr zerbrechlich (Stichwort Oberschenkelhals). Ida und Eva müssen immer schön «bitte, danke» sagen, wenn sie es mit Silberrücken zu tun haben. Selbstverständlich dürfen sie den Betagten auch nicht mit dem Lilibiggs-Kinderwägeli in die Hacken fahren. Zunge herausstrecken und bäääh! machen, wenn das Gegenüber ein Gebiss trägt, geht ebenfalls nicht.

Es gibt aber Momente, da würde ich das gerne stellvertretend für sie übernehmen. So wie neulich, als sich eine circa 80-jähriger Herr an der Käsetheke vordrängelte. Der machte das mit einem Selbstverständnis, dass mir Hören und Sehen verging. Als ich ihn höflich (!) darauf ansprach, stellte er sich ein bisschen taub. Hääää? Es kam, wie es kommen musste. In den Augen der anderen Kunden war ich in null Komma nichts die aggressive Mutter, die herzige Senioren anpöbelt.

Wahlweise bin ich auch die Mutter, die ihre Kinder nicht erzieht. Das bekam ich jedenfalls neulich in einem Café zu hören. Dort war ich mit meinen beiden Kleinen zum Sirup- und Kaffeetrinken eingekehrt. Am Nachbartisch sass ein Rudel Urgrossmütter. Die Damen trugen Seniorenbeige und rührten in ihren Kaffeetassen. Sie lächelten in unsere Richtung, nickten anerkennend, kurz: Sie wirkten harmlos. Doch da hatte ich mich zu früh entspannt. Meine Töchter standen nämlich mehrmals von ihren Stühlen auf und turnten um den Tisch herum. Ich hätte Ida und Eva sofort anbellen können. Selbstverständlich hätte ich in der Situation auch mit ihrer Enterbung drohen können. Oder mit Fussnägelschneiden. Machte ich aber alles nicht. Ich war schlicht zu müde, zu ausgelaugt, zu apathisch. (Das, meine Damen und Herren, ist ein Schutzmechanismus der Natur, damit wir Eltern nicht immer so hochtourig drehen. Glaube ich zumindest.)

Vielleicht war die Erschöpfung auch ein Grund dafür, dass ich es nicht kommen sah. Ich weiss ja nicht, wie ich in 40 Jahren sein werde. Hoffentlich aber anders als jene Grosis aus dem Café. Die verwandelten sich nämlich in Sekundenbruchteilen in Zombies. Es war nicht schön, kann ich Ihnen sagen. Diese Blicke, diese Spitzlippen, das Kopfschütteln. Meine Kleinen wussten nicht so richtig, warum sich die Omis vom Nachbartisch gegenseitig so aufputschten. (Wissen Sie, 3- und 5-Jährige sind nämlich noch nicht so gut in nonverbaler Kommunikation.) Dann übernahm die grauviolette Oberziege das Wort und stellte mich, die Kindsmutter, dermassen in den Senkel, dass mir die Ohren schlackerten. Sinngemäss sagte sie: Sie sind ungezogen (also sowohl die Mutter als auch die Kinder), unerhört, früher war alles anders, zu unserer Zeit hätte man solche Bälger windelweich geklopft, Zeter, Zeter, Zeter. Ida und Eva erschraken so sehr, dass sie noch Tage später von den bösen Tanten erzählten.

Ich weiss übrigens, was Sie jetzt denken. Sie sind sich sicher, dass meine Kinder sich total daneben benommen haben müssen. Dass sie den wehrlosen Seniorinnen die Taschen gestohlen haben oder ihnen Popel an die kompressionsbestrumpften Beine geschmiert haben müssen oder ihnen die Stühle unter den knochigen Hintern weggetreten haben müssen.

Nope. Nichts dergleichen. Und genau das ist der Punkt: Alte Menschen schiessen gerne über das Ziel hinaus. Warum? Weil sie schon länger da sind und weil sie schon fast alles erlebt haben. Ja, ja, früher, als die Gummistiefel noch aus Holz waren, da war eben alles besser. Und eine Tracht Prügel hat noch niemandem geschadet.

Autor: Bettina Leinenbach