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03. Oktober 2016

Die Prämien werden für viele unbezahlbar

Die Krankenkassenprämien steigen so stark wie seit sechs Jahren nicht mehr – zum Teil um zehn Prozent. Santésuisse-Präsident Heinz Brand spricht von einem «Selbstbedienungsladen» und fordert die Aufhebung des Vertragszwangs mit Spitälern und Ärzten.

medizinischen Abklärungen nehmen zu
Auch ein Kostentreiber: Die Zahl der medizinischen Abklärungen steigt und steigt.

Die Krankenkassenprämien steigen schon wieder. Seit 1996, als das Krankenversicherungsgesetz eingeführt wurde, verteuerte sich eine Durchschnittsprämie von monatlich 173 Franken auf rund 447 Franken im nächsten Jahr – das ist eine Zunahme von 158 Prozent, während sich die Löhne im gleichen Zeitraum nur um 20 Prozent erhöht haben. Besonders stark triffts 2017 Kinder und diejenigen mit einer Wahlfranchise von 2500 Franken. Entsprechend zahlreich und kritisch sind die Kommentare der Konsumenten in den Onlineportalen, denn immer mehr Familien können diese explodierenden Prämien nicht mehr zahlen.

Laut einem aktuellen Monitoring des Bundesamts für Gesundheit (BAG) bezog 2014 bereits jeder fünfte Versicherte eine Prämienverbilligung. «Im interkantonalen Vergleich variiert die Bezügerquote zwischen 20 und 38 Prozent», sagt Heinz Brand, Präsident des Krankenversicherungs-Verbands Santésuisse und SVP-Nationalrat. «Der Handlungsbedarf, das übermässige Kostenwachstum endlich einzudämmen, ist gross.»

Hauptgründe für die Prämienerhöhungen sind die Alterung und die medizinische Entwicklung. Kostentreiber sind aber auch immer umfangreichere medizinische Abklärungen: Laut dem BAG ist die Zahl der Konsultationen stabil geblieben – die Kosten pro Kopf und Arztbesuch sind ­allerdings markant ­gestiegen. Und noch immer sind die Preise für Generika in der Schweiz rekordverdächtig hoch.

Weitere Infos: Extra «Gesundheit» im Migros-Magazin vom 10. Oktober 2016

«Dieses System führt künftig zu noch viel massiveren Prämienerhöhungen»

Heinz Brank ist Nationalrat und Präsident des Krankenversicherungs-Verbands Santésuisse
Heinz Brank ist Nationalrat und Präsident des Krankenversicherungs-Verbands Santésuisse

Heinz Brand (61) ist Nationalrat und Präsident des Krankenversicherungs-Verbands Santésuisse.

Heinz Brand, wieder steigen die Krankenkassenprämien. Wieso?

Das grösste Problem ist die immer grösser werdende Anzahl medizinischer Behandlungen. In vielen Regionen ist das Angebot zu gross, weil es zu viele Spitäler, Ärzte und Therapeuten gibt. Das müssen am Schluss die Prämien- und Steuerzahler bezahlen.

Seit 1996 haben sich die Prämien um über 150 Prozent erhöht.

Beim heutigen Selbstbedienungsladen im Gesundheitswesen ist das nicht verwunderlich. Ausser bei den Fallpauschalen in den Spitälern müssen die Krankenversicherer jede einzelne medizinische Behandlung vergüten, ganz egal, ob sie sinnvoll, nötig oder wirksam ist. Für die Ärzte gilt das sogenannte Vertrauensprinzip: Was angeordnet wird, muss von den Krankenkassen bezahlt werden.

Weshalb werden diejenigen, die mit einer hohen Franchise tendenziell Kosten sparen, besonders bestraft? Das müsste Sie doch als Rechtspolitiker ärgern.

Die Eigenverantwortung muss in der Tat gestärkt werden. Das zuständige Departement hat bisher aber mehrmals die Rabatte für Personen mit hohen Franchisen gekürzt. Der Trend sollte zu höheren Franchisen gehen.

Gab es in der Vergangenheit für hohe Franchisen zu grosse Rabatte?

Die korrekte Rabattierung müssen die Versicherungsmathematiker definieren. Sicher ist, dass die Eigenverantwortung wieder mehr gestärkt werden muss. Wer persönlich mehr finanzielle Risiken übernimmt, statt sie der Allgemeinheit zu überbürden, muss dafür auch angemessen belohnt werden.

Für Familien in bescheidenen Verhältnissen ist der neueste Prämienzuschlag kaum mehr zu verkraften. Was raten Sie?

Es gibt Krankenversicherungsmodelle mit Rabatt wie Hausarztmodelle oder sogenannte Managed-Care-Modelle. Diese Versicherungsformen bieten hervorragende Qualität zu günstigeren Prämien.

Es lohnt sich für die Kassen immer weniger, Kunden mit kleinem Risiko anzulocken. Wenn sich die Preise immer mehr angleichen, läuft doch das auf eine Einheitskasse heraus?

Die Preise sind nur ein Leistungsmerkmal, die Dienstleistungsphilosophie ein anderes. Einige Anbieter sind grundsätzlich kundenfreundlicher, denn sie müssen ständig ihre Qualität und den Service verbessern, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Was spricht gegen eine Einheitskasse?

Bei der Einheitskasse sind den Versicherten die Hände gebunden. Sie sind «Zwangskunden». Auch wenn ihnen die Geschäftsphilosophie oder der Service gar nicht passt, sind sie der Einheitskasse auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie können nicht wechseln. Monopole sind zudem ungünstig für die Kundenorientierung, die Innovation und die Verwaltungskosten. Wer es sich leisten kann, wird der Monopolkasse früher oder später den Rücken kehren. Deshalb kam auch der Bundesrat zum Schluss, dass die Einheitskasse die Zweiklassenmedizin fördern würde.

Was müsste am Gesundheitssystem sofort geändert werden?

Besonders ärgerlich sind die vielen überflüssigen Leistungen, die die Krankenversicherer heute bezahlen müssen. Viele Leistungserbringer müssen endlich ihre Hausaufgaben machen und standardmässig die Qualität ihrer Leistungen ausweisen. Nur so kann man die Spreu vom Weizen trennen. Dort, wo es sinnvoll ist, müssen auch im ambulanten Bereich Pauschalen eingeführt werden, damit die Mengenausweitung besser eingedämmt werden kann. Letztlich können die wirkungslosen Leistungen nur eingedämmt werden, wenn die Krankenversicherer nicht mehr mit jedem Arzt und Spital einen Vertrag eingehen müssen. Um die Vertragsfreiheit kommen wir also auf keinen Fall herum, wenn wir die permanent übermässigen Kostenanstiege der Krankenkassen wirklich erfolgreich bekämpfen wollen.

Weshalb nicht einfach die Krankenkassenprämien vom Lohn abziehen?

Es gibt mehrere Gründe, weshalb das keine gute Idee ist: Zum einen wäre es reine Symptombekämpfung, wenn via gut betuchte Personen mehr Geld ins System fliessen würde. Bei den überflüssigen und wirkungslosen medizinischen Behandlungen wäre dadurch nichts eingespart. Weniger Kostendruck würde die Schleusen der Über- und Fehlversorgung noch mehr öffnen. Zum anderen bezahlen besser verdienende Personen bereits heute mehr an die Krankenversicherung und zwar via Steuern. Via Steuern werden auch die Kantonsbeiträge an die Spitäler und die individuelle Prämienverbilligung bezahlt. Personen in bescheidenen finanziellen Verhältnissen erhalten diese Prämienverbilligung. Die ist das bewährte sozialpolitische Korrektiv zur «Kopfprämie». Bei einkommensabhängigen Prämien würde die Solidarität gefährdet: Diejenigen Personen, die das System heute finanziell tragen, würden kaum mehr mitmachen.

Je mehr ein Spital oder Arzt heute unternimmt, desto mehr muss der Krankenversicherer bezahlen – völlig egal, ob diese Handlungen einen Mehrwert haben.

Gibt es Aussicht auf ein Ende der enormen Preiserhöhungen?

Nein. Wenn nicht grundsätzliche Änderungen passieren, kann sich wegen der Fehlanreize im Gesundheitswesen gar nichts verbessern. Je mehr ein Spital oder Arzt heute unternimmt, desto mehr muss der Krankenversicherer bezahlen. Es ist dabei leider völlig egal, ob diese Handlungen einen Mehrwert haben oder nicht. Verbunden mit dem medizinischen Fortschritt und der Alterung, führt dieses System, das zuweilen an finanzielle Verantwortungslosigkeit grenzt, künftig zu noch viel massiveren Prämienerhöhungen.

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass im Parlament viele Interessenvertreter sitzen?

Spitäler, Ärzte und Pharma sind im Parlament gut dreimal stärker vertreten als die Krankenversicherer. Neben dem Preisüberwacher und dem Bundesrat sind die Krankenkassen die einzigen grossen Akteure im Gesundheitswesen, die konsequent daran arbeiten, das permanent übermässige Kostenwachstum einzudämmen. Denn für die Krankenkassen ist klar: Nur eine Krankenversicherung, die bezahlbar bleibt, hat längerfristig Bestand. Es bräuchte im Parlament also viel mehr Unterstützung für die Krankenversicherer, um die fatale Kostenspirale erfolgreich bekämpfen zu können.

Ein Grund dieser Spirale ist, dass die Medikamente in der Schweiz viel zu teuer sind!

Das sehen die Krankenversicherer auch so. Im Fokus stehen vor allem die sehr hohen Generikapreise. Die Pharmaindustrie ist selbstverständlich anderer Ansicht.

Autor: Reto E. Wild