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06. Mai 2013

«Heiterkeit gehört zu meinem Grundcharakter»

Urs Widmer gehört zu den profiliertesten Schriftstellern der Schweiz. Am 21. Mai feiert er seinen 75. Geburtstag. Der Autor über die Handlung seines neuesten Werks, das Altern, die negative Entwicklung der Wirtschaft und den positiven Wandel der Schweiz.

Schriftsteller Urs Widmer
Schriftsteller Urs Widmer vor seinem Atelier im Zürcher Stadtteil Hottingen: «Ich schreibe nicht mehr 17 Stunden pro Tag wie einst.»

Schreibendes Multitalent: Urs Widmer brillierte als Theaterautor, Essayist, zuallererst aber als Erzähler. Migrosmagazin.ch verrät seine ausser­gewöhnlichsten Werke: Zum Artikel

Urs Widmer, am 21. Mai werden Sie 75 Jahre alt. In Ihrem Roman «Herr Adamson» lassen Sie das Ich am 94. Geburtstag im Jahr 2032 versöhnlich sterben. Denken Sie tatsächlich so heiter über den Tod?

Eine gewisse Heiterkeit gehört zu meinem Grundcharakter. In diesem Buch gamble ich mit dem Tod um die Wette. Literatur ist immer ein Spiel. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ebenfalls an meinem 94. Geburtstag sterben werde.

Am Ende von «Herr Adamson» bricht die Erzählung der Hauptfigur mitten im Satz ab, die Hauptfigur stirbt. Ist unser, ist Ihr Leben eine andere Form von Roman?

Das ist es tatsächlich. Weil mir sozusagen nichts anderes übrig geblieben ist, habe ich Anfang Jahr ein weiteres Buch abgeschlossen. Es ist eine Autobiografie, heisst «Reise an den Rand des Universums» und erscheint im Herbst. Schon bei der ersten geschriebenen Zeile merkte ich, so sehr ich auch authentisch und wahrheitsgetreu sein wollte, dass ich erfinde. Es geht gar nicht anders, als eine Erinnerung so zu gestalten, dass sie zu einer Geschichte mit Form und Struktur wird.

Ich bin der Letzte, der findet, die Jungen von heute seien weniger intelligent als früher.

Was erwartet uns in Ihrem neuesten Buch?

«Reise an den Rand des Universums» handelt vor meiner Zeit des Bücherschreibens, von Kindersachen, der Beziehung zu den Eltern, dem Erwachen der Triebe, von der ersten Liebe, der zweiten und dritten. Mein Leben ordnete sich seltsamerweise in 10er-Blöcke. 1938 bin ich geboren, 1948 musste ich mein Kindheitsparadies verlassen, im ominösen Jahr 1968 fand ich meine Frau, heiratete, zog nach Frankfurt und schrieb mein erstes Buch «Alois».

Womit sind Sie aktuell beschäftigt?

Ich bin ein Dichter in Rente und habe das Recht, nicht mehr so viel zu arbeiten, habe aber in dieser Zeit immerhin ein Theaterstück geschrieben. Es geht ein letztes Mal um Ökonomie. Aber nun in der Welt der Bücher. Es ist eine Hommage an eine verschwindende Welt.

Meinen Sie damit, dass Bücher bei der jüngsten Generation gar keine Chance mehr haben?

Nein. Ich bin der Letzte, der findet, die Jungen von heute seien weniger intelligent als früher. Aber selbstverständlich haben sich die medialen Möglichkeiten erweitert. Ich arbeitete noch mit Verlegern zusammen, die gleichzeitig Drucker mit schwarzen Händen waren. Das Buch wird aber auch noch die nächste Generation überstehen.

Sie schreiben seit über vier Jahrzehnten. Fällt es Ihnen mit 75 Jahren schwerer als zu Ihren Anfängen?

Ich bin müder geworden. Und wenn man müder ist, schreibt man nicht mehr 17 Stunden pro Tag wie einst. Sonst fällt mir das Schreiben eher leichter.

Nur haben Sie immer erst am Mittag mit dem Schreiben angefangen.

Nun, ich schrieb manchmal die Nacht bis morgen um 4.30 Uhr durch. Danach ging ich schlafen. Heute fange ich mittags an und höre um 16, 17 Uhr auf.

Sie schauen auf die Uhr?

Nein, überhaupt nicht. Ich achte auf mein Gefühl. Heute habe ich überhaupt keinen Druck. Früher wurde ich von Dämonen gehetzt. Nun bin ich viel gelassener geworden. Und doch: Wenn es um die Wurscht geht, ist jedes Kunstwerk von Neuem schwierig. Ich bin immer wieder ein Anfänger. Gleichzeitig weiss ich, wie der Hase läuft, mache bestimmte Fehler nicht mehr.

Beispielsweise?

Ich bleibe nicht mehr stundenlang vor der Schreibmaschine hocken und denke, dass die Inspiration vielleicht doch noch kommt. Wenn nichts ist, ist nichts. Diese Kunst geschieht, sie lässt sich nicht herbefehlen.

Was waren die grössten Fehler, die Sie gemacht haben?

Ich finde, ich habe meinen Weg mit allen Widerständen richtig gemacht und dabei genug Geduld bewiesen, indem ich die Literaturwelt nicht sofort erobern wollte. Meine allerersten Werke rochen deutlich nach Avantgarde. Ich schrieb erst sehr hermetisch. Heute ist meine Sprache geradezu verständlich.

Sie haben bewusst unverständlich geschrieben?

Nein, aber ich habe es nicht verhindert. Es war aber auch ein Missverständnis: Wenn man Anfänger ist, denkt man, die Leser verstehen einen bestimmt. Tun sie aber nicht, denn sie ticken nicht gleich wie ich. Ich nehme heute mehr Rücksicht auf den Leser als früher.

Ich schreibe lange im Kopf und bin der Ansicht, dass das, was vergessen geht, zurecht vergessen geht.

Schreiben Sie noch immer auf Ihrer elektrischen Schreibmaschine?

Erstens schreibe ich lange im Kopf und bin noch immer der Ansicht, dass das, was vergessen geht, zu Recht vergessen geht. Meistens weiss ich auch gleich den ersten Satz, den ich bewusst nicht notiere. Wenn mir dieser Satz abhanden kommt, ist dies kein Zufall. Irgendwann folgt dann der Moment, in dem der Innendruck zu gross wird, ich zu viel Stoff habe, der sprudelt. Diesen schreibe ich von Hand mit Filzstift in ein Notizbuch für Aquarellisten. Die Bücher sind schweineteuer, haben aber ein schönes Papier. Erst dann kommt die Maschine an die Reihe. Jede Seite schreibe ich bestimmt nochmals fünf bis zehn Mal ab.

Und schreiben Sie auch um?

Selbstverständlich. «Ab» sagte ich, weil es oft passiert, dass ich einen Tippfehler sehe. Dann schreibe ich den Text nochmals ab, und er wird nochmals kürzer.

Benützen Sie für Ihre Arbeit auch das Internet?

Ja, ich lasse meine Tochter nach bestimmten Wikipedia-Begriffen googlen. Das kommt allerdings nicht sehr häufig vor und nur dann, wenn meine immer älter werdenden Lexika versagen. Bei meiner Prosa recherchiere ich jedoch nicht. So hat ein Buch eine ganz andere Entstehungsgeschichte, als wenn es auf dem Computer produziert wird und ganze Textteile herumgeschoben werden. Computer sind eine beachtliche Erfindung. Aber das schnelle Einfügen von Texten halte ich für tödlich.

Sie schreiben nicht mehr 17 Stunden. Was machen Sie mit der gewonnenen Zeit?

Müde sein, schlafen, zum Arzt gehen. 75 Jahre sind 75 Jahre. Ich bin kein kranker Mensch. Philip Roth sagte einmal, das Altern sei ein Massaker. Das ist zwar eine schön formulierte Koketterie. Nur ist was dran. Komischerweise bleibt meine Seele aber heiter-stabil. Sicher, ich kann nicht mehr «seggle», keine Bergtouren machen und nur noch spazieren. Das sind Verluste.

Ihr Nachbar ist der Schriftsteller Charles Lewinsky. Tauschen Sie sich mit ihm aus?

Literarisch nur insofern, als wir unsere Bücher lesen. Wir treffen uns jedoch ab und zu und unterhalten uns über Gott und die Welt, nicht unbedingt über die Literatur. Das ist sehr angenehm und bereichernd.

Aber Manuskripte tauschen Sie nicht aus?

Nein, meine Frau ist meine erste Leserin — eine hervorragende dazu. Sie gibt mir matchentscheidende Tipps, die aber nie sprachlicher Natur sind. Sie sagt beispielweise: «Seiten 53 bis 87 sind ein wenig langweilig.» Das ist dann zwar schmerzhaft für mich, weil es mit viel Arbeit verbunden ist. Nur hat sie immer recht, und ich streiche dann ganze Passagen. Das heisst, dass ich den Rest nochmals schreiben muss. «Herr Adamson» hat bei diesem Vorgang bestimmt 50 Seiten verloren.

Verlassen wir die Literatur: Für den Schriftsteller Paul Nizon war es die Enge der Schweiz, die ihn ins Ausland trieb. War Ihre Zeit in Frankfurt von 1967 bis 1984 nur beruflich bedingt?

Ich wollte damals weg von der Schweiz. Der Zwinglianismus hatte sich ja auch noch nicht in die fast schon mediterrane Heiterkeit von heute verwandelt. Ich war zuerst zwei Jahre in Frankreich, kam zurück in die Schweiz, lachte mir meine Frau an und nahm sie mit nach Frankfurt. Die Zeit im Suhrkamp-Verlag als Lektor für deutsche Literatur war für mich sehr bereichernd. Auf einen Schlag lernte ich die Autoren jener Zeit kennen.

Weshalb kamen Sie in die Schweiz zurück?

Urs Widmer: «Meine Frau ist meine erste Leserin. Sie gibt mir matchentscheidende Tipps.»
Urs Widmer: «Meine Frau ist meine erste Leserin. Sie gibt mir matchentscheidende Tipps.»

Weshalb wählten Sie Zürich und nicht Basel als Wohnort?

Weil ich mich in Basel auf den alten Trampelpfaden bewegt hätte. Ich wollte ein eigenes Leben anfangen. Und Zürich kannte ich von der Arbeit am Theater. Meine Frau baute sich hier, in Hottingen, eine Praxis für Psychoanalyse auf, und ich einen Handwerkbetrieb für Dichtungen aller Art.

Wie hat sich die Schweiz seit Ihrer Rückkehr verändert?

Sie hat sich ungeheuer positiv entwickelt. Früher war die Schweiz ein verstocktes Land mit Autoritätspersonen in Uniformen wie Hausabwarten und Kondukteuren, die einen in einem Herrscherton zusammengeschissen hatten, dass sogar die Väter Angst bekamen. Summa Summarum ist die Schweiz ein höfliches, fast schon lustiges Land geworden — insbesondere Zürich, wo man noch vor nicht allzu langer Zeit um 23.30 Uhr aus dem Restaurant musste.

Sie gelten seit Jahren als Befürworter eines Beitritts zur Europäischen Union. Haben Sie Ihre Meinung etwas geändert seit den grossen Finanzkrisen in Griechenland und Zypern?

Die Länder sind nicht der Grund für meine aktuelle Zurückhaltung. Es sind die Wirtschaftspolitik und die Bürokratisierung: In der EU läuft nicht alles, wie ich es für gut erachte. Der Satz «Die EU soll doch auf die Schweiz achten und es so machen wie unser Land» gefällt mir. Toleranter Föderalismus. Andererseits ist die Idee «Europa» etwas absolut Fantastisches und hat uns abgesehen vom Balkan während 68 Jahren Frieden gebracht. Das ist eine ungeheure Leistung, haben sich doch die Europäer zuvor während 800 Jahren totgeschlagen.

Im Essay «Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück» greifen Sie virulent die Perversion an, dass die Wirtschaft von der Realität immer stärker abgekoppelt wird. Müsste man die Börsen der Welt glatt verbieten?

Die perverseste Sendung des Schweizer Fernsehens ist jene über die Börse vor der «Tagesschau». Sie tut so, als ob unser aller Schicksal davon abhängt, dass die Roche-Aktie um 0,1 Prozent zugelegt hat. Klar: Die Banken sollen weiterhin existieren, weil der Schraubenhändler um die Ecke, aber auch der Buchhändler irgendwann einmal einen Kredit benötigt. Der spekulative Teil jedoch, wo Geld mit Geld gehandelt wird, der muss ersatzlos gestrichen werden. Niemand weiss, wie viel Geld es gibt, wo es ist und was es macht. Das ist ein Zustand von hoher Perversion. Auf dieser Ebene ist ein ganzer Sektor wahnsinnig geworden, und wenn einmal alle wahnsinnig sind, erkennt man den eigenen Wahnsinn nicht mehr.

Niemand weiss, wie viel Geld es gibt, wo es ist und was es macht. Das ist ein Zustand von Perversion.

Glauben Sie, dass sich die Stimmung in der Schweiz mit der Annahme der Abzocker-Initiative gekehrt hat?

Zwei Gruppen von Menschen haben ihre Haltung geändert: Das Volk glaubte jahrelang, solche Managerlöhne seien ganz einfach normal. Verunsichert sind aber auch die Manager selbst. Nur noch der harte Kern versucht, die Löhne durchzudrücken — die eigene Bereicherung ist doch etwas sehr Interessantes.

Sie erhalten im Vorfeld Ihres 75. Geburtstags am 10. Mai an den Solothurner Literaturtagen einen speziellen Auftritt. Fühlen Sie sich als Schriftsteller singulär?

Ja, Ein bisschen schon. Es sollte möglich sein, fünf, sechs Zeilen eines guten Autors zu lesen und sofort sagen zu können: «Das kann nur Walser oder Kafka sein.» Auch mir ist ein eigener Ton zugewachsen. Das ist wunderbar. Und so gesehen bin ich singulär. Das Gleiche gilt auch für Peter Bichsel oder Charles Lewinsky.

Wie gut ist es um den Nachwuchs bestellt?

Zur Zeit von Gottfried Keller schrieben einzig er und Jeremias Gotthelf. Die Schweiz hatte nur zwei Dichter. Dann wurden es immer mehr, und heute hat statistisch gesehen jeder Schriftsteller einen Leser. Ich mag Bücher von jungen oder halbjungen Schriftstellern wie Ursula Timea Rossel, Pedro Lenz, Arno Camenisch oder Raphael Urweider. Sucht man allerdings nach Schriftstellern im pathetischen Sinn, die ein Leben lang von ihrem Schreiben leben, sind es plötzlich sehr viel weniger. Der Job ist aber auch huere schwer. Ich bin glücklich über mein erfolgreiches Leben. Das war und ist jedoch eine konstante Anstrengung.

Autor: Reto Wild, Reto Meisser

Fotograf: Jorma Müller