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29. August 2016

Heiraten ja, aber nicht in der Kirche

Vier von fünf Brautpaaren heiraten heute ausserhalb der Kirche. Sie bevorzugen persönlich gestaltete Feste und Rituale – eine Steilvorlage für aufgeschlossene Geistliche, professionelle Planer und andere Exponenten der milliardenschweren Hochzeitsindustrie.

Der liebe Gott gibt alles. Gleissender Sonnenschein lässt das Brautpaar, die Gäste und das Zürcher Grossmünster erstrahlen. Fragt man das Paar, warum es sich kirchlich trauen lässt, sagt es: «Wir wollten nicht nur auf dem Standesamt einen Vertrag unterschreiben, sondern wünschten uns, öffentlich im Kreis unserer Freunde und Angehörigen zu heiraten, im Wissen, dass wir zum Gelingen unserer Ehe auf uns, unser Beziehungsnetz und den Segen Gottes angewiesen sind.»

Ihre Hochzeit!
Wie und wo haben Sie geheiratet? Und möchten Sie es ausgefallen oder traditionell? Verraten Sie es uns in den Kommentaren.


Mit dieser Haltung gehören die beiden zu einer schwindenden Minderheit. Nur noch 8000 Paare lassen sich hierzulande pro Jahr in der Kirche trauen, je zur Hälfte reformiert oder katholisch. Das entspricht einem Fünftel aller in der Schweiz geschlossenen Ehen und markiert einen historischen Tiefstand.

Warum ist die Kirche nicht mehr gefragt, wenn Paare den wohl schönsten Tag ihres Lebens feiern? Dafür gibt es handfeste Gründe: Immer mehr Menschen treten aus den Landeskirchen aus; die Zahl der Konfessionslosen ist seit 1960 von 0,5 auf 22,2 Prozent gestiegen.

Brautleute, die entweder konfessionslos oder auch reformiert sind, wissen manchmal nicht, dass sie gleichwohl in der Kirche heiraten könnten. Kommt hinzu, dass viele das Kon­kubinat bevorzugen. Nur: Seit rund 20 Jahren sind es konstant um die 40 000 Paare, die jährlich heiraten. 32 000 davon wählen also ­einen anderen Rahmen als die Kirche.

Schlechte Erfahrungen bestärken viele in der Überzeugung, die Kirche habe bei ihrer Hochzeit nichts verloren. Das mag die Erinnerung an die Beerdigung der Mutter mit der abgehobenen, unpersönlichen Predigt des Pfarrers sein. Oder der Streit um die Musik bei der Taufe, wo sich der Pfarrer einen Song von Bob Dylan verbat. Ganz zu schweigen von den meist fruchtlosen Diskussionen um den Ort der Trauung: Wäre es denn nicht möglich, sich den kirchlichen Segen an einem See oder auf einem Berg geben zu lassen?

Innovative Trauungen liegen im Trend

Trauung in einem angesagten Lokal? Kein Problem für den reformierten Pfarrer Andrea M. Bianca (55) aus Küsnacht ZH. Für ihn steht das Brautpaar im Zentrum, nicht die Kirche.

Andrea M. Bianca (55), reformierter Pfarrer in Küsnacht ZH, erfüllt solche Wünsche wenn immer möglich. Seine Predigt richtet er auf die Lebensumstände von Braut und Bräutigam aus: «Wir können einem jungen Brautpaar nicht länger Bibelverse überstülpen. Stattdessen müssen wir uns auf seine individuelle Lebens- und vor allem auf seine Liebesgeschichte einlassen und dort symbolische Bezüge zur Bibel aufspüren.»

Gleichwohl greift Bianca in den mehrstündigen Vorbereitungs­gesprächen Themen wie Glauben, Werte oder die religiöse Erziehung künftiger Kinder auf und leitet daraus ein Trauversprechen ab, das «auf das Paar ­zugeschnitten ist und nicht Standard­floskeln wiedergibt». 

Zürichs Zivilstandsamt-Leiter Roland Peterhans ist verantwortlich für den Vollzug von rund 2300 Trauungen pro Jahr.

Auch Roland Peterhans weiss, was Brautpaare wollen. Der Leiter des Zivilstandsamts der Stadt Zürich ist verantwortlich für den Vollzug von rund 2300 zivilen Trauungen pro Jahr. Seit 2009 bietet sein Amt zwei Varianten an: eine viertelstündige traditionelle Trauung im Stadthaus für 75 Franken und die Galavariante für etwa 500 Franken im Zunfthaus zur Waag, in einer Weinschänke im Niederdorf oder in der Masoala-Halle im Zoo.

Die Nachfrage gibt Peterhans recht: Gut zehn Prozent der Paare heiraten unter Deluxe-Bedingungen. Seine Kundschaft weiss überdies die Möglichkeit zu schätzen, die Trauung ein Jahr im Voraus online zu buchen oder sich am Samstagvormittag zwischen 9 und 12 Uhr das Jawort zu geben. Auch für binationale Paare hat der umtriebige Beamte ein spezielles Angebot: Sie können Verwandte in der Heimat via Skype an der Trauung teilhaben lassen.

Ritualgestalterin Yvonne Vogt entwickelt gemeinsam mit dem Paar eine «ernsthafte persönliche Zeremonie, in deren ­Zentrum die Liebe steht».

Sehr beliebt sind Hochzeitszeremonien, wie sie die Ritualgestalterin Yvonne Vogt in Aadorf TG für rund 1500 Franken anbietet: Die 38-jährige studierte Pädagogin empfängt ihre Kundschaft in einem alten Bauernhaus, das sie mit ihrer Familie bewohnt.

Gemeinsam mit dem Paar entwickelt sie eine «sehr ernsthafte, berührende persönliche Zeremonie, bei der die Liebe im Zentrum steht». Sie enthalte auch das Jawort, den Ringtausch und das Trauversprechen des Paars, sei aber ausserhalb der Kirchen angesiedelt und entspreche damit den Wünschen vieler konfessionsloser oder kirchenferner Menschen.

Natürlich gibt es auch Paare, die ihren Gästen ein grandioses Fest bieten wollen, das von ihrem Erfolg im Leben zeugt. Einschlägige Websites für die Planung solcher Hochzeiten listen bis zu 70 Posten auf, die zu beachten sind, vom Essen und Trinken über Hochzeitsfotografen bis zu Give-aways für die Gäste.

Eine siebenstöckige Hochzeitstorte kann bis zu 6000 Franken kosten, die Frisur der Braut gegen 2500 Franken, und das bisher teuerste Hochzeitskleid, das ein renommiertes Zürcher Fachgeschäft für Brautmode verkaufte, hatte den ­stolzen Preis von 20 000 Franken.

Nach Schätzung von Experten verschlingt ein Hochzeitsfest heute im Schnitt gut und gern 25 000 Franken. Wer es exklusiv will, muss mit bis zu 100 000 Franken rechnen. Rekord­verdächtig war die Hochzeit eines ehemaligen Schweizer Fussballstars, der dafür rund eine Million Franken lockermachte. Er liess das Zürcher Dolderbad mit Bühnen und einem Steg versehen, drei Topbands aus dem Ausland einfliegen und den Cateringservice engagieren, der auch für Tina Turner auftischt.

Mit dem Kamel in den Festsaal

Alles in allem soll der Schweizer Hochzeitsmarkt jährlich eine Milliarde Franken schwer sein. Ein ansehnliches Stück dieses Kuchens schneiden sich die Hochzeitsplanerinnen ab, deren Angebot in den USA längst etabliert ist und auch in der Schweiz zunehmend auf Interesse stösst.

Hochzeitsplanerin Eva Hauser organisiert fast alles für ihre Kundinnen und Kunden – sogar einen Ritt auf dem Kamel in den Festsaal.

Eva Hauser (39) ist eine der erfahrensten der Branche. Ihr Ehrgeiz besteht darin, alles umzusetzen, was sich Brautpaare wünschen – «so lange es legal ist». Dieser Nachsatz sei nötig, meint die Zürcherin und lacht. Denn ihre Kunden hegten teils extravagante Wünsche.

So erinnert sich Eva Hauser gut an die Braut, die unbedingt auf einem Kamel in den Festsaal des Zürcher Kongresshauses reiten wollte. Hauser fand ein gezähmtes Exemplar, das der Situation gewachsen schien und auch durch die Tür gepasst hätte.

Im letzten Moment änderte die Braut allerdings ihre Meinung, weil sie befürchtete, nach dem Intermezzo nach Kamel zu riechen. Tiere, erzählt Hauser, seien ein Dauerbrenner an Hochzeiten. Besonders beliebt seien Schwäne, Enten und Hasen; gern gesehen aber auch Pferde und manchmal sogar ein Elefant.

Hausers Hauptarbeit besteht in der Auswahl des Orts, der Planung des Fests sowie der Organisation von Essen und Trinken, Blumen, Dekorationen, Musik und vielem mehr. Am liebsten hat sie ein Jahr Zeit, um alle Vorbereitungen treffen zu können. In diesen Monaten trifft sie sich regelmässig mit der Braut, um die Details zu besprechen. «Hochzeiten», sagt Eva Hauser, «sind eine Frauendomäne; Frauen messen diesem Fest einen unglaublichen Stellenwert bei.Sie sehnen sich nach der Erfüllung eines Märchentraums.» In dieser Zeit sei sie oft nicht nur Planerin, sondern auch Freundin, Schwester, Psychologin und Seelsorgerin in einem.

So viel Einsatz hat seinen Preis. In der Branche ist von zehn Prozent des Gesamtbudgets die Rede. Eva Hauser winkt ab: Für eine Hochzeit, die 30 000 Franken koste, könne sie angesichts ihres immensen Aufwands nicht für 3000 Franken arbeiten.

Mehr verrät die Geschäftsfrau nicht, die nicht nur Freelancer, sondern auch fest angestellte Mitarbeiterinnen beschäftigt. Ihr Business läuft wie geschmiert: An einem Wochenende in den Hochsaisonmonaten Juli, August und September richtet sie mit ihrem Team auch mal bis zu 30 Hochzeiten gleichzeitig aus.

Einen Hinweis auf die wachsende Bedeutung des Trauungsbusiness gibt auch die Hochzeitsmesse, eine Kommerzshow voller Glamour, die in Zürich, St. Gallen, Basel, Bern und Zug gastiert. An rund 300 Ständen bietet sie alles, was sich Menschen für ihr Fest wünschen: Brautkleider, Torten, Blumengestecke, Kerzenständer, Tischkarten, die passende Mietlimou­sine zum Fest. Der Publikumsandrang ist beachtlich – an zwei Tagen bis zu 8000 Besucherinnen und Besucher.

Service in der «Ehegarage»

Pfarrer Jaroslaw Duda gibt Paaren eine «Ehegarantie auf 15 Jahre». Voraussetzung ist der jährliche Service in der «Ehegarage».

Die Erkenntnis, dass der Ehealltag zuweilen nicht mehr ganz so berauschend ist wie das Hochzeitsfest, hat den katholischen Pfarrer Jaroslaw Duda aus Bülach ZH dazu bewogen, eine «Ehegarantie auf 15 Jahre» anzubieten. In deren Genuss kommen ausschliesslich Paare, die ihn nach der Hochzeit einmal pro Jahr in seiner «Ehegarage» aufsuchen.

Dass dieser Begriff an den jährlichen Autoservice denken lässt, ist Absicht: «Eine gute Ehe bedarf der Pflege. Wer sich nur schon einmal pro Jahr mit den eigenen Ressourcen, aber auch mit den Defiziten als Paar auseinandersetzt, ist gegen Schwierigkeiten besser gewappnet.»

Zurzeit stehe er mit 55 Paaren regel­mässig in Verbindung, sagt Jaroslaw Duda und betont: Die Ehe sämtlicher Paare, die sein Angebot nutzen, habe nach wie vor Bestand.

Autor: Barbara Lukesch

Fotograf: Rosahn Adhihetty