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01. September 2014

Herr Leinenbach

Ein späteres «Papikind»?
Frühe Fixierung einmal anders: Ein späteres «Papikind»? (Bild: Getty Images)

Als ich vor sechs Jahren mit Ida in den Wehen lag und sich ein Kaiserschnitt abzeichnete, sagte ich zu Herrn Leinenbach: «Egal, was passiert, du bleibst bei Ida, sobald sie auf der Welt ist.» Er nickte. Während die Ärzte wenige Minuten später damit begannen, meinen Bauchschnitt Schicht für Schicht zu vernähen, lief er hinter der Hebamme her, die das gerade geborene Bündelchen zum Untersuchungsplatz trug. Er war dabei, als man Ida die Atemwege absaugte, als ihre Hautfarbe von Hellblau zu Rosa wechselte. Er schnitt symbolisch den Nabelschnurrest durch («stell dir vor, du schneidest ein Telefonkabel durch»), half beim Messen, Wiegen, Anziehen.
Er war der Erste, der ihr kleines Gesicht eingehend betrachtete. Er hielt das Baby in seinen Armen, küsste es auf die zerknautschte Stirn und flüsterte ihm leise Worte zu. Was genau er sagte, weiss ich nicht. Es spielt auch keine Rolle, denn es war definitiv ein Vater-Tochter-Moment. Damals, in den frühen Morgenstunden des 5. Juli 2008, als ich erschöpft und überfordert auf die Wochenbettstation gerollt wurde, wusste ich, dass zumindest eine Sache gut gelaufen war: Ida war liebevoll in dieser Welt empfangen worden.

Als ich mein Kind zirka eine Stunde nach der Not-OP zum ersten Mal in den Arm nehmen durfte, hatte er ihr schon alles erklärt: «Gleich triffst du deine Mami, sie ist noch ein wenig k. o., aber sie freut sich wahnsinnig auf dich.» Ida guckte mit ihren grossen, blauen Augen in seine grossen, blauen Augen und nickte. Dann schmiegte sie sich an mich. Ihren Papi liess sie die ganze Zeit nicht aus dem Blick. Er war ihr Anker in dieser neuen, lauten Welt.

Daran hat sich bis heute nichts verändert. Wenn das Fräulein Leinenbach die Ohren hängen lässt, weil ein Papierflieger nicht recht gleiten will, dann kommt der Herr Leinenbach und bügelt den Konstruktionsfehler aus. Sie hängt wissbegierig an seinen Lippen – auch wenn er, mit Verlaub, gelegentlich Quatsch mit Sauce erzählt. Sie konsultiert ihn in allen Lebenslagen und schleppt auch andere Klienten an («Noemi, wir können ja mal meinen Papi fragen, wie hoch der höchste Berg der Welt ist»). Herr Leinenbach weiss auch, warum es hagelt und wie gross der Schlafbedarf einer Sechsjährigen ist. Ausserdem schmiert er die schönsten Nutellabrote und putzt viel sanfter die Zähnli nach als Mami. Er ist eigentlich ein Superheld, aber pssst!, wir verraten das niemandem.

Die deutsche Sprache kennt ein Wort, das sehr schön beschreibt, was er umgekehrt für sie empfindet: Sie ist sein Augenstern. Wenn er kocht, dann kocht er Dinge, die sie liebt. Wenn er auf Geschäftsreise ist, dann bleibt ein Stück von seinem Herzen bei ihr. Und wenn er schimpft, dann ist alles halb so schlimm.

Vielleicht gibt es da draussen Mütter, die an meiner Stelle eifersüchtig wären, Frauen, die davon überzeugt sind, dass eine solch starke Bindung naturgemäss nur zwischen Mutter und Kind existieren kann. Ich weiss es besser. Es ist kein Zufall, dass Babys im Idealfall zwei Lebensbegleiter haben. Es gibt Mutterkinder, und es gibt Vaterkinder. Das hat nichts mit Bevorzugung zu tun. Ich weiss genau, dass Herr Leinenbach das zweite Fräuleinchen genauso liebt wie das erste. Eva verehrt ihren Papa übrigens auch sehr. Aber die Bindung zwischen Ida und ihm, die ist etwas ganz Besonderes. Sie wurde damals im Neonlicht des Spitals geknüpft. Und sie ist heute, sechs Jahre später, stärker denn je.

Als wir neulich beim Kinderzahnarzt nach Idas Zahnunfall das Röntgenbild betrachteten, musste ich (vollkommen deplatziert) laut auflachen. Ich konnte auf der Aufnahme Idas bleibende Schneidezähne erkennen, die noch weit oben im Kiefer steckten. Raten Sie mal, wie die beiden Schaufeln aussahen? Ein Tipp: Es war nicht meine Zahnform. «Mäuslein, guck mal, deine Zähne sehen aus wie die von Papi.» Ida antwortete trocken «Das ist doch logisch, Mami, ich bin ja auch ein Papikind.»

Autor: Bettina Leinenbach