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25. März 2013

Heilsame Töffrennen

Bänz Friedli ist und bleibt eine wandelnde Jukebox.

Väter! Mütter! Ich danke euch. Beschwichtigend wars zu hören, dass ich nicht der Einzige bin, der nervt. Freund Bono singt seinen Liebsten bei jeder unmöglichen Gelegenheit «Irgendeinisch fingt ds Glück eim» vor. Fränzi zitiert beim Aufräumen Polo Hofer: «Stüehl ewägg …!» Und Manfred, dessen Kinder schon erwachsen sind und folglich schon länger einen Vater erdulden, der sich als wandelnde Jukebox gebärdet, versicherte mir gar: «Sie haben mich trotzdem immer noch gern.» Wohlan denn, ich werde weiter Songzitate speien. Dreimal dürfen Sie raten, was ich sang, als in Zypern kein Geld mehr aus den Bankomaten kam! Züri West, natürlich: «Solang no Chöle usechöme, we me ds Chärtli inelaht …» Und just diese Woche hat der unvergleichliche Stille Has mir mit «Böses Alter» ein neues Lied zu einem Phänomen geschenkt, zu dem mir bisher die passende Zeile fehlte: «Sturi alti Manne — ghöre schlächt, hei drum gäng rächt.»

«iPad und Pixibüechli, alles mit Mass.»
«iPad und Pixibüechli, alles mit Mass.»

Ist nämlich ein Umschlag mit Schreibmaschine beschriftet, weiss ich, ehe ich ihn öffne: Ich habe einen älteren Herrn verärgert. Mit denjenigen Senioren, die ihre Leserbriefe noch in die Maschine hacken, ist nicht zu spassen. Sie schimpfen mich einen «idiotischen Feministen» und «Drecklinken», wobei sie beim K so rabiat auf die Tastatur hämmern, dass es ein Loch ins Papier gibt. Als ich hier unlängst schrieb, die Welt würde wegen der digitalen Medien nicht untergehen, waren sie wieder in Rage: die alten Männer, die gern finden, unsere Jugend sei am Verdummen. Aber auch Jüngeren ist bang ob der angeblichen «digitalen Demenz». Patric, eben Vater geworden, hatte sich vorgenommen, seinem Sohn kein elektronisches Gerät in die Finger zu geben, bis der mindestens vier sei. «Und jetzt schreibst du so etwas, Bänz?» Aber man kann einem Kind doch die Welt, in der es lebt, nicht vorenthalten! Sonst ergehts einem wie einst dem Pfarrer bei uns im Dorf, der seine Kinder ohne Fernseher aufwachsen lassen wollte. Sein Jüngster ging sonntagnachmittags stets zur benachbarten Metzgerfamilie «spielen». Bis sich herausstellte: Der Kleine schaute sich dort Sonntag für Sonntag Töffrennen am TV an.

iPad und Pixibüechli, alles mit Mass.

Ich finde, man müsse ein Kind nicht wattieren, verschonen, sondern es an die Welt heranführen. Und das Schöne ist ja: Alsbald führen sie, die Kinder, einen an die heutige Welt heran. Man bleibt à jour. (Und ich hab dank Anna Luna und Hans nun endlich eine Eishockey-App, um live mit meinen Langnau Tigers fiebern zu können.) Ja, Sakrament, ist es denn so schwierig? Den Kindern Bücher und Smartphones in die Finger zu geben, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen? Zeichnen und Gamen, iPad und Pixibüechli, alles mit Mass. Und geht es nicht bei allem schlicht darum, ein Kind nicht alleinzulassen, nicht mit «Räuber Hotzenplotz» und nicht mit einem gefürchigen Computerspiel, nicht mit seinen Sorgen, nicht mit seinen Freuden? Mir missfällt Panikmache. «Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.» So schimpfte schon Aristoteles, und das ist immerhin 2350 Jahre her. Und wer sagt, dass nicht schon im alten Griechenland umgekehrt auch Eltern ihren Kindern auf den Geist gingen, mit Songzitaten und so?

Er ist übrigens gut geraten, unser Pfarrerssohn. Trotz der Töffrennen. Oder vielleicht sogar ihretwegen.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli