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02. November 2015

Helfen, wo Europa versagt

Für die Flüchtlinge an der slowenisch-kroatischen Grenze wird die Situation immer schlimmer. Eine internationale Gruppe von Freiwilligen hilft, so gut es geht. Die Lebensmittel, die die Helfer verteilen, kaufen sie selber ein.

Flüchtlinge in Rigonce an der kroatisch-slowenischen Grenze
Nach stundenlangem Warten in Rigonce an der kroatisch-slowenischen Grenze werden die Flüchtlinge in ein Auffanglager eskortiert; das Camp Brežice liegt rund 15 Kilometer entfernt. (Bild Reuters)

Dicker Nebel hängt über dem kroatisch-slowenischen Grenzort Brežice. Es ist vier Uhr morgens. Das Thermometer zeigt drei Grad an. Beim Grenzübergang in Rigonce machen sich gegen 3000 Flüchtlinge bereit. Nach sechs Stunden Aufenthalt im Dreck, eingekreist von schwer bewaffneten Soldaten, dürfen die mehrheitlich syrischen Flüchtlinge endlich weiter in das 15 Kilometer entfernte Auffanglager. Zu Fuss. Bis zu zwei Stunden wird ihr Marsch dauern.
Nirgendwo wird das Versagen der europäischen Politik so sichtbar wie an den Grenzen Europas. Brežice passieren täglich Tausende von Menschen. Während Hilfswerke wie das Rote Kreuz mit bürokratischen Hürden und stockender medizinischer Versorgung kämpfen, wächst das Elend.

«Hier in Brežice nimmt eine humanitäre Katastrophe ihren Lauf», sagt Philipp Jordan. Der 41-jährige Migros-Magazin-Produzent reiste Mitte Oktober als Helfer an die Grenze zu Kroatien. Vermittelt wurden er und weitere Freiwillige von Tsüri hilft!, einer privaten Hilfsorganisation. Im Krisengebiet angekommen, schlossen sie sich der Westschweizer Gruppe Hope for Brežice an, die dort bereits Nothilfe leistete.

Überforderte Behörden

«Letzte Woche berichtete ein Arzt von Totgeburten, Tuberkulosefällen und Menschen, die massiv unterernährt sind», erzählt Jordan. Das Rote Kreuz, die Armee und die Polizei vor Ort seien überfordert. «Es braucht die Hilfe von Privaten, sonst kümmert sich niemand um die Flüchtlinge ausserhalb der Camps.» Zwischen 3000 und 5000 Menschen stehen jeweils an der slowenisch-kroatischen Grenze. «Sie kommen von Zagreb mit dem Zug im kroatischen Ključ Brdovečki an, wo sie aussteigen und über die Grenze nach Slowenien marschieren müssen.» Dort warten sie, bis sie in die Camps von Brežice und Dobova kommen. Die Polizei verhindert zeitweise die Abgabe von Essen, da die Gefahr einer Eskalation zu hoch sei.
«Bis jetzt haben wir Brot, Wasser und Medikamente selber organisiert und finanziert. Bis die EU endlich aktiv wird, liegt es an uns, die Würde Europas zu verteidigen», sagt Jordan. Gebraucht werden Isoliermatten, Decken, Zelte, Hygieneartikel, Konserven, Babynahrung und Winterkleidung.

Auch Geldspenden sind nötig. Zurückgekehrte Helfer sammeln bei Freunden und Familienangehörigen. «Ein österreichischer Grenzpolizist erzählte, dass sein Einsatz bis Ende Januar verlängert wurde. Man kann also davon ausgehen, dass die Katastrophe in diesem Ausmass weitergeht.» Hilfe von der EU ist nicht zu erwarten; die Behörden scheinen anderweitig beschäftigt zu sein.
Nachts ist es in Brežice gegen null Grad. Um stundenlang in der Kälte auszuharren, dafür sind die Flüchtlinge nicht ausgerüstet.

Mehr Informationen: Tsuerihilft.allyou.net

Brežice (rot markiert) im Google-Maps-Ausschnitt
Brežice (rot markiert) im Google-Maps-Ausschnitt, die ausgezogene schwarze Linie zeigt den Grenzverlauf Slowenien-Kroatien (östlich). Rechts unten die ersten Ausläufer der Metropole Zagreb.

Autor: Anne-Sophie Keller