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03. Oktober 2011

Helden der Natur

In der Schweiz engagieren sich Tausende von Freiwilligen für die Umwelt. Etwa die 17-jährige Lena Stamm, die Kindern auf Exkursionen die Natur näherbringt. Oder der Aargauer Markus Kaspar, der sich gegen Neueinzonungen wehrt. Dank Menschen wie ihnen ist die Schweiz ein wenig grüner.

Lena Stamm (17), St. Gallen «Nach einer Woche im Büro gehe ich gerne am Samstag in die Wälder

Bei der Notkersegg im Wald ob St. Gallen bekommen neun Kinder eine lustige Aufgabe: Sie sollen zwei Wildpflanzen sammeln, die essbar sind. Johlend stieben sie auseinander, zupfen hier ein Blatt vom Strauch, bücken sich dort in der nahen Wiese. Dann legen sie die Funde auf einer Zeitung aus, die auf dem Waldboden ausgebreitet liegt. Leiterin Lena Stamm (17) bestimmt die Kräuter: Brennnesseln, Gänseblümchen, Waldspinat, Sauerklee und Löwenzahn schaffen es problemlos auf den Teller.

Lena Stamms ganze Familie engagiert sich für die Natur

Einmal im Monat, jeweils am Samstag, zieht Lenas Naturschutz-Jugendgruppe St. Gallen, Sektion Pro Natura SG, mit den Knirpsen (sieben bis zwölf Jahre) los, um die Natur in der Umgebung von St.Gallen zu entdecken. Lena ist Pro-Natura-Leiterin und hat sich vor einem Jahr in einem wöchigen Kurs auf ihre Arbeit vorbereitet. Sie macht ihre Tätigkeit freiwillig — und mit Freude: «Wenn ich die ganze Woche im Büro bin, gehe ich am Samstag sehr gerne mit den Kindern in die Wälder oder an einen Fluss.» Lena ist Hochbauzeichner-Lehrtochter im zweiten Jahr in einem Architekturbüro in St. Gallen. Dort lebt sie in der Nähe des Waldrands. Die «Umweltader» hat sie von ihren Eltern geerbt; Lena ist in einem autolosen Haushalt aufgewachsen: Vater Martin engagiert sich beim VCS, Mutter Jeannette beim WWF. Bruder Michael (18) ist Abteilungsleiter bei der Pfadi, Schwester Elisa (14) ist Blauring-Leiterin. Die ganze Familie leistet Freiwilligenarbeit.

Die neun Schützlinge einen Nachmittag lang zu unterhalten und zu beaufsichtigen ist keine ganz einfache Sache. «Die sind manchmal wie ein Sack voller Flöhe», sagt Lena. Sie hat daher Unterstützung von Silvia Mettler (23), und diesmal ist auch Barbara Würth (28) mit von der Partie. Die beiden sind ehemalige Jugendleiterinnen. «Kindern die Freude an der Natur weitergeben, sie Dinge entdecken lassen, die auch mich faszinieren, das macht immer noch Spass», sagt Umweltwissenschafterin Würth. Im laufenden Jahr hat das Team mit den Kindern bereits verschiedene Themen behandelt: Im Winter wurden Nistkästen gesäubert und im Frühjahr gefährdete Frösche im Eimer über eine Autostrasse transportiert.

Um 17 Uhr trifft die Schar wieder im St. Galler Hauptbahnhof ein, wo die Eltern ihre Schützlinge abholen. Der Vater von Laura (12) und Lisa (10) ist sehr zufrieden, dass seine Töchter bei der Jugendgruppe mitmachen.«In der Freizeit, die immer mehr von Computern und elektronischen Spielen durchsetzt ist, müssen Kinder auch die Natur direkt erleben können.»

Markus Kasper (56), Möhlin AG «Wir müssen Orte wie den Burstel erhalten.»

Mit geübtem Auge erspäht Markus Kasper (56) in den dürren Grashalmen ein Heupferd, eine der anmutigsten Heuschreckenarten. Mit einer blitzschnellen Bewegung des Schmetterlingsnetzes fängt er das Insekt, damit er es in Ruhe betrachten kann. 15 weitere Arten hat der ausgewiesene Kenner von Heuschrecken bereits im Burstel, dem Naturschutzgebiet in Möhlin AG, ausgemacht, darunter die gefährdete blauflüglige Sandschrecke. Aber auch der Schachbrettfalter oder die wärmeliebende Feuerlibelle sind hier heimisch.— Ein Waldwasserläufer fliegt auf. «Das ist eine kleine Sensation; diesen Vogel sieht man höchst selten, und der Burstel scheint ihn anzuziehen», ruft Kasper begeistert. Der Dorfapotheker verbringt viel Freizeit in der Natur. Nächtelang, erzählt er, sei er einst im Burstel auf der Pirsch gelegen, bis er den seltenen Laubfrosch fotografisch habe nachweisen können. Und das Gleiche gelang ihm beim Erstnachweis der Südlichen Grille für den Kanton Aargau.

Das offene, kiesige Gelände des Burstels ist durchsetzt mit Tümpeln, Erdwällen, Sträuchern und Steinhaufen. Das sind ideale Bedingungen für viele Insekten, Amphibien und anspruchsvolle Vogelarten wie den Grauspecht und den Flussregenpfeiffer. Das zehn Hektar grosse Gebiet gehört zu den Prunkstücken unter den Aargauer Naturgebieten. Und bereits gilt es als Kandidat für das Bundesinventar der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung.

Vor 20 Jahren wäre die alte Kiesgrube im Gebiet Burstel in der Gemeinde Möhlin AG um ein Haar zugeschüttet worden. Die Erhaltung der wertvollen Brachfläche wurde durch engagierte Leute wie Markus Kasper vom Natur- und Vogelschutz Möhlin (NVM) möglich. Sie haben mit viel Herzblut und Überzeugungsarbeit Goodwill für Naturschutzanliegen bei Landbesitzern, Bauern, Behörden und der Öffentlichkeit geschaffen.

Naturprogramm für die Schule ins Leben gerufen

Bereits früher konnte der NVM erfolgreich ein Golfprojekt abwehren, und jüngst gelang es Markus Kasper zusammen mit Mitstreitern in einer Gemeindeversammlung gar, Neueinzonungen zu verhindern, die den wertvollen Naturraum der Gemeinde beeinträchtigen würden. Erstaunlich: Viele Bauern unterstützten das Anliegen der Naturschützer, da sie um ihre Fruchtfolgeflächen fürchteten. Unter der Trägerschaft des Natur- und Vogelschutzes Möhlin konnten mit vielen Bauern Ökoverträge zum Vernetzungsprojekt Möhliner Feld abgeschlossen werden. «Wir möchten das Möhliner Feld als eines der letzten unverbauten,grossräumigen Ackerbaugebiete im Kanton erhalten und ökologisch aufwerten», sagt Markus Kasper. Für ihren Einsatz erhielten die Möhliner Naturschützer 2010 den mit 50 000 Franken dotierten Preis der Walder-Bachmann-Stiftung. Selbstverständlich wurde das Geld sogleich in die Erweiterung des Burstels investiert.

Was sind die Triebfeder seines unermüdlichen Einsatzes für die Natur? «Wir müssen Orte wie den Burstel erhalten, damit sich auch künftige Generationen an der Natur begeistern können.» Darum hat Kasper das Programm «Nasch(Natur und Schule)2003» ins Leben gerufen. Jedes Jahr finden Anlässe mit 20 bis 30 Schulklassen aus Möhlin statt. Oft führt die Exkursion in den Burstel, wo die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel beim Ausreissen von Berufkraut mithelfen. Die Pflanze verbreitet sich schnell und gehört zu den Neophyten. Das sind Arten, die in einem Gebiet nicht heimisch sind und irgendwie eingeschleppt wurden. Die Arbeit wird freiwilligen Naturschützern wie Markus Kasper also nicht so schnell ausgehen.

Esther Rieder (73), Aeugst am Albis ZH «Wenn etwas getan werden muss, gibt es für mich keine Hürden.»

Esther Rieder stellt in ihrer Garage Nistkästen her.

Hinter dem Klubhaus des Natur und Vogelschutzvereins Bezirk Affoltern steht eines der grössten Wildbienenhotels weit und breit. Esther Rieder hat es mit Kindern gebaut. Aus Lehm, alten Schneckenhäusern oder Holunderästen und Rohrteilen wurden Schlupfgelegenheiten geschaffen, die von unzähligen nützlichen Insekten besetzt sind. «Aus nichts etwas machen» ist das Motto der naturbegeisterten Seniorin.

«Man kann die Leute mit seiner Freude an der Natur anstecken»

Esther Rieder scheut keinen Aufwand. «Wenn etwas getan werden muss, gibt es für mich keine Hürden.» Beispiel: Ein grosses Hochwasserrückhaltebecken des Bezirks Affoltern hat sie zusammen mit der Pfadi Affoltern mit Hunderten einheimischer Sträucher aufgeforstet. Auf ihre Initiative hin legen heute sieben Gemeinden im Knonauer Amt bei Baugesuchen jeweils ein Merkblatt mit einheimischen Sträuchern bei. «Man kann so viel tun, damit Vögel und Schmetterlinge mehr zu ihrem Recht kommen», sagt sie. Zum Tag der Biodiversität hatte sie vor zwei Jahren rund um Aeugst am Albis einen Parcours eingerichtet. An den 13 Posten gab es Infos zu Vögeln, Blumen und Insekten. An diesem Tag durfte jedes Schulkind einen «Vogelstrauch» setzen, den die Schulpflege gespendet hat. Jedes Kind konnte ein Holztäfeli an den Strauch hängen; auf einem stand geschrieben: «Bitte mich nicht fällen, Melanie ». Der Anlass sei ein grosser Erfolg gewesen, sagt Esther Rieder. «Man kann die Leute mit seiner Freude an der Natur anstecken», ist sie überzeugt. «Plötzlich ist die Natur kein Buch mit sieben Siegeln mehr.»

Esther Rieder kennt den Begriff Feierabend nicht

In Aeugst am Albis gilt Esther Rieder als Anlaufstelle für Fragen rund um die Natur. Vogel aus dem Nest gefallen? Igel läuft am Tag herum? — Für Esther Rieder gilt der Begriff Feierabend nicht. An Herbstabenden oder Samstagen trifft man sie in ihrer zur Schreinerei umfunktionierten Garage, wo sie Interessierten Anleitung zum Nistkastenbau gibt. Der Nistkastenbau ist ihre grosse Leidenschaft. «Es kommt ganz entscheidend darauf an, welche Form ein Nistkasten hat, wie gross die Öffnung ist und wie die Vogelbrut gegen Räuber geschützt werden kann.»

Ein von Esther Rieder gezimmertes Vogelhaus für den Gartenrotschwanz.
Ein von Esther Rieder gezimmertes Vogelhaus für den Gartenrotschwanz.

Über die Jahre hat Esther Rieder ein Netz von Helfern aufgebaut; 19 Aeugster Familien betreuen Vogelreviere um das 1200-Seelen-Dorf, putzen Nistkästen und schauen nach dem Rechten. Esther Rieder hat auch einen guten Draht zu den Bauern. Sie berät die Landwirte und sagt ihnen, welche Nistkästen sie aufhängen können, damit sie dem Lebensraum eines bestimmten Vogels eben nützen. Und die Bemühungen von Esther Rieder haben Erfolg: Nach längerem Unterbruch konnte man in der Umgebung von Aeugst am Albis erstmals wieder zwei Wendehälse beim Brüten beobachten.

Autor: Stefan Hartmann

Fotograf: Tina Steinauer