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25. Februar 2013

Heim zu Molly und Tolly

Zu Hause fühlt sie sich am wohlsten, und so kehrt Ruth Lorenz nach einem schweren Unfall und dem darauffolgenden Rückfall so rasch wie möglich heim zu Ehemann Niklaus und ihren Kanarienvögeln Molly und Tolly. Möglich wurde dies durch die fachkundige Betreuung und Beratung auf der akutgeriatrischen Station des Universitätsspitals Basel.

Niklaus Lorenz ist glücklich, dass seine Ruth nach zehn Tagen im Spital wieder nach Hause durfte
Niklaus Lorenz ist glücklich, dass seine Ruth nach zehn Tagen im Spital wieder nach Hause durfte – bei ihrer Pflege unterstützen ihn Fachleute.

Aus dem Spital nach Hause: Versorgung, Pflege, barrierefreie Räume – was vor der Heimreise nach einem Spitalaufenthalt unbedingt abgeklärt werden sollte.

DAS PORTRÄT
Ruth (80) und Niklaus Lorenz (83), seit 60 Jahren glücklich miteinander verheiratet, sitzen gemütlich daheim und frönen ihrem Hobby, dem Kartenspiel Canasta. Im Hintergrund zwitschern ihre Kanarienvögel. Das ist nicht selbstverständlich. Vor ein paar Monaten nämlich stürzte Ruth Lorenz, zog sich einen komplizierten Wirbelsäulenbruch sowie mehrere Rippenbrüche zu. Sie wurde notfallmässig im Universitätsspital Basel operiert. Darauf folgte ein neunwöchiger Aufenthalt in drei verschiedenen Spitälern.

Niklaus Lorenz war schon im Spital stets an der Seite seiner Frau Ruth. Und auch heute kümmert er sich rührend um sie.
Niklaus Lorenz war schon im Spital stets an der Seite seiner Frau Ruth. Und auch heute kümmert er sich rührend um sie.

Ruth Lorenz war nach der Operation in einem kritischen Zustand, brauchte intensive Pflege. Dazu kam, dass sie plötzlich sehr verwirrt war. Eine sogenannte akute Verwirrtheit, auch Delir genannt, tritt bei älteren Menschen nach einer Operation häufig auf. Niklaus Lorenz war täglich bis sechs Stunden bei seiner Frau. Noch heute lobt er das gute Einvernehmen mit dem Pflegepersonal: «Man hat mich nicht als Störfaktor angesehen. Die Pflegenden haben mir immer die Möglichkeit gegeben, bei ihr zu sein. Meine Frau hat das gebraucht.» Nach drei Wochen Rehabilitation kamen die Fortschritte bei Ruth Lorenz ins Stocken. Ihr Mann war sicher, dass es ihr in der gewohnten Umgebung besser gehen würde. So kam sie heim, und er sollte recht behalten: Daheim ging es aufwärts, wenn auch in kleinen Schritten.

Doch zwei Wochen später verschlechterte sich Ruth Lorenz’ Zustand akut. Sie war vollständig verwirrt, erkannte nicht einmal mehr ihre Tochter. Sie wurde in die Notfallstation des Universitätsspitals Basel gebracht. Die spezialisierten Pflegefachleute erkannten rasch, dass es sich um ein Delir handelte. Anja Ulrich ist eine dieser spezialisierten Pflegefachpersonen mit Masterstudium. Sie ist spezialisiert auf die Betreuung alter Menschen und eine Pionierin im neuen Berufsbild Advanced Practice Nurse (siehe Box rechts).

Heim oder heim? Ein ganzes Team hilft bei der Entscheidung

Niklaus Lorenz erzählt, dass in der Akutgeriatrie, wo hochbetagte Menschen in komplexen Krankheitssituationen betreut werden, die richtigen Schlüsse gezogen wurden. Er beurteilt Wissen und Können der Pflegenden als aussergewöhnlich: «Sie haben alles begründet, konnten sagen, wie sich das mit dem Delir verhält. Das hat mir sehr imponiert. Ein Pfleger hatte sofort erkannt, dass ein Medikament zu hoch dosiert war und so das Delir verstärkte.»

Auf der Patientenvisite wurde die Dosierung mit dem Arzt angepasst, worauf sich der Zustand von Ruth Lorenz rasch verbesserte. Niklaus Lorenz: «Dazu kam die menschliche Komponente, welche die Pflegenden mitbrachten: Sie hatten es verstanden, meine Frau zu beruhigen, zu motivieren und auf sie einzugehen.» So konnte sie schon nach zehn Tagen wieder nach Hause.

Niklaus Lorenz hat die Pflege seiner Frau zu Hause gut vorbereitet: Die Spitex kommt täglich, der Hausarzt einmal pro Woche. Die langjährige Haushalthilfe und eine 24 Stunden abrufbare Pflegehilfe unterstützen die Familie. Ein Treppenlift ist auch vorhanden — aus Sicht der Pflegefachfrau Anja Ulrich ist das nicht der Normalfall.

Bei zwei Dritteln der Patienten muss der Austritt genau geplant werden. Anja Ulrich schaut genau hin: «Ich frage Patienten immer, wie sie mit der Unterstützung daheim zurechtkommen. Es reicht nicht zu wissen, dass jemand Mahlzeiten nach Hause geliefert bekommt. Mich interessiert, ob diese dann gegessen werden. Eine Patientin hat mir erzählt, dass sie die Beutel immer für ihren Sohn aufspare.» Auch nützen die besten verordneten Medikamente nichts, wenn sie nicht eingenommen werden.

Für Anja Ulrich steht das Gespräch mit dem Patienten und den Angehörigen im Zentrum. Sie verschafft sich damit ein Bild und ergänzt vorhandene Informationen durch vertiefte pflegerische Abklärungen. Ihr Ziel: die körperliche, psychische und soziale Situation im Zusammenhang mit dem Alltagsleben zu erfassen.

Anja Ulrich arbeitet nicht allein. «Ein ganzes Team von Therapeuten, Sozialarbeitern, Seelsorgern, Freiwilligendienst, Ärzten und Pflegenden sucht miteinander die beste Lösung. Wir haben eine enge und gute Kommunikation, und im Zentrum steht immer der Patient.» In besonders komplexen Fällen laufen bei Ulrich als Advanced Practice Nurse die Fäden zusammen.

Was würde Niklaus Lorenz anderen empfehlen, die in einer ähnlichen Situation sind? «Ich empfehle vor allem mitzudenken, da und dort einiges, was so geschieht, zu hinterfragen und die eigene Meinung zu äussern. Ich würde das Gespräch mit den Ärzten und mit den Pflegenden suchen.» Damit bringt es Niklaus Lorenz auf den Punkt: Für die Verordnung von Therapie und Medikamenten ist der Arzt zuständig. Zur Bewältigung des Alltags sind die Pflegefachpersonen eine wichtige Stütze für Patienten und ihre Familien. Damit die Heimkehr nach einem Spitalaufenthalt keine Reise ins Ungewisse wird.

Autor: Claudia Dell'Apollonia, Christiane Chabloz, Therese HIrsbrunner, Katrin Marfurt

Fotograf: Tina Steinauer