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29. August 2016

Herr der Nadeln

Seine Arbeit geht unter die Haut: Seit rund 20 Jahren arbeitet Toni Dedai als Tätowierer - seit neun Jahren im eigenen Studio in Bern. Ein Gespräch über Trends, jugendlichen Herzschmerz, prominente Kunden und skurrile Anfragen.

Tätowierer Toni Dedai
Toni Dedai (39) ist Gründer und Geschäftsführer vom Studio Lebende Legend Tattoo GmbH in Bern. (Bild: zVg)

Toni Dedai, wie viele Tattoos haben Sie?

Ich kann das gar nicht genau sagen. Ich schätze, so um die 30, 40. Und sicher kommen noch einige dazu – am Bauch oder an den Beinen habe ich noch freie Körperstellen.

Wie alt waren Sie bei der ersten Tätowierung?

Mit 16 habe ich mir mein Sternzeichen, einen Skorpion, stechen lassen. Meine Eltern und die ganze Welt waren dagegen. Aber für mich war es Liebe auf den ersten Blick.

Sie haben viele Promis gestochen. Können Sie uns davon erzählen?

Den Deutschrapper Sido habe ich mehrere Male getroffen. Bei seinem zweiten Termin wollte er mich auch tätowieren: Er hat mir eins seiner Logos auf die Innenseite meines Armgelenks gestochen.

Hat Sie in ihrem Berufsalltag schon mal etwas schockiert?

Mich hat schon vieles schockiert. Viele Kunden kommen mit brutalen Ideen wie Bildern von abgetrennten Körperteilen. Wenn die Kunden nicht seriös scheinen oder das gewünschte Motiv unserem Studio nicht entspricht, machen wir das auch nicht. Wir lehnen ziemlich oft Wünsche ab.

Was für Wünsche sind das?

Wenn unsere Kunden sich das Gesicht tätowieren lassen wollen, raten wir ihnen davon ab. Ebenso bei Teenagern, die sich die Initialen ihres Partners stechen lassen wollen. Es ist wichtig, dass man die Sujets gut bespricht.

Welche Körperteile sind beliebt?

Die Rippen. Und zwar bei beiden Geschlechtern.

Wo schmerzt es am meisten?

An den Rippen. Zudem auch an den Fussknöcheln oder an der Innenseite der Oberschenkel. Bei grossen Motiven stechen wir maximal drei Stunden lang, damit der Körper sich erholen kann.

Gibt es Körperstellen, die man nicht tätowieren kann?

Nein. Man kann sogar die Innenseite des Mundes oder die Augäpfel tätowieren – Letzteres halte ich ich aber für Blödsinn.

Welche Trends gibt es derzeit in der Szene?

Über 60 Prozent unsere Kunden sind Frauen. Sie mögen Anker, Blumen oder Schriftzüge. Zurzeit scheint sich der Aquarell-Look als Trend durch-zusetzen. Bei den Männern steht der Maori-Stil hoch im Kurs. Zudem sind Cover-ups sehr beliebt, also Tattoos, die ein altes Sujet überdecken. Viele, die sich vor 20 Jahren stechen liessen, können sich heute nicht mehr mit dem Motiv identifizieren. Vor allem das Unterrückentattoo, das sogenannte Arschgeweih, oder geschwungene Tribal-Motive – beides grosse 90er-Trends – lassen sich viele entfernen.

Wäre Weglasern nicht die bessere Alternative?

In 30 Prozent der Fälle können wir kein Cover-up machen, da die Flächen zu gross sind. In solchen Situationen empfehle ich den Kunden, das Motiv weglasern zu lassen oder sich halt damit zu arrangieren. Denn das Lasern kann grosse Narben hinterlassen.

Sind Sie manchmal auch Hobbypsychologe?

Schon ein bisschen. Ich erfahre sehr viel von meinen Kunden. Es ist wichtig, zuhören zu können. Immerhin tragen die Leute nach ihrem Besuch bei uns etwas Lebenslängliches mit nach Hause.

Welche Begegnung werden Sie nie vergessen?

Ein Mitglied aus Peter Fox’ Band wollte einen Frosch. Und eine Frau wünschte sich eine Kuh mit Kuhglocke, weil sie mit diesen Tieren aufgewachssen war. Sie schien intelligent, sonst hätte ich das nicht gestochen.

Tätowierungen sollen ein Ausdruck der Persönlichkeit sein. Und doch folgen viele den gängigen Trends. Ist das noch individuell?

Ein Tattoo ist immer individuell. Jeder fertigt die Sujets auf seine eigene Art. Wenn jemand einen Totenkopf haben mächte, zeigen wir ihm beispielsweise, wie man das mit einem anderen Motiv verbinden könnte. Daraus entsteht dann etwas Zeitloses, Persönliches.

Ist man heute noch rebellisch, wenn man sich tätowieren lässt?

Nein, überhaupt nicht. Mittlerweile gehört man sogar eher zum Mainstream.

Und dennoch wird Tinte unter der Haut bei einem Vorstellungsgespräch nicht gern gesehen. Warum haftet tätowierten Menschen immer noch ein unseriöser Ruf an?

Ich sehe das nicht so. Heute ist fast jeder Zweite tätowiert. Wir wollen von unseren Kunden allerdings wissen, was für einen Beruf sie ausüben. Einem Banker etwa würde ich abraten, sich ein Motiv auf die Hände stechen zu lassen.

Ihr Studio heisst «Lebende Legend». Ein Schreibfehler?

Nein, das ist bewusst so gewählt. Wir leben in der Schweiz, darum das deutsche Wort «lebende». «Legend» wirkt international. Wir werden oft auf unseren Namen angesprochen. Der eigenwillige Name hat den Vorteile, dass die Leute ihn sich einprägen.

Autor: Anne-Sophie Keller