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16. Januar 2017

Heimspiel für die Familie Rodriguez

Die Profifussballer Roberto, Ricardo und Francisco Rodriguez verbindet mehr als nur die Begeisterung für ihren Sport: Die Familie steht für das Trio aus Zürich Schwamendingen ganz oben auf der Liste – und ein beruflicher Zukunftswunsch. Im Video beschreiben die drei die Stärken und Schwächen der anderen.

Endlich hat es geklappt mit dem Familientreffen: Ricardo Rodriguez (24), Nati-Star und Schlüsselspieler beim VfL Wolfsburg, verbrachte die Feiertage in der Schweiz, um seine ebenfalls kickenden Brüder Roberto (26, FC Zürich) und Francisco (21, unter Vertrag beim VfL Wolfsburg, als Ausleihspieler beim FC Luzern) wiederzusehen. Am 20. Januar beginnt für «Ricci», wie ihn seine Freunde nennen, die Rückrunde der Bundesliga.

«Nach allem, was passiert ist, hat die Familie für uns einen noch grösseren Stellenwert», sagt Roberto. Der älteste und zugleich redseligste der Rodriguez-Brüder meint damit den Tod der geliebten Mutter Marcela: Vor gut einem Jahr verlor die Chilenin mit nur 47 Jahren den Kampf gegen den Krebs. Doch José Rodriguez (53), der mit 20 in die Schweiz kam, ist nicht allein. Seit Robertos Wechsel zum FCZ im Juni 2016 sieht er seinen ältesten Sohn jeden zweiten Tag. Wie bedeutend die Eltern für die Brüder sind, beweist auch das Tattoo an Ricardos Hals – im September 2015 hat er sich die Grossbuchstaben J und M stechen lassen.

Das Weihnachtsfest hat die Familie Rodriguez in der Zürcher Wohnung von Roberto und dessen Frau Sara (21) gefeiert – die beiden sind seit dem 23. Dezember verheiratet. Ricardo reiste mit seiner Freundin Nicole (22) an, Francisco mit Isabella (21). Wie ihr grosser Bruder wollen die beiden später einmal heiraten und eine Familie gründen.

Es gab chilenische Spezialitäten wie Empanadas und jede Menge Gespräche über Fussball. Ein Glas Wein gönnten sich nur der Vater und Roberto; die Jüngeren trinken bloss Wasser oder Softdrinks. «Ich vertrage keinen Alkohol», sagt Ricardo. Einzig für den süssen Weisswein Moscato d’Asti würde er eine Ausnahme machen. Den Jahreswechsel verbanden die Brüder mit einem Ortswechsel: Gemeinsam mit ihren Partnerinnen feierten sie Silvester in Barcelona.

Francisco, Ricardo und Roberto Rodriguez (v.l.) verstehen sich prächtig.
Fussballertrio mit Familiensinn: Die Gebrüder Francisco, Ricardo und Roberto Rodriguez (v.l.) verstehen sich prächtig und sprechen einander mit «Bro» an.

Ein Trio mit Familiensinn: Die Gebrüder Francisco, Ricardo und Roberto Rodriguez (v.l.) verstehen sich prächtig und sprechen einander mit «Bro» an.

Poulet einkaufen bei der Migros

Die Rodriguez-Brüder sind alles andere als arrogante Fussballstars – keine Spur von Abgehobenheit. «Vielleicht fahren wir ein schönes Auto oder gönnen uns auch mal teure Kleider. Ansonsten geben wir aber nicht viel Geld aus. Ich kaufe oft Poulet oder Lachs bei der Migros. Wir wissen, woher wir kommen», sagt Roberto. Gemeint ist damit das einstige Arbeiterquartier Zürich Schwamendingen: Hier ist das Trio aufgewachsen. «Immer anständig und dem lieben Gott dankbar sein: So sind wir erzogen worden», sagt Mittelfeldspieler und KV-Absolvent Francisco.

Ihre Eltern hätten hart gearbeitet – und dabei alles für ihre Buben getan: «Beim FC Schwamendingen hatten wir wohl die teuersten Fussballschuhe, obschon unsere Eltern sich das kaum leisten konnten. Unser Dad vermittelte uns das Gefühl, alles zu haben», so Ricardo. Und Roberto ergänzt: «Was wir haben, verdanken wir unseren Eltern.»

Im Alter von nicht einmal 20 Jahren unterschrieb Linksverteidiger Ricardo einen Viereinhalbjahresvertrag beim VfL Wolfsburg. Er nahm seinen aus Galicien stammenden Vater gleich nach Norddeutschland mit und lebte mit ihm während der ersten Zeit zusammen. Seither arbeitet der einstige Logistiker nicht mehr. «Jetzt ist er von Beruf Vater und geniesst das Leben, das er verdient», erklärt Ricardo.

Der Alltag in Wolfsburg sei klar strukturiert und bestehe aus Training, Essen, Schlafen. «Das gehört halt zu meinem Beruf.» Wenn es die Zeit erlaubt, geht er ins Kino. An Freitagen zieht es Ricardo mit dem Auto nach Hamburg oder mit dem ICE nach Berlin. Restaurantbesuche sind eher selten: Der Fisch- und Gemüselieb­haber kocht gern und gut – genau wie seine Brüder. Mit ihnen tauscht er sich das Jahr über regelmässig im Gruppenchat auf WhatsApp aus oder per Telefon.

Die Gemeinsamkeiten des Rodriguez-Trios beschränken sich indes nicht nur auf Fussball und Kochen. Sie alle besitzen je drei Pässe (Schweiz, Chile und Spanien), und in den Ferien zieht es sie an die Sonne und ans Meer: Ricardo etwa mag Spanien, Dubai, die Malediven, Miami und Mexiko.

Vorerst aber steht die sportliche Karriere im Vordergrund. Ricardo, der inzwischen auf einen Marktwert von 25 Millionen Euro kommt, wird immer wieder mit grossen Klubs wie Paris Saint-Germain oder Inter Mailand in Verbindung gebracht. Doch er winkt ab: «Das sind Gerüchte. Ich bleibe wohl bis Vertragsende im Juni 2017 bei Wolfsburg. Mein Traum wäre es, in Spanien oder Italien zu spielen.»

Francisco, ebenfalls noch bis Mitte Jahr bei Wolfsburg unter Vertrag, möchte sich mit guten Matches in Luzern wieder ins Gespräch beim VfL bringen.
Roberto strebt mit dem FCZ den Wiederaufstieg in die Super League und den Cupsieg an. «Ich habe mit Uli Forte einen Trainer, der voll auf mich setzt und mir vertraut. Das brauche ich.» Und alle drei Brüder träumen davon, irgendwann wieder für denselben Verein zu spielen – wie einst beim FC Schwamendingen.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Christian Schnur