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11. August 2014

«Hennä kuul am Meer …»

Wunderbar, wenn einem beim Ausräumen des Briefkastens nach den Ferien nicht nur Rechnungen, Zahnarztterminerinnerungen und Parteireklamen in die Hände fallen, sondern auch Postkarten. Aus Aeschi ob Spiez, Dänemark, Pontresina. Ja, Leute! So viel altmodisch muss sein: Ich mag Postkarten. Und habe selber nie aufgehört, welche zu schreiben. Nicht zuletzt, weil liebe Menschen in meinem Umfeld gar nicht anders zu erreichen sind. Sie haben keine Mailadresse, und wenn sie überhaupt ein Handy besitzen, dann wie meine Schwester einen so alten Knochen von Mobiltelefon, auf den sich keine Ferienbilder beamen lassen. Nein, ich habe nicht aufgehört, Karten zu schicken, seit ich 1969 in Monterosso al Mare zum ersten Mal meine Unterschrift auf eine Postkarte kritzelte: BÄNZLI. Nur hat sich die Bedeutung verändert: Eine Karte zu schicken, ist zur raren persönlichen Geste geworden, sie zu erhalten eine Ehre.

«Ich habe nie aufgehört, Karten zu schicken.»
«Ich habe nie aufgehört, Karten zu schicken.»

Mir ist schon aufgefallen, wie wichtig es für junge Menschen heutzutage ist, anderen in Sofortzeit bildlich mitzuteilen, an welch besonderem Ort sie sich gerade befinden. Als Anna Luna und ich uns im Frauenfelder Dauerregen das Konzert von Macklemore anhörten, verwandte sie viel Sorgfalt darauf, sich im Schlamm für ein Bild in Pose zu werfen und dem Bekanntenkreis per Facebook dann sogleich ihre Teilhabe am grossen Ereignis kundzutun. Und ehe wir vorige Woche nach London fuhren, war ihre grösste Sorge, ob es dort die legendären roten Telefonkabinen noch gebe – die wären drum sehr geeignet für ein Bild auf Instagram. Eine digitale Postkarte, sozusagen: «Seht her, ich bin in London!» Aber sollte ich deswegen beunruhigt sein? In Sorge um eine auf Äusserlichkeiten fixierte Jugend, die nur noch selbstsüchtig Selfies macht und diese dauernd mit den Selfies anderer vergleicht? Von Stress und narzisstischen Störungen war in den letzten Wochen zu lesen – mit irgendetwas müssen die Zeitungen ja ihr Sommerloch füllen.

Aber gemach, die Jungen sind nicht doofer, als wir es waren. Das Posieren ist nicht neu, nur die Mittel sind andere. Seien wir ehrlich! Uns waren Coolness und Outfit genauso wichtig! Der Ueli, dieser Seckel, besass schon vier Jahre vor mir original Levi’s-Jeans; darob vergitzelte ich fast. Und die Karten, die wir in unserer Jugend schickten, dienten genauso dem Bluff. Der Gruss aus der Jugendherberge Hospental bedeutete: Seht her! Wir sind auf Töfflitour, voll abenteuerlich! Es war dasselbe: juveniles sich in Szene Setzen, Rangeln um Aufmerksamkeit, Positionieren seiner selbst. Weilten wir in Italien, gab ich mich per Kartengruss weltläufig, warf mit italienischem Vokabular um mich und machte die Ferien spannender, als sie waren: «Strand, Sonne, Meer! Wir sind pausenlos am Gelati schlecken, Pizza verzehren und flipperkästelen.» Und wenn ich mich recht erinnere, war die Karte, die ich dem Fredu 1979 aus Elba schickte, sprachlich nicht allzu hochstehend: «Huärägeil am Meer! Hennä kuul!» Es gab noch zweierlei Porto, damals: Schrieb man nur fünf Wörter, wars eine Grusspostkarte, die kostete dann weniger. Eine Kurzmitteilung, halt – sozusagen ein SMS avant la lettre.

Easy, es scheint nur, als änderten sich die Zeiten drastisch. Und was prophezeit Professor Heiko Hausendorf von der Uni Zürich, der sich des Phänomens wissenschaftlich annahm? Postkarten würden auch in fünfzig Jahren noch geschrieben.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli