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03. Oktober 2011

Heilige Wasser, steile Wände

Eine Wanderung entlang der alten Walliser Wasserleitungen, der Suonen, ist nicht anstrengend. Aber schwindelerregend. Und früher lebensgefährlich, wie der Film «An heiligen Wassern» zeigt.

Chänilzug
Mal führt der Weg über ein schmales Brett mit viel Luft unter den Füssen, mal auf breitem Pfad entlangder gurgelnden Suone, wie hier beim Chänilzug.

Zwei Fuss breit ist das leicht gewölbte Brett. Darunter befindet sich viel Luft und sonst lange nichts. Jeder Schritt kostet Überwindung. Das Tau, an dem wir uns festkrallen, ist nur locker gespannt und gibt bei jedem Zug nach — was die Sache nicht gerade einfacher macht. Claudio (42), Cintia (37) und ich (43) befinden uns in den ersten Metern des Chänilzugs, einem Abschnitt der Gorperi Suone, wo die Holzkännel der Wasserleitung mitten durch die hohe, überhängende Felswand führen. «Betreten auf eigenes Risiko», steht auf einem goldenen Täfelchen davor. Immerhin, wir haben die Wahl: Entweder wir gehen über das ausgesetzte Brett oder durch den kleinen Tunnel ans andere Ende der Felswand. Die Walliser, die früher die Suonen bauten und unterhielten, hatten hingegen lange keine Wahl: Sie mussten unter Lebensgefahr in die «gächen» Felswände steigen, viele fanden dabei den Tod.

Warum sie dieses Risiko überhaupt auf sich nahmen? Das wird im Film «An heiligen Wassern» aus dem Jahr 1960 gleich zu Beginn beantwortet: «Für die hoch gelegenen Walliser Bergdörfer bedeutete Wasser Leben. Deshalb sind die in den Holzkänneln fliessenden Wasser die heiligen Wasser. » Dazu muss man wissen, dass im Wallis nicht viel mehr Regen fällt als in Süditalien und ohne die Wasserleitungen gerade in den höher gelegenen Dörfern keine Landwirtschaft möglich gewesen wäre.

Chänilzug
Mal führt der Weg über ein schmales Brett mit viel Luft unter den Füssen, mal auf breitem Pfad entlangder gurgelnden Suone, wie hier beim Chänilzug.

Also bauten die Walliser schon vor mehr als 800 Jahren ihre Suonen, die einen Teil des Berg- und Gletscherwassers statt ins Tal, das damals sowieso versumpft war, in die Dörfer am Hang leiteten. Dazu wurden Rinnen in den Boden gegraben, Leitungen in den Fels gehauen oder, wie beim Chänilzug, Kännel in die Felswand gehängt.

Das «Tocken» des Wasserrads zeigt, dass die Leitung funktioniert

Auf dem Weg zum Chänilzug führt unser Weg grösstenteils entlang der Gorperi — rechter Hand das gurgelnde, weissgraue Wasser in der Suone, linker Hand die steilen Flanken, die weit hinunter zum Baltschiederbach reichen, und dazwischen der 50 Zentimeter breite Wanderweg. Wir passieren kleine, niedrige Felstunnels, durch die das eiskalte Wasser fliesst. Und schliesslich erreichen wir ein von der Suone gespeistes Wasserrad, das einen Hammer antreibt, dessen regelmässiges «Tocken» schon früher den Dorfbewohnern mitteilte, dass alles in Ordnung ist, dass die für Land, Vieh und Mensch so wichtige Wasserleitung funktioniert.

Wasserfluss im fiktiven Walliser Dorf St. Peter
Das «heilige Wasser» treibt das Wasserrad an, fliesst durch dunkle Tunnels und speist den Dorfbrunnen.

Nicht so im Film «An heiligen Wassern». Hier versiegt der Wasserfluss im fiktiven Walliser Dorf St. Peter — eine Lawine hat die Kännel in der Felswand beschädigt. Ein uraltes Gesetz besagt, dass ausgelost wird, wer von den Männern des Dorfs in die Wand hinaus muss. Doch für einmal schert sich der Gemeindepräsident nicht um das Gesetz. Der vermögende «Presi», wie er von allen genannt wird, bietet dem ärmsten Bauern den Erlass sämtlicher Schulden, wenn er freiwillig in die Wand geht. Dieser einfache Bauer heisst, so zufällig schlägt manchmal die Ironie zu, Seppi Blatter — wie der mächtige Walliser «Presi» der Fifa.

Blatter geht schliesslich in die Wand. An deren Fuss stehen seine Familie, die Dorfbewohner und der Pfarrer. Gebannt verfolgen sie jeden Schritt Blatters auf den ausgesetzten Känneln. Tatsächlich war es früher üblich, dass bei riskanten Reparaturen an den Suonenleitungen der Pfarrer des Dorfs dabei war. Und weil dieser Job so gefährlich war, wurden damals Häftlinge, die freiwillig in die Wand gingen, nach vollbrachter Arbeit begnadigt.

Die alten Suonen dienen heute noch der Feldbewässerung

Wir haben, wie gesagt, beim Chänilzug die Wahl: Die einen gehen über das ausgesetzte Brett, die anderen durch den Felstunnel. Nach 50 Metern treffen sich unsere Wege bereits wieder. Weiter geht es dem Wasser entlang immer tiefer ins Baltschiedertal hinein. Hier werden die Felswände schroffer und die Berggipfel höher. Hier wo das Wasser der Gorperi- Suone vom Baltschiederbach abgezweigt wird, führt eine Brücke über das Wasser auf die andere Talseite. «Vorsicht!» steht auf dem Wegweiser zum Pfad, der wieder talauswärts entlang der Suone Undra führt. Tatsächlich fallen auch auf diesem Streckenabschnitt die Hänge linker Hand immer wieder senkrecht ab. Meist nimmt aber die dichte Vegetation am Abhang der tiefen Schlucht den Schrecken.

Das «heilige Wasser»
Das «heilige Wasser» treibt das Wasserrad an, fliesst durch dunkle Tunnels und speist den Dorfbrunnen.

Mit Entsetzen verfolgen im Film die Bewohner von St. Peter, wie Seppi Blatter zwar die Reparatur der Kännel schafft, dann aber ausrutscht und in den Tod stürzt. Mit einem «auf Wiedersehen in der Ewigkeit, Blatter» nehmen die Dorfbewohner am Sarg von ihm Abschied. «Er ist freiwillig hoch gegangen, das weisst du so gut wie ich», sagt der «Presi» zu einem Dorfbewohner und weist jegliche Schuld von sich. Doch der Sohn von Seppi Blatter sieht das anders.

Das «heilige Wasser»
Das «heilige Wasser» treibt das Wasserrad an, fliesst durch dunkle Tunnels und speist den Dorfbrunnen.

Uns begleitet nach wie vor das Plätschern und Gurgeln der Undra-Suone, deren Wasser sich genauso wie der Wanderweg immer eng entlang der Felswand schlängelt. Natürlich hat in der Zwischenzeit die Bedeutung der heiligen Wasser abgenommen. Viele Leitungen wurden modernisiert und in den Untergrund oder den Fels verbannt. Dafür haben die offen verlegten Suonen mit den entlangführenden Wanderwegen heute einen grossen touristischen Wert erlangt. Und trotzdem dienen viele von ihnen nach wie vor der Bewässerung. So passieren beispielsweise auch wir kurz vor unserem Ziel Ausserberg diverse Rasensprengeranlagen, die ihr Wasser aus der Undra beziehen.

Autor: Thomas Senf, Üsé Meyer