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05. Mai 2014

Heiss auf den Sommer!

Sie schwimmen in eiskalten Seen, klettern die steilsten Wände hoch oder reisen von Festival zu Festival: Kerri, David und Christoph können den Sommer kaum erwarten. Und Sie?

Der Älplisee oberhalb von Arosa ist nur vier Monate im Jahr eisfrei.
Der Älplisee oberhalb von Arosa ist nur vier Monate im Jahr eisfrei.

Die Bergseeschwimmerin

Kerri Lienhard taucht im Sommer gerne in eisige Bergseen ab und geniesst dabei den Kälteschock.
Kerri Lienhard taucht im Sommer gerne in eisige Bergseen ab und geniesst dabei den Kälteschock.

In den heissen Sommermonaten sitzt Kerri Lienhard (52) zuweilen in ihrer mit Eiswasser gefüllten Badewanne und lenkt sich mit Fernsehen ab: «Das ist mein Notprogramm, wenn die Zeit knapp ist. Viel lieber fahre ich in die Höhe und schwimme in einem Bergsee.»

Die Wahlschweizerin mit US-amerikanischen Wurzeln arbeitet in einem 100-Prozent-Job als Assistentin im Private Banking und trainiert für den Ärmelkanal. Im Herbst 2013 gab sie bei ihrem ersten Versuch, von Dover nach Calais zu schwimmen, nach 14 Stunden im 16 Grad kalten Wasser und über 40 geschwommenen Kilometern auf. 2015 will sie es erneut probieren.

Kanalschwimmer darf sich nur nennen, wer die legendäre Meerenge ohne Neopren überwindet. Darum ist es für Aspiranten unabdingbar, sich an kaltes Wasser zu gewöhnen.

Auf der Suche nach möglichst eisigen Gewässern hat Kerri Lienhard einige Überraschungen erlebt. Einmal ist sie stundenlang gewandert, um zu einem Seenauge bei Lenzerheide-Arosa zu gelangen: «Als ich ankam, habe ich nur eine warme Pfütze vorgefunden.»

Adrenalinrausch beim Schwimmen im tiefen Blau
Inzwischen hat sie einen klaren Favoriten für ihr Kaltwassertraining: Den Oeschinensee oberhalb von Kandersteg BE, der auf der einen Seite von einer Wiese und auf der anderen von einer schroffen Felswand begrenzt wird. Beim ersten Mal musste sie sich überwinden, den Kopf unter Wasser zu tauchen. Nicht wegen der Temperatur von rund zehn Grad, sondern wegen der Farbe: «Der See machte mir Angst. Sein Wasser ist so blau, dass man meint, in Blaubeersirup zu schwimmen.»

Heute geniesst sie das tiefe Blau nur noch: «Bergseen sind so friedlich. In ihnen zu schwimmen, ist wie Meditation.» Wenn die Mutter zweier erwachsener Töchter aus dem Wasser steigt, ist sie oft euphorisiert. Das kommt nicht von ungefähr, denn um sich gegen die Kälte zu wappnen, schüttet der Körper Adrenalin aus.

Anfängern in Sachen Bergseen rät Kerri Lienhard, langsam ins Wasser zu steigen und vor dem Abtauchen Nacken und Gesicht zu benetzen. Auch sollte man beim Schwimmen in Ufernähe bleiben und sich von jemandem beobachten lassen: «Kaltes Wasser kann Krämpfe oder Ohnmacht auslösen.» Gerade für Menschen mit schwachem Herzen könne der Kälteschock gefährlich werden.

Aus Vorsicht lässt sich Kerri Lienhard beim Schwimmen im Bergsee meist von einer Betreuerin im Kajak begleiten. Darum wählt sie für ihre Trainings vielfach Seen aus, die mit dem Auto erreichbar sind. In diesem Sommer darf es aber auch mal wieder eine Wanderung oder eine Biketour zu einem abgeschiedenen Seenauge sein, das sich nur zum Baden der Füsse eignet. Denn derzeit sammelt die Ausdauersportlerin nicht nur Stunden im kalten Wasser, sondern auch Kilometer im Velosattel und in Turnschuhen – weil sie im September am Ironman Mallorca startet.

Da will ich hin:

Der Lai Nair.
Der Lai Nair.

«Zum Lai Nair oberhalb von Tarasp. Seit ich ein Bild von diesem See gesehen habe, will ich da unbedingt einmal hin. Am liebsten im Herbst, wenn die Lärchen, die ihn umgeben, sich feuerrot verfärben.»


Die Bergsteiger

Wenn das Wetter mitspielt, klettert David Rüegsegger fast jedes Wochenende auf irgendeinen Gipfel. Immer häufiger ist auch sein elfjähriger Sohn Gian dabei
Wenn das Wetter mitspielt, klettert David Rüegsegger fast jedes Wochenende auf irgendeinen Gipfel. Immer häufiger ist auch sein elfjähriger Sohn Gian dabei.

Mitten im Wohnzimmer von David Rüegsegger (45) hängt eine Trapezschaukel – daran turnt sein Sohn Gian (11) immer gern rum, wenn er beim Vater ist. Aber auch Rüegsegger selbst schwingt sich damit gelegentlich durch den Raum. «Ich bin ein Bewegungsmensch», erklärt er lachend. Das ist auch ein zentraler Grund, weshalb es ihn fast jedes Wochenende in die Berge zieht. «Es gibt nichts Schöneres, als draussen zu sein, in Fels und Eis zu hängen, die Schrauben genau richtig gesetzt zu haben, den Pickel perfekt zu platzieren und sich immer höher zu arbeiten.»

Rüegsegger hat die Leidenschaft für das Bergsteigen als Teenager entwickelt, damals ging es noch vor allem darum, oben auf dem Gipfel zu stehen und das Gefühl zu geniessen, es geschafft zu haben. Heute ist immer mehr auch der Weg das Ziel, das Klettern selbst, etwa eine schwierige Passage erfolgreich zu meistern. «Aber ich habe noch immer eine Adrenalinausschüttung, wenn ich am Ende oben stehe. Die Ausblicke von einem 4000er sind atemberaubend schön. Und wenn genug Zeit für den Abstieg ist, bleibe ich dort auch gerne eine Weile.»

Gian war vier Jahre alt, als der Vater erstmals mit ihm kletterte
Spielt das Wetter mit, geht er praktisch jedes Wochenende in die Berge – auch im Winter, dann einfach mit den Ski. Meist zieht er mit einem langjährigen Freund los oder mit seiner PartnerinSina Böckli, einer ausgebildeten Bergführerin. «Sie hat ein höheres Kletter­niveau als ich – bei den schwierigen Passagen lasse ich sie vor.» Mehr und mehr sind sie mittlerweile sogar zu dritt unterwegs, denn auch Gian hat bereits seine Liebe zum Klettern entdeckt. Er war gerade mal vier Jahre alt, als sein Vater ihn das erste Mal mitgenommen hat. «Allerdings habe ich ihn beim Abstieg in meinen Rucksack gesetzt.»

Mittlerweile hat Gian mit dem Allalinhorn letztes Jahr auch schon seinen ersten 4000er bezwungen – und diesen Sommer steht der Mönch an, der Lieblingsberg seines Vaters. Angst hat er nie, zumindest fast nie. «Einmal ging es extrem tief runter, da hatte ich ein bisschen Angst.» Aber er habe dann einfach nicht mehr hinuntergeschaut.

Klettern ist jedoch nicht Gians einzige Passion: Genauso gerne brettert er mit seinem Bike Downhill oder macht Parkour, eine Sportart, bei der man versucht, Hindernisse möglichst bewegungseffizient zu überwinden. Allerdings sitzt er auch gern am Computer und spielt Games aller Art. «Da muss ich immer eine Auge drauf haben, dass er es nicht übertreibt», erklärt der Vater.

David Rüegsegger ist gelernter Schreiner, seit Jahren selbständig führt er in Uetendorf BE ein Ski- und Snowboard-Service-Center, praktischerweise direkt unter seiner Wohnung. Dies erlaubt ihm, auch ab und zu unter der Woche in die Berge zu gehen. Seine Partnerin arbeitet teils als Maschineningenieurin, teils als Bergführerin. Ideale Voraussetzungen also für viele prächtige Sommertouren. Die Daten sind im gemeinsamen Kalender bereits reserviert.

Der Eiger.
Der Eiger.

Traum: «Die Heckmair-Route am Eiger, die Route der damaligen Erstbesteiger, war ein lang gehegter Traum von mir. Dieses Jahr am 10. März habe ich sie geschafft, dank einem befreundeten Bergführer.»


Der Festival-Fan

Christoph Kammer 2010 am Southside Festival.
Christoph Kammer 2010 am Southside Festival.

Sommerzeit – Festivalzeit: Die Schweiz ist das Land mit der grössten Open-Air-Dichte. Rund 300 Musikkonzerte finden jährlich zwischen Schaffhausen und Nyon, von Gurten bis Gampel statt. Zeit also, das Zelt aus dem Keller zu holen und die Getränke kühlzustellen. Bald wummern wieder die Bässe, die Menge grölt Patent Ochsners «Ludmilla», und die Gummistiefel schmatzen im Schlamm.

Christoph Kammer (27) aus Uster ZH ist ein Livemusik-Fan. In den letzten zehn Jahren ist er an fast jedes namhafte Festival der Schweiz gepilgert. Mit dabei: seine besten Freunde und eine Baggage aus Zelt, Grill, Getränken, Blachen und Campingstühlen. «Mein tragbares Sofa nicht zu vergessen, gegen die Rückenschmerzen», fügt Christoph Kammer mit einem Augenzwinkern hinzu. «Wir haben Spass zusammen, ich lache nie so viel wie an einem Open-Air-Wochenende mit meinen Freunden.»

Nachdem er die grossen Festivals kennt, geht er nun zu kleinen
Die grossen Open Airs St. Gallen, Gurten, Paléo, Zürich, Gampel und das Montreux Jazz Festival kennt Christoph Kammer schon. Doch auch ein eingefleischter Open-Air-Gänger wird älter: Mittlerweile bevorzugt er Festivals abseits vom Kommerz. «Dort ist es wesentlich gemütlicher, es gibt weniger Gedränge, und man muss nicht ständig von Bühne zu Bühne hetzen.» An kleineren Festivals schätzt Christoph Kammer, dass er immer wieder Bands entdeckt. Ende Mai geht es mit dem Indie-Festival Bad Bonn Kilbi in Düdingen FR los, dann steigt das B-Sides in Kriens LU, im Juni reist Christoph Kammer ans deutsche Southside Festival in Neuhausen. Den Saisonabschluss bildet im August das For Noise in Lausanne VD.

Dass er für Open-Air-Konzerte keine Mühe scheut, bewies Christoph Kammer letztes Jahr: Er fuhr mit einem Freund fünf Tage lang mit dem Velo nach Belgien ans Rock Werchter, eines der grössten europäischen Musikfestivals. Das eindrücklichste Konzert überhaupt für Christoph Kammer gab die Rockband Arcade Fire, die er vor sieben Jahren im kanadischen Vancouver live erlebte. In besonderer Erinnerung bleibt ihm auch das Zürich Openair 2013, an dem er nach wenig Schlaf und voller Schlamm an der ETH Zürich eine Prüfung ablegte. «Eine gute Note habe ich trotzdem gemacht», sagt der Student der Umweltwissenschaften. Aktuell ist er an seiner Masterarbeit: Bis zu 14 Stunden täglich untersucht er schwedisches Torfmoor. Wenn die Open-Air-Saison beginnt, will er fertig sein, damit er dann voll in den Sound des Sommers eintauchen kann.

Primavera Festival in Barcelona
Primavera Festival in Barcelona

Da will ich hin:«Ich will unbedingt einmal ans Primavera Festival nach Barcelona. Das Line-up ist immer grandios. Das Coachella Festival in Kalifornien reizt mich ebenfalls sehr.»

Autor: Silja Kornacher, Andrea Freiermuth