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13. Januar 2014

Herr über 2000 Journalisten bei Bloomberg

Reto Gregori hat als Lokaljournalist in Winterthur angefangen. Heute ist der 44-jährige Schweizer die Nummer zwei bei der amerikanischen Nachrichtenagentur Bloomberg.

Reto Gregori in der zentralen Pausen-Lounge bei Bloomberg in New York.
Reto Gregori in der zentralen Pausen-Lounge bei Bloomberg in New York.
Mitarbeiterin von Bloomberg
Mitarbeiterin von Bloomberg

KLEINER SKANDAL BEI BLOOMBERG
Ausserdem zum Thema: Reto Gregori erklärt den Umgang mit sensiblen Kundendaten, nachdem im Frühling 2013 bekannt wurde, dass Journalisten des Nachrichtendienstes Zugang zu vertraulichen Daten von Nutzern der Finanz-Software hatten. Zum Artikel

Mittagszeit im 55-stöckigen Bloomberg-Glasturm in Manhattan: Ein gewaltiges Gewusel von hungrigen Angestellten ergiesst sich in die Gänge und Fahrstühle. Jeder einzelne hat einen Ausweis mit seinem Namen um den Hals, auch der etwas korpulente Latino, der mit einem Mopp die Treppe wischt. So weiss jeder gleich, mit wem er es zu tun hat. Rund 4000 Menschen aus aller Welt arbeiten hier bei Bloomberg, einer von ihnen trägt einen Ausweis mit dem Namen Reto und starrt gerade auf sein Handy, unbeeindruckt vom Getümmel um ihn herum.

Der 44-jährige Reto Gregori aus Hettlingen ZH ist Deputy Editor in Chief bei Bloomberg News; als Vize von Chefredaktor Matthew Winkler ist er die Nummer 2 in der Hierarchie der Nachrichtenagentur, in deren New Yorker Hauptquartier 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche gearbeitet wird. Die beiden sitzen direkt nebeneinander am Rande eines gewaltigen Newsrooms und blicken auf ein Meer aus Schreibtischen und Bildschirmen. Gregoris Tisch ist nicht grösser als der von allen anderen, aber während manche gleich vor acht Monitoren sitzen, hat er nur drei – dafür steht neben seinem Stuhl ein lebensgrosses Wollschaf. Es ist das einzige verspielte Element in den auf glatte Effizienz und kühle Eleganz getrimmten Räumen.

Er bewarb sich aus jugendlicher Abenteuerlust bei Bloomberg

Reto Gregoris Arbeitsplatz im Newsroom
Reto Gregoris Arbeitsplatz im Newsroom von Bloomberg in New York – mit seinem berühmten Schaf.

«Das Schaf habe ich aus London mitgebracht, es dient als Sitzgelegenheit und Ablagefläche», erklärt Gregori, der mitten in seinem hektischen Tagesprogramm über Mittag zwei Stunden Zeit für ein Gespräch hat. Das Plüschtier verleiht dem Schweizer aber auch eine gewisse Unverwechselbarkeit, werden wir doch gleich mehrfach darauf angesprochen, ob wir es gesehen und fotografiert hätten. Jeder hier kennt «Redos» Schaf.

London war die vierte Station in einer bemerkenswerten Karriere, die den jungen Lokaljournalisten des Winterthurer «Landboten» innert zehn Jahren zum weltgewandten Manager eines global operierenden News-Konzerns aufsteigen liess. Als Gregori sich 1994 für das kleine Zürcher Büro der damals noch jungen Bloomberg News bewarb, geschah das aus jugendlicher Abenteuerlust. «Meine damalige Freundin hatte von dem Job erfahren, war selbst aber nicht interessiert. Also dachte ich, ich probiere es mal.» Gregori reizte es, mal auf Englisch zu arbeiten, denn er wuchs zweisprachig auf, weil seine Eltern lange in Indien gelebt hatten.

«Ich hörte dann lange nichts, aber nach neun Monaten kam plötzlich ein Anruf, ob ich am nächsten Tag nach London kommen könnte.» Gregori war, unglaublicherweise, der einzige Bewerber und bekam den Job, obwohl er von Wirtschaft keine Ahnung hatte. «Die Standards waren damals offensichtlich noch nicht so hoch wie heute», sagt er und lacht sein herzlich-ironisches Lachen, das im Laufe des Gesprächs öfters ertönt. So fing er also 1995 in einem dreiköpfigen Team in Zürich an. Schon zwei Wochen nach dem Start lernte er seinen obersten Chef kennen. Unternehmensgründer Michael Bloomberg, bis Ende 2013 Bürgermeister von New York, besuchte das Zürcher Büro und ging mit dem Team Abendessen. «Ich war ziemlich nervös und froh, als der Abend vorbei war und ich noch immer eine Stelle hatte», sagt Gregori. Als später beide Kollegen kündigten, wurde er plötzlich Büroleiter.

Wer nicht vorne dabei sein will, der ist hier am falschen Ort.

Offensichtlich machte der junge Journalist einen guten Job: 1999 wurde er Bürochef in Frankfurt, 2002 beförderte man ihn zum Managing Editor Europe in London, 2005 wurde er mit gerade mal 35 Jahren Chief of Staff des Chefredaktors in New York, wo er letzten Herbst zusätzlich noch den Titel als Vizechefredaktor erhielt. In dieser Funktion führt er rund 2000 der 2400 Journalisten von Bloomberg News. Er besucht Aussenposten, redet bei strategischen Entscheidungen und grossen Newsgeschichten mit, verantwortet Meinungsseiten, steht mit den Bürochefs aus aller Welt in Kontakt, gibt Feedback, führt Bewerbungsgespräche.

Im Glaspalast in Manhattan gibts rund um die Uhr Gratis-Snacks

Angesprochen darauf, wie viel Ehrgeiz und Ellenbogen es brauche, um in der harten amerikanischen Medienwelt so schnell so hoch zu steigen, zögert er kurz. «Ellenbogen sind nicht so wichtig, Ehrgeiz schon eher. Was vor allem zählt, ist Leistung.» Wer einen guten Job mache, mit Storys auffalle, Primeurs bringe, der werde nicht nur gut bezahlt, sondern könne auch rasch aufsteigen.

Das hat natürlich seinen Preis: Die Präsenzzeit im Büro ist enorm. Heutzutage ist Gregori in der Regel um 5.45 Uhr im Büro und versucht, spätestens um 18.30 Uhr zu Hause zu sein, weil er einen einjährigen Sohn hat. Dessen Betreuung übernimmt tagsüber eine Nanny, denn Gregoris amerikanische Frau ist ebenfalls Vollzeit bei Bloomberg tätig.

Früher konnte es im Büro allerdings oft sehr spät werden. «Irgendwo auf der Welt passiert immer irgendwas. Und wer nicht vorne dabei sein will, der ist hier klar am falschen Ort», sagt Gregori. Auf diese Eigenschaft achtet er auch bei Einstellungsgesprächen. Positiv bewertet er, wenn jemand sportliche Aktivitäten und ehrenamtliches Engagement im Lebenslauf angibt. «Alles, was zeigt, dass man mehr tut als nötig. Wir wollen die Besten sein und versuchen, nur die Besten einzustellen.»

2013 hat Bloomberg erstmals Journalisten entlassen. Die 40 Gekündigten werden aber dieses Jahr mit 100 Neueinstellungen mehr als kompensiert. «Es ging nicht um einen Abbau, sondern darum, thematisch anders zu fokussieren, wieder mehr auf unser Kerngeschäft der Wirtschaftsberichterstattung.» De facto funktioniert Bloomberg News dank dem finanziell potenten Mutterkonzern unabhängig vom kriselnden Anzeigenmarkt. «Und wir sind auch noch relativ jung verglichen mit anderen Newsagenturen wie Reuters oder Dow Jones. Wir haben noch Spielraum zu wachsen.»

Einmal im Jahr gehen wir nach Zuoz zum Skifahren.

Jobs bei Bloomberg sind begehrt, auch weil sie besser bezahlt sind als üblich. Und im ultramodernen Hauptquartier an der Lexington Avenue in Midtown Manhattan fehlt es an nichts. Sogar für Verpflegung rund um die Uhr ist gesorgt. Im sechsten Stock des Glaspalasts, in dessen obersten Stockwerken sich Luxusapartments für Superreiche befinden, stehen in einem weiten, offenen, loungeartigen Raum Stände mit kostenlosen Snacks und Getränken aller Art. Es ist jener Ort im Wolkenkratzer, wo die Angestellten der diversen Bloomberg-Abteilungen aufeinandertreffen und ungezwungen miteinander plaudern können. Bei schönem Wetter können sie raus auf mehrere Terrassen mit prächtiger Aussicht auf die Stadt – gerne werden dort auch Sitzungen abgehalten. Die regulären Sitzungsräume sind über die Stockwerke verteilt und aus Glas, zudem ist jeder nach einer Stadt benannt, in dem es ein Bloomberg-Büro gibt – die Welt zu Gast bei Bloomberg.

Gregori lebt nun seit acht Jahren in New York und fühlt sich wohl dort. Mit seinem einjährigen Sohn spricht er Schweizerdeutsch, ansonsten läuft alles auf Englisch. Fast jeden Monat reist er geschäftlich nach Europa und nutzt dies oft für Abstecher nach Norwegen, wo seine beiden Teenager aus erster Ehe mit ihrer Mutter leben, oder in die Schweiz, wo er immer noch Familie hat.

Eine permanente Rückkehr kann er sich im Moment aber nicht vorstellen. «Dafür läuft hier alles viel zu gut.» Zwar ist ihm New York auch immer mal zu verstopft und zu hektisch, aber umso mehr schätzt er die Internationalität und die Energie, die Offenheit der Menschen und die globale Küche. Dafür vermisst er die kurzen Distanzen in der Schweiz und das Skifahren. «Einmal pro Jahr gehen wir nach Zuoz, extra dafür. Und auf dem Weg stoppen wir immer im Heidiland und essen eine Bratwurst mit Rösti.»

Fotograf: Katja Heinemann