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09. Januar 2012

Heisses Depot

Er hat einen der schwierigsten Jobs der Schweiz: Walter Heep ist Chef des Zwischenlagers für Atomabfälle in Würenlingen. Bis ein Endlager gefunden und gebaut ist, wacht der Deutsche über die gefährliche Ware.

Walter Heep
Walter Heep, Geschäftsführer des Zwischenlagers für Atomabfälle in Würenlingen, demonstriert es: Die Abfälle im Castor-Behälter geben starke Wärme ab. Und das noch jahrelang.

Die Kontrollschleuse spricht deutsch: «Bitte Füsse positionieren.» Die Anweisungen sind präzise: «Bitte umdrehen.» Dann folgt die Entwarnung: «Vielen Dank, keine Kontaminierung, bitte durchgehen.» Ziel erreicht. Der Besuch im Zwischenlager für Atomabfälle, kurz Zwilag, in Würenlingen AG hat keine Spuren hinterlassen.

Wohl aber 40 Jahre zivile Nutzung von Kernenergie. Seit dem Bau des Zwilag vor zehn Jahren geht der gesamte radioaktive Abfall nach Würenlingen. Hier wird er aufbereitet und verpackt, um irgendwann in einem Tiefenlager vergraben zu werden. Wo das sein wird, ist noch offen. In Betracht kommen fünf Gebiete in der Nordostschweiz und die Region Wellenberg NW. Sondierbohrungen wurden bis jetzt erst an einem Ort durchgeführt: in Benken ZH. Dennoch ist die Aufregung überall gross, der Widerstand zum Teil vehement. Obwohl der Bundesrat kürzlich entschieden hat, die Suche nach dem besten Standort betreffe weiterhin die genannten sechs Regionen. In Schweden wollen etliche Gemeinden Endlagerstandort werden. Denn nicht nur der Ort, der das Rennen macht, bekommt eine Abfindung, sondern alle, die sich beworben haben.

In der Schweiz kann ein Endlager frühestens in 20 Jahren in Betrieb genommen werden, schätzen Experten. Und nur, wenn Evaluationsverfahren und Bau ohne grös- sere Verzögerungen über die Bühne gehen. Bis dahin bleibt der Abfall in Würenlingen. Und täglich kommt neuer dazu. Das regt keinen der 4200 Einwohner auf. «Es gibt keinen Grund», sagt Gemeindepräsident André Zoppi. «Das Zwilag wird sicher betrieben und pflegt eine offene Informationspolitik. Die Bewohner werden regelmässig über alles unterrichtet, was hier passiert.» Dem Ja der Würenlinger 1989 waren zwar lange Diskussionen vorausgegangen. «Die politische Lobbyarbeit hat sich jedoch gelohnt», sagt Zoppi. «Sie ist die Grundlage dafür, dass das Zwilag bei der Bevölkerung gut akzeptiert ist.» Etwa 1 050 000 Franken Abgeltung plus 90 000 Franken Steuern bekommt die Gemeinde jährlich von der Zwilag. Die vier Nachbargemeiden erhalten zusammen 600 000 Franken. Der Standort Würenlingen liegt strategisch günstig. Es sind keine zehn Kilometer bis zu den AKW Beznau und Leibstadt und nur knapp 30 Kilometer bis Gösgen. Die Produktion von Atomstrom ist ein Wirtschaftsfaktor. Rund 600 Menschen finden in den zwei benachbarten AKW Arbeit, im Zwilag selbst sind es 63. «Dazu ist das ­Zwilag Auftraggeber für das örtliche Gewerbe und die Gastronomie», sagt Gemeindepräsident Zoppi. Der Bau hat 500 Millionen Franken gekostet. Finanziert wurde er von den Besitzern, den Schweizer Atomkraftwerken. Das Zwilag tut sein Bestes. Auch in Sachen Imagepflege. Besuchergruppen sind willkommen. Dauer der Führung: zwei Stunden, Kosten: keine. Voranmeldung ist zwingend, und ohne gültiges Identitätsdokument gelangt man nicht einmal bis zum Parkplatz. «Sicherheit hat bei uns absolute Priorität», erklärt Walter Heep, Geschäftsführer des Zwilag. Damit meint er Schutz vor Werkspionage, Sabotageakten und natürlich vor Strahlung: «Alles ist auf dem Vermeidungsprinzip aufgebaut. Jeglicher Kontakt zwischen Menschen und ­Gegenständen ist auf ein absolutes Minimum zu redu- zieren.» Besucher bekommen weisse Mantelschürzen, Häubchen und Schuhüberzieher. Auf dem Rundgang ist die gelbe Bodenmarkierung millimetergenau zu respektieren, Unfug zu unterlassen.

«Jeder Mitarbeiter wird radiologisch überwacht», sagt Walter Heep, «die Strahlenbelastung jeden Tag akribisch protokolliert.» Die Werte sind minimal. Eine Gefahrenzulage ist somit un- nötig. Auch einer Gesinnungsprüfung werden die Angestellten nicht unterzogen. «Ich weiss nicht, ob wir AKW-Gegner in der Belegschaft haben», sagt Heep, «ein Hinderungsgrund wäre es nicht. Im Gegenteil: Dann könnten sie sich persönlich davon überzeugen, wie seriös wir arbeiten». Besuchergruppen aller Couleurs besichtigten das Zwilag, sagt Heep, und alle würden anerkennen, dass nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet werde. «Das ist für mich ein wichtiger Erfolg.»

Transporte ins Zwilag werden aus Sicherheitsgründen geheim gehalten.

chwachradioaktive Abfälle können relativ einfach gereinigt werden.
Schwachradioaktive Abfälle, zum Beispiel Werkzeug, das in AKW verwendet wurde, können relativ einfach gereinigt werden: mit Wasser, durch Schrubben oder Abschleifen der obersten Schicht.

Das Zwilag erinnert an Geheimlabors in James-Bond-Filmen: lange, leere Gänge, Roboterfahrzeuge, Präzisionsmaschinen hinter Glaswänden. Klinische Sauberkeit, trockene Luft, es riecht nach nichts. Mit einem ausgeklügelten Farbkonzept an den Wänden wurden die Hallen auf freundlich getrimmt, farblich harmonierend mit den omnipräsenten gelben 200-Liter-Fässern. Inhalt: leicht- bis mittelradioaktives Material. «Putzlappen oder Handschuhe», erklärt Walter Heep. «Oder Baumaterial, Werkzeuge und Ähnliches, das in einem AKW verwendet wurde und damit theoretisch kontaminiert sein könnte.» Auch Abfälle aus Forschung und Medizin, zum Beispiel ausgediente Röntgengeräte oder Feuermelder, werden in Würenlingen entsorgungsfertig gemacht. Wie viele Fässer täglich angeliefert werden, will Heep nicht sagen. Dafür erklärt er umso ausführlicher, was damit passiert: Ein Teil wird in der Konditionierungsanlage mit Wasser oder durch Abschleifen gereinigt, zerkleinert, verfestigt und verpackt. Ein weiterer Teil geht in die Plasmaanlage. Das ist ein Hochleistungsbrenner, der das Material thermisch zersetzt und schmelzt. Radioaktivität lässt sich nicht verbrennen, aber das Volumen des Abfalls kann man drastisch reduzieren. Kühle Schauer stellen sich ein beim Blick durchs Fenster auf die «heisse Zelle»: Unter Tonnen von Stahl lagern verpackte mittelaktive Abfälle. Der Raum, versichert Walter Heep, überstehe Flugzeugabstürze, Erdbeben und Überschwemmungen. Viele Meter und etliche leere Korridore weiter stehen die heiligen Hallen, das Kernstück des Zwilag. 68 Meter lang, 41 Meter breit und 18 Meter hoch. Hier lagern die Behälter, die der Volksmund unter dem englischen Markennamen Castor, Kurzwort für «cask for storage and transport of radioactive material», kennt. Besucher dürfen nur durch ein Fenster von oben einen Blick in diese Kammer werfen, die eines der tödlichsten Materialien birgt, die es auf Erden gibt: hochradioaktive abgebrannte Brennelemente aus Atomreaktoren, verpackt in 34 Castor-Behälter. Jeder sechs Meter hoch, aus Schmiedestahl, etwa 125 Tonnen schwer. Transporte ins Zwilag werden auf Anweisung des Bundesamtes für Energie geheim gehalten. In Deutschland und Frankreich versuchen regelmässig Tausende von Menschen, Castor-Transporte ins deutsche Endlager Gorleben zu verhindern. 2004 starb der 21-jährige Aktivist Sébastien Briant auf den Gleisen.

Eintrittskontrolle wie in einem Agentenfilm

Der Scanner prüft die Venen in der Hand von Geschäftsführer Walter Heep.
Sicherheit wird grossgeschrieben: Der Scanner prüft die Venen in der Hand von Geschäftsführer Walter Heep.

Der Sicherheitscheck der Behälteranlage ist filmreif: Geschäftsführer Heep muss seine Hand an einen Venenscanner halten. «Die Iris verändert sich je nach Tagesform; Fingerabdrücke kann man manipulieren. Die Venenbahnen aber sind immer gleich.» Er hat einen Geigenzähler dabei; der Ausschlag ist minimal, «jeder Pilot bekommt mehr Strahlung», so Heep. In der Kathedrale steht auch der rote Behälter, der vor 20 Jahren als Erster weltweit mit Atomabfall gefüllt wurde. Seine Oberfläche ist kalt. Andere kann man kaum berühren, so stark strahlt die Rest- hitze durch die Stahlhülle. Selbst Greenpeace attestiert den Zwilag-Betreibern im internationalen Vergleich eine gute Qualität. «Allerdings kann man als Atomkraftgegner über das Zwilag nicht glücklich sein», sagt Stefan Füglister, Atomexperte im Auftrag von Greenpeace Schweiz. «Aber wo Atomstrom produziert wird, werden radiokative Abfälle mitproduziert. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Notwendigkeit der Zwischenlagerung zur Abkühlung.» Noch hat das Zwilag reichlich Platz. Der vom Parlament im Herbst 2011 beschlossene Ausstieg aus der Atomenergie bedeutet nur, dass irgendwann kein zusätzlicher Atomabfall hinzukommt. Er mindert aber nicht den Berg, auf dem wir sitzen.

Zwilag Würenlingen
Zwilag Würenlingen
Zwilag Würenlingen
Zwilag Würenlingen
Zwilag Würenlingen
Zwilag Würenlingen

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Daniel Kellenberger