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14. Juli 2014

Heitere Fahne!

Tatkräftige Leute, lebensfrohe Ideen, viel Idealismus und Gastfreundschaft – das ist die Kulturbeiz Heitere Fahne in Bern. Ein Vorbild für die Schweiz.


Fipu und Katja 
sind für den Betrieb 
der Gaststube zuständig.

Fipu und Katja 
sind für den Betrieb 
der Gaststube zuständig.

Es weht ein frischer Wind durch Berns Kulturleben, aufgewirbelt von der Heiteren Fahne, einem Restaurant und Kulturlokal in Wabern am Fuss des Gurtens. Seit gut einem halben Jahr herrscht in der ehemaligen Brauereiwirtschaft, die lange geschlossen war, richtig viel Betrieb: An drei Tagen die Woche ist die Gaststube zurzeit geöffnet, dazu gibt es regelmässig Lesungen, Konzerte, Kinderspielnachmittage und Wochenenden voller Theater, Musik, Mode, Flohmärkte und Partys. Das Besondere: Hier sind vor und hinter dem Buffet, auf der Bühne und im Publikum immer wieder behinderte Menschen anzutreffen. Sie werden hier «Menschen mit Besonderheiten» genannt.

«Wir wollten einen Ort schaffen, der Kultur und Gastronomie mit Integration und Sozialleben verbindet», sagt Felicia Kreiselmaier (34). Sie steht mit Hannes Hergarten (33) und Rahel Bucher (35) auf der Terrasse vor dem Eingang. Die drei halten eine improvisierte Sitzung ab, besprechen, was ansteht, was es Neues gibt, was noch zu tun ist. Sie sind die Initianten der Heiteren Fahne.

Freiwilligenarbeit ohne Lohn, dafür in guter Gesellschaft

Die Frühlingssonne scheint warm auf die geräumige Terrasse, überall wieselt jemand herum und macht etwas: die Lichterkette für den Abend aufhängen, die Dekoblumen arrangieren, die Paletten mit Kissen drapieren, die Tische und Stühle am richtigen Ort platzieren, das hölzerne Riesenpferd an einen passenden Ort stellen, den Boden wischen, aufräumen, das Abendbuffet vorbereiten. Es ist Freitag, auch heute ist wieder was los: kurdisches Neujahr – mit grossem Buffet, Feuershow und Livemusik.

Pablo und Ismael (rechts) kümmern sich um das leibliche Wohl der Gäste.
Pablo und Ismael (rechts) kümmern sich um das leibliche Wohl der Gäste.

Die Heitere Fahne funktioniert als Kollektiv. Eine Gruppe von etwa 40 Leuten zwischen 17 und 60 Jahren hilft regelmässig mit. Jeder bringt sein Können und Wissen ein. «Es zählen die Stärken jedes Einzelnen. Und die Lust, mitzumachen», sagt Felicia. Jeder übernimmt für das, was er macht, Verantwortung – und es funktioniert.

Etwa 20 Leute gehören zum harten Kern. Viele davon sind fast täglich da, sie stellen das feste Küchen- und Servicepersonal, organisieren Anlässe, kümmern sich um die Haustechnik, realisieren Theaterstücke und Führungen durchs Haus, beantworten die vielen Anfragen, erledigen Pressearbeit und die ganze Administration. Geld verdient im Moment keiner, wer mitmacht, tut es aus purem Idealismus. Denn was an Geld reinkommt, wird für Miete, Nebenkosten und Instandsetzung gebraucht.

«Lohn gibt es in Form von schönen Abenden, guter Gesellschaft und Zusammengehörigkeit», sagt Rahel. Sie arbeitet etwa 30 Stunden pro Woche. Wie Felicia und Hannes auch. Dass in der Heiteren Fahne ihre ganze Freizeit draufgeht, ist ihnen egal. «Wir leben einen Traum», meint Felicia. Ihren Job hat die promovierte Anglistin schon vor einer Weile aufgegeben. Denn in der Heiteren Fahne stecke viel mehr Lebenssinn.

«Wo kannst du schon so etwas machen?», sagt Hannes. «Die Jugend integrieren, Generationen zusammenbringen, behinderten Menschen eine Aufgabe geben, kollektives Glück leben. Das ist sehr reizvoll. Und einzigartig. Es gibt nichts Besseres als das.» Hannes ist Sozialarbeiter und in einem Behindertenheim aufgewachsen, in dem seine Eltern tätig waren. Menschen mit Benachteiligungen im Alltag zu integrieren, war schon immer ein Teil seines Lebens.

«Es war schon lange der Wunsch da, einen eigenen Raum zu haben, um Projekte zu verwirklichen», sagt Rahel. Sie ist Dramaturgin und Journalistin. In ihren Theaterprojekten stehen Profis gemeinsam mit Behinderten auf der Bühne. «Ich will in meinem Leben zusammen mit anderen Menschen etwas verwirklichen», meint sie. «Und nicht alleine etwas vor mich her wursteln.»

Da bleibt kein Teller leer: Das Buffet mit kurdischen Spezialitäten schmeckt den Besucherinnen
Da bleibt kein Teller leer: Das Buffet mit kurdischen Spezialitäten schmeckt den Besucherinnen.

Sie erzählen, wie sie vor sechs Jahren das Kollektiv «Frei-Raum» gegründet haben, einen Verein, der seither Anlässe wie das «Säbeli Bum» organisiert, ein eintägiges Musik- und Theaterfestival, bei dem auch Menschen mit Behinderung dabei sind. Vor eineinhalb Jahren haben sie die brachliegende ehemalige Brauereibeiz mit dem umwerfend schönen Theatersaal entdeckt und alles darangesetzt, sie neu beleben zu dürfen.

Auf der Terrasse stehen nun die Tische und Stühle so, wie sie sollen, die Lichterketten sind installiert, die Paletten sind mit Kissen gedeckt. Andrea (24) hat die Tische fürs Buffet mit Leintüchern überzogen und mit Blumensträussen dekoriert, Ella (19) beschreibt die Schiefertafel mit schwungvoller Schrift, Ismael trägt den Grill zum Buffet. Raffi (30) installiert sein Feuerwerk. Eines, das nicht laut knallt – wegen der Nachbarn.

«Wenn du hier mitmachst, dann packt es dich einfach»

Jak (31) und Niki (22) werkeln an einem grossen farbigen Schriftzug und hängen die farbigen Buchstaben danach an die Fassade. «Ich kann Ideen verwirklichen, die ich alleine nie machen könnte», sagt Jak. Er ist begeistert von der Heiteren Fahne. «Hier kann ich mit meinen Freunden zusammen sein, was will ich mehr?»

Rahel ist ausgebildete Dramaturgin und verwirklicht zusammen mit anderen Theaterfans auf der Bühne im grossen Saal ihre Ideen. Dazu gehören Stücke, die Menschen mit Behinderung integrieren.
Rahel ist ausgebildete Dramaturgin und verwirklicht zusammen mit anderen Theaterfans auf der Bühne im grossen Saal ihre Ideen. Dazu gehören Stücke, die Menschen mit Behinderung integrieren.

Fipu (36), der schaut, dass mit dem Buffet, den Tellern, Gläsern, dem Besteck und den Getränken alles klappt, ist ebenso begeistert. «Wenn du hier mitmachst, dann packt es dich einfach», sagt der gelernte Maurer. Er ist bereits zu Beginn dazugekommen, letzten Sommer, als Felicia, Rahel und Hannes Leute suchten, die auch mitmachen wollten. Er erinnert sich, wie sie sich im Theatersaal trafen, sich irgendwo hinsetzten, wo es gerade ging, inmitten des Gerümpels, der angesammelten Möbel, dem Material, das sich im brachliegenden Theatersaal über 13 Jahre angehäuft hatte. Sie waren etwa 80 Leute gewesen, eine kunterbunte Truppe von Interessierten – Sozialarbeitern, Akademikerinnen, Künstlerinnen, Handwerkern, Gastronomen. Sie besprachen, wie sie diese Räumlichkeiten zum Leben erwecken wollten, und fingen an, das Restaurant zu entrümpeln, auszusortieren, zu renovieren, zu reparieren und instandzusetzen.

Fipu half zuerst beim Renovieren, heute leitet er mit Katja (36), Pablo (32) Ismael (35) und Ramona (26) die Gastronomie. Das alles neben Job und Familie. Auch wenn es streng ist, irgendwie geht es immer. «Die Heitere Fahne ist ein Planet, der dich einnimmt.»

«Die Motivation ist ganz anders, als wenn es ums Geldverdienen geht», meint Ramona. «Es ist auch eine Plattform für Leute, die etwas machen wollen und sich sonst nicht getrauen.»

Eine Begleitung nach Hause gehört zum «Service»

Auch die Nachbarn freuen sich über den Betrieb. Astrid (59), die seit 34 Jahren auf der gegenüberliegenden Strassenseite wohnt, schwärmt: «Endlich ist wieder was los.» Ihr gefällt es, auf so viele interessante Leute und gelungene Anlässe zu treffen. Sie war noch nicht oft hier, weiss aber, dass sie wiederkommen wird.

Der Abend hat sich nun über den Platz gesenkt, das Buffet ist aufgetischt, die Terrasse füllt sich mit Leuten, in der Mitte brennt ein Feuer. Beim Eingang rings um die Aschenbecher wird geraucht, eine Schlange von Leuten steht vor dem Buffet. Ismael steht am Grill, brätelt Lammspiesschen, die Grüppchen sammeln sich an Tischen, es wird gegessen, getrunken, geredet. Kinder spielen herum. Musik tönt aus den Boxen, jemand fängt an zu tanzen.

Draussen ist es trotz des Feuers kühl, wer die dicke Winterjacke zu Hause hat und nicht tanzen mag, um warm zu kriegen, sitzt mittlerweile drinnen in der heimeligen Gaststube mit den getäferten Wänden. Marlies (79) und Heidi (79) sind ebenfalls Nachbarinnen – und inzwischen Stammgäste. Kein Wunder. «Wir fühlen uns immer sehr willkommen, sie sind alle sehr nett und freundlich», sagt Marlies. «Sie sind auch so fröhlich», sagt Heidi.

«Und wenn wir mal da sind, haben wir Sitzleder!», fügt sie augenzwinkernd an. Wird es spät am Abend, brauchen sie sich keine Sorgen um den Heimweg zu machen. In der Heiteren Fahne gehört es dazu, dass man sich um seine Gäste kümmert. Nachbarinnen wie Marlies und Heidi begleitet man zu später Stunde gerne nach Hause. Heute wird es Yanick (23) sein, der sie kurz vor Mitternacht sicher heimbringt.

Bedient werden sie von Thomas (38) und Fränzi (48), sie gehören zu den Menschen «mit Besonderheiten», die regelmässig hier arbeiten. Einmal pro Woche sind sie im Service im Einsatz. Braucht es am Wochenende einen Conférencier, so steht meist Thomas mit rotem Zylinder und edlem Frack auf der Bühne.

Partner, finanzielle Unterstützung – ohne gehts nicht

Bei aller Begeisterung und allem Elan, die Integration ist kein einfaches Pflaster. In der Heiteren Fahne sollen mehr Leute wie Thomas und Fränzi ihren Platz finden. «Wir wollen feste Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen und die individuelle Betreuung mit der Zeit institutionalisieren. Dafür brauchen wir Partner», erklärt Felicia. Und finanzielle Unterstützung. Auf dem Weg dahin will sich die Heitere Fahne genügend Zeit lassen, um sich auszuprobieren, Kontakte zu knüpfen und mit anderen Institutionen zusammenzuspannen.

Ziel ist es auch, dass für die geleistete Arbeit irgendwann eine Art Entschädigung bezahlt werden kann. Angst, dass sich Stimmung und Motivation mit Geld verändern werden, haben sie nicht: «Ein Teil wird immer Freiwilligenarbeit sein», sagt Felicia. Hier wird es nie so viel Geld wie anderswo geben. «Wir leben mit einem anderen Entlöhnungssystem – wunderschöne Abende, leuchtende Augen, fröhliche Menschen, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.»

Fee neben einem Plakat der Heiteren Fahne.
Fee neben einem Plakat der Heiteren Fahne.

Obwohl ihr Weg ein sehr eigener ist, sind sie keine Rebellen, welche die Gesellschaft umkrempeln wollen. Sie glauben auch nicht, Patentlösungen für gesellschaftliche Probleme zu besitzen. Sie wollen innerhalb der Gesellschaft aktiv sein und die Regeln befolgen. Alles, was die Heitere Fahne will, ist eine Alternative bieten. «Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht», sagt Rahel. «Anders als nur immer mit Geld – dafür mit viel Herzlichkeit.»

Sie haben Erfolg damit, die Anlässe sind gut besucht, «Ron Orp», der angesagte Newsletter der Stadt, publiziert praktisch jede Veranstaltung, Kulturschaffende schwärmen von der Heiteren Fahne, der Präsident des Quartiervereins und -leists Wabern freut sich über den neuen Farbtupfer im Dorf.

Die Stimmung heute Abend ist gut, locker, unbeschwert. Wie eigentlich immer in der Heiteren Fahne. Es liegt viel wohltätiges Gedankengut in der Luft, und doch herrscht kein Weltverbesserungsanspruch, kein Dogma, das den Idealismus beschwert. Die Heitere Fahne schafft einen einzigartigen Mix, verbindet soziales Engagement mit Begeisterung für Kultur, mit Lust am Ausgang, Freude an Partys und dem Mut, alternative Wege zu beschreiten. Sie ist unaufgeregt und doch voller Enthusiasmus. Sie ist cool, ohne es sein zu wollen.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Tom Wüthrich